porträt Wie klingt eine Untertasse?
Elmar Lampson, Dekan des Studium fundamentale in Witten/Herdecke, vermittelt bewusstseinserweiternde Erfahrungen
Die 16 Studenten, die sich im Musikraum der Universität Witten/Herdecke zum Seminar eingefunden haben, schließen brav die Augen. Elmar Lampson balanciert auf zwei Fingern der linken Hand eine aus der Mensa entwendete Untertasse und bringt sie mit dem Nagel des rechten Zeigefingers zum Klingen. Danach versteckt er die Untertasse in seiner Tasche. „Und Augen auf! Beschreiben Sie doch einmal, was Sie gerade gehört haben.“ Da ringt dann so mancher nach Worten: „Zuerst klingt es nicht, da ist was vorweg“, oder „Je leiser es wird, desto klarer klingt der Ton“. „Sphärisch“ habe sich das angehört oder „irgendwie asiatisch“. Als Lampson die Untertasse hervorholt, entspinnt sich ein lebhafter Gedankenaustausch über das Alltagshören, seinen Zusammenhang mit dem Sehen und darüber, wie verhaftet wir alle festen Hörgewohnheiten sind.
Das Besondere an dem ungewöhnlichen Musikkurs: Lampsons Hörer studieren eigentlich Medizin oder Wirtschaftswissenschaften. Sie sind allenfalls Hobbymusiker, manche von ihnen können nicht einmal Noten lesen. Doch wer an der Universität Witten/Herdecke Examen machen will, muss auch über seinen Tellerrand hinausschauen beziehungsweise -hören. Verantwortlich dafür ist seit fünf Jahren Elmar Lampson. Denn der 51-jährige Komponist und Dirigent ist Dekan des „Studium fundamentale“ und damit gewissermaßen zuständig für studentische Bewusstseinserweiterung.
Bin ich eine gescheiterte Existenz?
Das „Stufu“ – wie hier alle sagen – gehört zum Reformprogramm Witten/Herdeckes, seit die erste deutsche Privatuniversität vor rund 20 Jahren antrat, um im verkrusteten Hochschulsystem neue Maßstäbe zu setzen. Hier sollten Mediziner und Manager nicht nur fachlich gut ausgebildet werden, sondern in Seminaren, Vorträgen und praktischen Übungen aus den Bereichen der Kunst und der Geisteswissenschaften auch menschlich qualifiziert werden. Das Ziel waren Ärzte, die in ihren Patienten mehr sehen als die Leber auf Station zwölf; Wirtschaftswissenschaftler, für die ein Unternehmen mehr ist als ein Vehikel zur Gewinnmaximierung.
Ein hoher Anspruch. Doch als Elmar Lampson 1995 als Gastdozent nach Witten kam, empfand er das Studium fundamentale nur mehr als „Sammelsurium netter Möglichkeiten, um die eigene Bildung aufzufrischen“. Statt Wesensschulung wurde da ein Programm geboten, das sehr an die Formen des „Studium generale“ erinnerte, das heute fast jede Universität wieder im Angebot hat. Um das Stufu aus einer „gewissen Oberflächlichkeit“ zu befreien, so fand Lampson, müsse ein neues Konzept, ein eigener Studiengang her.
Damals steckte er selbst in einer Krise. Der Musiker war an einem Punkt seines Leben angekommen, wo er fürchtete, eine „gescheiterte Existenz“ zu werden. Zwar hatte er nach außen eine durchaus vorzeigbare Erfolgsbilanz aufzuweisen – Auftritte als Komponist und Dirigent bei internationalen Festivals, Mitbegründer des Hamburger Musikfestes Hörwelten, Leiter der Hamburger Orchesterakademie, ein umfangreiches Œuvre von Chor-, Orchester-, Kammermusik und Opern. Aber all diese Projekte erschienen ihm wie kurze Höhenflüge, die nicht dauerhaft trugen. Die frühen Ängste seiner Mutter holten ihn ein, die stets fürchtete, der notorisch (Waldorf-)Schule schwänzende Sohn, der – diverse Krankheiten simulierend – seine Schulzeit größtenteils im Bett mit Komponieren zubrachte, könnte als gescheiterte Existenz enden. Es musste sich etwas ändern in seinem Leben. Als ihn der Ruf der Uni Witten/Herdecke ereilte, nahm er an, „trotz eines großen Misstrauens gegen feste Institutionen“, denn er hatte immer selbstständig gearbeitet und war es gewohnt, „dass nur das existiert, was man selber aufbaut“.
Dazu gehört das Familiendomizil in Neuwiedenthal bei Hamburg – ein Stück heile Welt inmitten von Wald, Wiesen, einem Bauerngarten und Schafen hinterm Haus. Das gibt Lampson auch für Witten nicht ganz auf, lieber pendelt er. Oder verlegt, wenn es geht, die Arbeit hierher. Der Arbeitsraum, früher vielleicht eine Scheune oder ein Stall, sieht aus wie in Kunst getaucht: überall Bilder, Instrumente, Bücher, Skulpturen und jedes Stück ein Teil der Biografie des Hausherrn. Der scheint an diesem Vormittag – ganz und gar untypisch für ihn – vorübergehend mit seinen Gedanken woanders. Eines der fünf Lampson-Kinder musste mit Symptomen, die auf die Folgen eines Zeckenbisses deuten, von seiner Mutter ins Krankenhaus gebracht werden. Und damit ist er auch schon wieder mitten in seinem Thema: Denn im Krankenhaus sei sie ihm wieder übel aufgefallen, „diese große Diskrepanz zwischen einer ausgezeichneten medizinischen Versorgung und einer jämmerlichen Kultur“. Und nicht nur in vielen Krankenhäusern, auch in Schulen, Unternehmen, an Universitäten sei die Kluft zu spüren zwischen hoher fachlicher und mangelhafter menschlicher oder „kultureller“ Kompetenz. Genau hier wolle das Stufu nachqualifizieren.
Als Lampson vor fünf Jahren dazu ein neues Konzept entwickelte, ließ man ihm in Witten/ Herdecke viel Freiheit. Heute schwärmt er: „Wir haben jetzt alles geschafft, was wir uns damals vorgenommen haben“, und bedauert, nicht achtstimmig reden zu können, um alle Aspekte seines Konzepts auf einmal zu erklären. Das Stufu ist nun eine „transdisziplinäre Zusatzausbildung“, die von sechs Lehrstühlen (Philosophie, Ästhetik, Geschichte, Soziologie, Literatur, Phänomenologie der Musik) getragen und als Wahlpflichtfach mit 15 Prozent in die Gesamtstudienleistung eingebracht wird. In drei so genannten Kompetenzfeldern soll den Studenten vermittelt werden, woran Wissenschaft und Gesellschaft Mangel leiden: eine Schulung des Denkens und der Urteilskraft („reflexive Kompetenz“). Ein Training der Fähigkeit, Konzepte anzustoßen und Ideen in Bewegung zu setzen („kommunikative Kompetenz“). Und eine Schulung der Wahrnehmung („künstlerische Kompetenz“), denn Kunst wirke als Katalysator unbekannter Sichtweisen.
Dazu gehört beispielsweise auch der Kurs mit dem Untertassen-Hör-Experiment, in dessen Verlauf die Studenten später auch selbst Klänge erzeugen, vielleicht eigene Klanggebilde „komponieren“ und gregorianische Choräle singen. Am Ende des zweisemestrigen Seminars werden sie dann mit einer Hausarbeit, einem Referat oder einer Klausur den geforderten Leistungsnachweis erbringen und für ihr Examen – wie an dieser Uni üblich – credit points sammeln.
Doch das ist nur eine Veranstaltung aus einer ganzen Fülle, die sich im Vorlesungsverzeichnis als Studium fundamentale niederschlagen. Dazu gehören auch Kurse über Steinmetzen, die „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht von Immanuel Kant“ oder eine „Seminareinladung zum Querdenken“ mit dem Titel: Hohen professionellen Anforderungen gerecht werden – genussvoll leben – ein Widerspruch? Nicht immer ist für die Studenten ersichtlich, was genau sie erwartet. So wurden etwa die Teilnehmer des Seminars Gescheit sein kommt von scheitern – Grenzerfahrungen zur Verbesserung der Teamfähigkeit in die Grube Louise im Westerwald verfrachtet und dort 56 Stunden lang „psychologischen und körperlichen Grenzerfahrungen“ ausgesetzt, um, wie Stufu-Dozent Michael Hengl es formulierte, „die Patina der Zivilisation abzulegen und sich so zu zeigen, wie sie sind“.
Solche Seminare sind oft Achterbahnen rarer Erfahrungswerte, und jeder nimmt irgendetwas für sich mit. Die Studenten ertragen die zusätzliche Lehrbelastung willig, zum Teil gar begeistert. Nicht wenige haben sich vor allem wegen des Stufu für ein Studium in Witten entschieden. Holger Nieswandt etwa, der im achten Semester Wirtschaftswissenschaften studiert, kommt eigentlich aus einem musikalischen Haus, liebt Barockmusik, besonders Bach, hat in einer eigenen Band gespielt, ist an stundenlange Gespräche über Musik gewöhnt, darüber, wie sie komponiert, interpretiert, analysiert, reflektiert wird. Aber wie man sie einfach hört, „diese interpretationsfreie Wahrnehmungsebene“, hat ihm vor Elmar Lampson noch niemand vermittelt.
Nicht nur die Studenten profitieren davon. Zur Philosophie der Universität gehört seit je, mit den Unternehmen der Region zu kooperieren. Das Stufu wird via Fortbildungsangebote „nach außen geklappt“, wie Lampson das nennt. Zur Legende wurde die Sanierung einer mittelständischen, an patriarchalischem Führungsstil krankenden Möbelfabrik durch (unter anderem) das gemeinsame Singen mehrstimmiger gregorianischer Choräle von Chefs und Angestellten.
Dirigierkurs für Unternehmer
Auch Mark Letzing, Geschäftsführer der Metamorf Business Consulting GmbH und Eigentümer der dort eingegliederten Privaten Akademie für Angewandte Finanzberatung, glaubt, dass seine Nachwuchsbanker im Wittener Stufu viel lernen können. „Wir haben immer wieder festgestellt: Die Ausbildungsgänge in Deutschland sind zu fachlastig, und die fundamentale Weiterentwicklung der Persönlichkeit kommt zu kurz.“ So arbeitet Letzing in der Ausbildung der Bankkaufleute eng mit der Uni zusammen. Das habe sich ausgezahlt: „Unsere Teilnehmer konnten ihre Kundenzahlen und die Geschäftszahlen deutlich erhöhen.“ Letzing, der nach eigenem Eingeständnis so unmusikalisch ist, dass er in der Grundschule als Einziger nicht am Blockflötenunterricht teilnehmen durfte, gibt allerdings auch zu, dass die Stufu-Erfahrung eine Herausforderung sei: „Als ich im Seminar die Augen zumachen musste, und einer haute auf ’ne Blechdose oder so was, also, da war ich schon irritiert.“
„Die Kreativität der Wittener und besonders von Herrn Lampson ist ja inzwischen das Markenzeichen der Uni“, findet Andreas Büchting, Vorstandssprecher der traditionsreichen KWS – Saat AG in Einbeck, eines Unternehmens, das neue Pflanzensorten für die Landwirtschaft entwickelt. Und da Kreativität nach Büchtings Ansicht zu den herausragenden Eigenschaften eines Managers gehört, hat er zusammen mit einem Dutzend anderer Führungskräfte an einem Dirigierkurs unter Lampsons Leitung teilgenommen, „ohne eine Note lesen zu können“. Dirigenten und Unternehmer hätten ja etwas gemeinsam: Beide müssen ein Team von Spezialisten führen, um so die optimale Gesamtwirkung zu erreichen. Zusammen mit dem Minsker Kammerorchester kamen so in anderthalb Tagen zwei Sätze des Divertimento Nr. 4 C-Dur von Mozart zustande. Persönlich sei das eine tolle Erfahrung gewesen, aber als Fortbildung für sein Unternehmen will Büchting den Kurs vorläufig noch nicht empfehlen, „das muss man noch ausbauen“.
Elmar Lampson erinnert sich mit leisem Lächeln. Solche Seminare seien keineswegs „exotische Gags“, sondern bildeten elementare Vorgänge von Kommunikation ab – wie man allein durch Gestik und Mimik, durch Zeichensprache ein gemeinsames Bild entwirft und ein gemeinsames Ziel erreicht. Man merkt es ihm an: Er möchte am liebsten wieder achtstimmig reden.
Elmar Lampson bringt angehenden Wissenschaftlern und Medizinern neben Fachkenntnissen auch menschliche Qualitäten näher. Der 51-jährige Komponist und Dirigent (hier mit seinen fünf Kindern) leitet das Studium fundamentale an der privaten Universität Witten/Herdecke. Seine ungewöhnlichen Kurse finden nicht nur bei Studenten, sondern inzwischen auch in der Wirtschaft Anklang
- Datum 18.06.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.06.2003 Nr.26
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