Jeder Überragende schickt ein Dutzend Große in die Kälte der Vergessenheit. Ein Celan verdunkelt die Eich, Lehmann, von der Vring, Brobrowski und Lavant. Die wir sonst stets die liberale Vielfalt preisen, anerkennen unbeirrt den Monarchen, den Ersten und Einen, die führende Größe, die die schwach Lesenden zusammenhält und ihnen Orientierung bietet. Obgleich doch die Kunst in Höchstformen nur existiert, weil sie im Ganzen von den Vielverschiedenen geschaffen wird. Man muss sogar dem Ranking, das die Geschichte selbst, die Überlieferung vornimmt, zuwider lesen. Erst dann verdient man das kleine und seltene Ehrenabzeichen des Lesers.

Literaturgeschichte ist Selektionsgeschichte. Aber Selektionsgeschichte entwickelt ihrerseits die Geschichte veränderlicher Vorlieben und Prinzipien. Ein solcher Prinzipiensturz wird uns seit langem vorenthalten. Er wäre überfällig, lässt sich jedoch nicht mutwillig beschließen oder gar herbeiführen.

Es gibt gleichwohl die weithin verstreute Fülle großer Werke auch in der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit, die sich sehr unterscheiden von dem, was man gerade für den Wettbewerb nominiert. Moden (wie zu allen Zeiten) und dazu die internationale Schwemme oft in sprachloses Deutsch übertragener Romane behindern die Entdeckungsfreude, mit der man sich in der eigenen Literatur umsehen könnte. Anstatt der A-Klasse-Auslese gäbe es besser eine Feldtheorie der Stile und Weisen, und es wäre ein Feld hoher Spannungen und Wechselwirkungen zu beschreiben, und an die Stelle der Literaturgeschichte träte besser der randomisierte Zugriff auf die Energiereserven der ganzen Poesie. Unser Bewusstsein bildet sich nach der Art unserer technischen Gegebenheiten und Beschäftigungen. Wir arbeiten mit dem Speicher der uns überall gleichzeitigen Werke.

Mitten im 20. Jahrhundert gab es zum Beispiel in Deutschland einen Mystiker-Dichter, einen spröd sprechenden Nachfahren der Böhme, Tauler und Baader, und er hieß Konrad Weiß. Sohn eines Metzgers und Landwirts, wuchs er in einem Dorf in Nordschwaben auf, unweit der Stammburg der Staufer, sodass, wie es ihm selber schien, seine Landsmannschaft ihn zeitlebens an das Mittelalter band und er in seinem Kunstsinn, darin Rudolf Borchardt ähnlich, zu einem Enthusiasten der Frühe wurde. Nach einem abgebrochenen Studium der Theologie, dem Verzicht auf das angestrebte Priesteramt begann er seine schriftstellerische Laufbahn bei der katholischen Kulturzeitschrift Hochland und wechselte von dort in das Kunst-Ressort der Münchner Neuen Nachrichten, der Vorläuferin der heutigen Süddeutschen Zeitung. Hier übte er bis zu seinem Tod im Jahr 1940 den Brotberuf des Redakteurs, des Journalisten aus.

Wenn man heute die für die Zeitung verfassten Reiseberichte und kunstgeschichtlichen Abhandlungen liest, gesammelt etwa in dem Band Deutschlands Morgenspiegel, über Internet-Antiquariate leicht erhältlich, dann staunt man nicht schlecht, welche Gedankenabenteuer und sprachlichen Unbequemlichkeiten einem Feuilleton-Publikum damals zuzumuten waren. Und das unter dem wachsenden Einfluss eines ästhetischen Grobianismus, wie er von den Nationalsozialisten propagiert wurde.

Von Konrad Weiß, seinem nicht sehr umfangreichen, im Wesentlichen lyrischen Werk ist im gegenwärtigen Buchhandel nichts mehr erhältlich. Bis vor kurzem gab es lediglich ein Bibliothek-Suhrkamp-Bändchen mit der Prosadichtung Die Löwin. Keine novellistische Geschichte wird erzählt, sondern die Ausstrahlung, die ebenso sinnliche wie sinnbildhafte, einer zentralen Begegnung durchzieht und bewegt den gesamten, sonst ereignislosen Text. Vier Begegnungen fasst das Buch. Begegnungen stets mit einer weiblichen Gestalt, nicht etwa einer individuellen Person, sondern jedes Mal ist es eine Unbekannte, die dem Mann auf seiner Wanderung in den Weg tritt. Eine Unbestimmbare auch, die plötzlich die Figur der absoluten Fremdheit und Bedrohlichkeit annimmt oder offenbart. Meist führt ein Aufbruch, ein Fortgehen, ein Verlassen der Arbeitsstätte und ein langer Gedankengang in eine solche nicht geheure Begegnung hinein.

"Der Flug gibt den Vögeln das Beste und uns der Zufall", sagt eine dieser entgegenkommenden Frauen, die für wenige Mittags- oder Abendstunden zu Begleiterinnen werden. Ein solch fortgehender Mann trägt ein kleines Kind auf dem Arm, er watet durch eine von der Schneeschmelze wässrige Wiese. Hier ist die Löwin die Entgegenkommende, die durchs hohe Gras streift, sich hinter dem Mann wendet, ihn einholt, ihn umgibt und begleitet, schließlich ihn führt, entführt – und das Kind von ihm nimmt. Zunächst finden wir den gefährlichen Schritt dieser Löwin beschrieben und erfassen dabei immerzu das innerste Wesen, den "stummen Geist", das Energieprofil jener Frau, die in tiergleicher Würde schreitet. Die Löwin also ist der Inbegriff oder der Ingrund der Unbezwingbaren, der kräftigen und heilskräftigen Frau. Einmal nennt sie sich Euphobia, also die Wohlfurcht dem Wortsinn nach, das gute Erzittern, das in ihrer Nähe den Wanderer befällt, wenn er ihr nachgeht. Doch er geht über sie hinaus, entfernt sich wieder.

Auch die Harpyie in der zweiten Begegnung ist nicht eigentlich Allegorie, kein erschreckendes Fabelwesen, Mischung aus Mädchen und Greif. Vielmehr ist es zuerst "die starke und kräftige Frauengestalt" einer Sommer-Klausnerin, die dem abgeirrten Streckenarbeiter des Gleisbaus den Weg über die Felder weist, den er verlor. Doch auch sie entführt, lädt ihn an ihren Herd und geht ihm voraus. Erst bei der schönsten Bewegung, die die Vorausgehende ausführt auf einer Stiege, als sie den Schuh, der ihr vom Fuß rutscht, mit einer freimütigen Biegung zu ihrem Gast hin wieder anlegt, erkennt dieser im spaltenden Moment Gelenk und Kralle, sieht er vor sich die Zehe des Vogels, "und diese schien angesetzt wie an ein geringeltes Fruchtholz".