Glaubt man Robert Kagan, dem Mitbegründer des Project for a New Amercian Century, dann kommen Amerikaner vom Mars und die Europäer von der Venus – die Amerikaner sind martialisch, maskulin und unkommunikativ, während Europa feminin und kommunikativ ist und den Konsens schätzt. Das ist inzwischen ein geflügeltes Wort, aber leider haut Kagan ziemlich daneben, zumal die Amerikaner nicht vom Mars kommen, sondern – aus Europa. Es gibt tatsächlich Unterschiede zwischen US-Amerikanern und den Deutschen, Unterschiede zwischen den Völkern, nicht den Regierungsparteien. Doch welche sind es?

Wenn Deutsche ihre Betroffenheit über Neonazis äußern, murmele ich etwas über die Graswurzel-Struktur der Bürgerrechtsbewegung. Dann murmeln die Deutschen zurück, der Staat müsse dieses Problem lösen. Ich murmele das Übliche über das US-amerikanische Verständnis von Redefreiheit; sie murmeln das Übliche über die Besonderheiten der deutschen Geschichte. Ich sage, ihr könnt keinen Pluralismus haben, wenn ihr immer nach Papi ruft; sie sagen, man könne keinen Pluralismus haben, wenn die Nazis kommen. Ein anderes Gespräch, das ich immer wieder führe, beginnt mit dem deutschen Widerstand gegen Bushs Nachkriegspolitik im Irak. Den Irakern stünde das Recht auf Selbstbestimmung zu, und sie sollten selbst ihre Sache auskämpfen. Die Aufgabe der UN sei es lediglich, Zusammenstöße zu verhindern, ohne in die Auseinandersetzungen einzugreifen. So wie die deutsche Regierung, wenn es gegen die Nazis geht?

Deutsche glauben an den Staat

Für mich stellt die Sache sich so da: Die Deutschen glauben so fest an das Funktionieren ihrer Institutionen, wie es den meisten US-Amerikanern nie in den Sinn kommen würde. Sie sind auf romantische Weise in ihre Systeme verliebt und schreiben ihnen die Macht zu, Staaten zu erschaffen und aufrechtzuerhalten, demokratisch oder nicht. Gerade weil die Deutschen davon ausgehen, dass Systeme oder Ministerien funktionieren, empfinden sie eine Spaltung zwischen sich und den Autoritäten. Ein fundiertes Misstrauen gegenüber der Macht, während sie gleichzeitig erwarten, dass die Macht funktioniert. Also sagen sie: Deutsche Regierung – ja (die Regierung funktioniert); amerikanische Regierung– nein (die Regierung ist suspekt).

Die Idee, den Staat anzurufen, um das Faschismusproblem zu lösen, finde ich wahrhaft bemerkenswert – die Vorstellung, der Staat, nicht die Bürger, hielten das Gemeinwesen gegen die Nazis zusammen. Die Deutschen glauben, ihre Regierung werde das richtige Gesetz verabschieden. Und nicht nur gegen die Neonazis. In jeder Unterhaltung, in der die Rede auf das deutsche Gesundheits- oder Bildungssystem, auf genmanipulierte Lebensmittel, auf das Zivil- oder Einwanderungsrecht kommt, begegnet mir der Glaube, die Regierung werde die Sache schon richten. Gleichzeitig verfügt Deutschland über stärkere Oppositionsparteien als die USA; das Meinungsspektrum in der Presse ist breiter, die Angriffe auf die Regierungsparteien sind schärfer. Alles in allem scheint es sich bei dem Wunsch, die Regierung möge funktionieren, und dem Bedürfnis, Barrikaden gegen sie zu errichten, um einen inneren Widerspruch zu handeln, der Deutschland antreibt. Er ist nicht weniger verrückt als der amerikanische Glaube, dass nichts funktioniert und die Regierung am allerwenigsten.

Der rebellische Individualismus der USA schüttet Hohn und Spott über "Systeme" aus, erst recht über die Regierung, und zwar wegen ihrer legendären Inkompetenz. Der Regierung begegnet man mit Erwartungen, die man sonst seinem Klempner gegenüber hegt. Manchmal schlägt die Reparatur fehl, aber am Ende kriegt man die Sache schon hin. Bei uns sagen wir: Wenn die Regierung über Bord ginge, würde sie um sich schlagen, ohne das Wasser zu treffen. Und die Vorstellung, sie könnte das richtige Gesetz verabschieden, kommt allen so lächerlich vor wie mir die Vorstellung, die Telefongesellschaft könne mein Fax ordnungsgemäß zustellen.

Nur ihr Ungeschick ist unentschuldbar. Die Inkompetenz der US-Regierung ist nur deshalb von mythischem Ausmaß, weil wir an diesen Mythos glauben wollen. Denn warum sonst wären die Amerikaner bereit, Bushs Steuererleichterungen zu schlucken, die dem reichsten einen Prozent der Bürger 726 Milliarden Dollar schenken? Die Vorstellung von den ewig wachsenden Möglichkeiten, die einen selbst bald in das oberste eine Prozent katapultieren, ist nur der zweite Grund. Vor allem glauben die Menschen, dass die Regierung sowieso keine Ahnung hat, was sie mit dem Geld anfangen soll.

Amerikaner belächeln die Macht