Wenig später blickt er in ihre ganz ins Weiße verschlossenen Augäpfel, und nun entstellt sich seine Führerin in die Nacht oder kehrt ihr tieferes Wesen hervor, ihr in Stein gehauenes Bild, die Unnahbarkeit einer Portalskulptur. Es ist im selben nahen Gegenüber zweier Menschen ein Schwanken von Nähe und Entrückung. Die Wellen des Erkennens tragen zueinander und dann wieder in die Entfernung. Und die Frau sagt mit einer starken Stimme: "Zu sehr im Wachsein ist man in einem anderen Schlummer. Wir finden uns gerne in der zauberhaften Trübung. Aber man muss entschlossen wandern, denn dem näheren Herzen bleibt nichts erspart." Da spricht sie, so scheint ihm, mit seiner Stimme, die Frau wird dem Mann plötzlich zur "Partnerin", deren Ratschlag er sogleich beherzigt, indem er noch vor dem gemeinsamen Abendbrot ihre Gegenwart flieht. Auch bei den zwei folgenden Begegnungen seiner Wanderschaft bleiben Nacktheit, Tanz, Umarmung verbunden mit einem kentaurischen Erleben, das zwischen Plötzlichkeit und Besinnung, zwischen Grauen und Schönheit unerlöst bleibt und niemals nahe dem Herzen geschieht.

Die Prosa von Konrad Weiß kennt wenig Detailbeschreibung, keine Oberflächenreize, kein atmosphärisches Kolorit. Auch die großen farbigen Ausmalungen des Himmels, die wechselvoll wiederkehren, sind zuletzt spirituelle Erfahrungen der Last, der Entfernung, der ewigen Trennung zwischen der Schöpfung und dem "Krüppelchen" ganz unten, das sie erkennt. Die Sprache ist gleichsam eine Infrarot-Sprache, welche die Wärme- und Kraftfelder eines Menschen darstellt. Sie unterscheidet allenthalben nur Gestalt, innere wie äußere, und erfasst den Hauch, Pneuma und Nimbus, eines Menschen genauer als seine Lebensumstände. Sie gibt die Stelle an, wo er sich zwischen Hauch und Hunger, dem Hunger nach dem unendlich entfernten Gott, gerade befindet. Und sich verzehrt. "Mutter überall und Vater nirgends", so lautet, mehrmals variiert im letzten Abschnitt, das innere Motto dieser marianischen Dichtung, dieser Visionen des weiblichen Entgegenkommens. Der Vater nämlich hat alles der Mutter zum Schauen und alles Geschehen ihr zum Erleiden überlassen.

Diesem Entfernungsinständigen ist allerdings jeder Prediger- oder Prophetenton fremd. Nicht eigentlich bescheiden spricht er, sondern er macht sich, ausgestattet mit Selbstbeugungsbärenkräften, zum gewaltigen Knecht des Horchens. Jemand, der in der Sprache, obschon er immerzu ihr "ohnmächtiges Gerattere unter dem Himmel" vernimmt, im Nachhall jenes Wortes lebt, um dessentwillen wir so viele Worte machen. Dies Wort, das nur ein äußeres Zeichen des Schweigens ist. Das dem Menschen wie ein Tier zur Seite geht. Das Kreatur ist.

Dabei mögen wir das schwere Verstehen dieser Diktion oftmals so empfinden, als ob die Sprache gleichsam nur als ein Kontrastmittel durch das Unaussprechliche fließe, um das Geäder der Stummheit darzustellen.

Wer aber wäre heute bereit, zu lesen und schwer zu verstehen? Und wenn er wieder und wieder läse und verstünde weniger als beim ersten Mal, weil der Sinn sich entzieht wie eine Luftspiegelung, der man sich nähert, und wie ein Fresko auf einer frisch ausgegrabenen Mauer, das im Taglicht verblasst? Wer wäre dennoch bereit, es ein nächstes Mal zu versuchen?

Wir essen vom Menschen, indem wir ihn erkennen, heißt es einmal in der letzten dieser Vier Begegnungen, und so essen wir auch vom Sinn, der uns verborgen bleibt.

Äußerste Verdichtungen der Sprache, oder besser gesagt: gesteigerte, ausgangslose Erlebnisformen des Deutschen, wie Hamann, Hölderlin, Weiß sie uns übertrugen, sind unverzichtbar, um die Sprache als Dienstmittel, sei es in der Erzählkunst oder der gesellschaftlichen Verständigung, von Zeit zu Zeit stärkend zu unterbrechen, damit sie nicht konstant ihrem Mangel anheim fällt. Dies geschieht unvermeidlich um den Preis der Abgeschlossenheit, denn im Herzen der Verdichtung kann zunächst kein anderer als der Dichter sein.