Es klingt wie Gemurmel, aber wenn man näher kommt, hört man, dass wohlakzentuierte Worte gesprochen werden. Korrektoren lesen einander Texte vor. Sie sitzen in Vierergruppen in einem langen Archivraum. Jeweils einer liest laut, die drei anderen lesen leise mit, um akribisch genau arabische und römische Zahlen, Akronyme, Abkürzungen und Buchstabenfolgen zu überprüfen. Das Gemurmel der Korrektoren ist das lauteste Geräusch in dem Steingebäude, dessen Fassade von wildem Wein bewachsen ist.

Nebenan macht zwischen Bücherregalen, die bis zur Decke reichen, ein Lektor geheimnisvolle Eintragungen in einen dicken Folianten. Wieder eine Tür weiter sortiert ein Kollege Bündel billigen, schmutzig wirkenden Papiers: Gesetzestexte. Die einen sollen von den rund fünfzig rechtskundigen Kommentatoren analysiert, andere von fünfzig juristisch bewanderten Fachlektoren auf Fehler überprüft, nach Themenbereichen gegliedert und zu handlicher Form weiterverarbeitet werden. In diesen stillen Hallen dienen alle dem einen Ziel: Das Volk muss die Gesetze kennen, die es zu achten hat.

Der C. H. Beck Verlag publiziert alle Gesetze Deutschlands. Alle. Sobald sie verabschiedet sind. Von der Rezession auf dem Buchmarkt ist hier nichts zu spüren. Die Flut von Gesetzestexten lässt nie nach. Im Gegenteil: Die Vielfalt der Systemkrisen scheint den Arbeitseifer der Gesetzgeber noch zu erhöhen, ob im Bundestag, in den Länderkammern oder im Europäischen Parlament. Die Frage, ob die Quantität auch für die Qualität der Gesetze steht, stellt sich kaum für deren Multiplikatoren. Man könnte den Verlag getrost die einzig profitable Regulierungseinrichtung Deutschlands nennen.

Wollte einer den Deutschen Bundestag motivieren, dass er das Volk endlich von der ungeheuren Last überflüssiger und unverständlicher Gesetze befreit, sollte er einen erfahrenen Abgeordneten zur Feldforschung in die Wilhelmstraße9, 80801 München, aussenden. Nicht in den bekannten Publikumsverlag C. H. Beck, sondern in den gleichnamigen juristischen Teil des Unternehmens, mit dessen Erträgen die bedeutenden historischen Werke des Ersteren finanziert werden.

Dort würde der Abgeordnete auf Armin L. Trautmann treffen, den Leiter des Lektorats Amtliche Texte. Wenn Trautmann einen Witz macht, senkt er unwillkürlich die Stimme. "Welches ist der deutsche Bestseller schlechthin?", raunt er. "Ein Roman von Heinrich Böll? Nein – das BGB!" Der Deutsche Taschenbuchverlag dtv, bei dem C.H. Beck Gesellschafter ist, hat das Bürgerliche Gesetzbuch inzwischen in der 53. Auflage herausgebracht. Ein dünnes Bändchen von 735 Seiten.

Gut 4200 Seiten umfasst dagegen die von Heinrich Schönfelder begründete Textsammlung Deutsche Gesetze. Das "Markenzeichen für Juristen" schleppt jeder Student mit sich herum. "Der Schönfelder" hat Gardemaß im Beck Verlag, auf dem Exerzierplatz des deutschen kodifizierten Rechts steht er nicht alleine Spalier. Mit den Ergänzungsbänden Schönfelder I und II bringt er es auf 9500 Seiten deutscher Gesetze. Jeder von uns dürfte einige übertreten haben, und sei es ahnungslos.

Das Arbeitszimmer von Cheflektor Burkhard Schulz ist eine Art Zentralarchiv des Rechts. In diesem Raum wird man leicht erschlagen, von der Bücherwand mit sämtlichen bei C. H. Beck erschienenen juristischen Titeln. Unter anderem: "Der Sartorius" – drei Bände Verfassungs- und Verwaltungsgesetze, inklusive der Internationalen Verträge, des Europarechts und des fortgeltenden, länderübergreifenden DDR-Rechts. Knapp 9000 Seiten. "Der Nipperdey" – Arbeitsrecht, 4000 Seiten. "Der Aichberger" – Sozialgesetzbuch, 3000 Seiten. Ergänzt durch 2520 Seiten zur gesetzlichen Krankenversicherung und Pflegeversicherung. Dazu kommen die Loseblatt-Textsammlungen mit den Gesetzen der einzelnen Bundesländer. Brandenburg stellt mit 4110 Seiten die Vorhut, Hamburg ist mit 2250 Seiten Schlusslicht.

Schönfelder, Sartorius, Nipperdey und Aichberger – kurz auch: "die Ziegel" – sowie eine Sammlung mit Landesgesetzen passen mühelos auf ein einziges Bord in der Regalwand von Burkhard Schulz. Der Platz reicht, weil der Beck Verlag es schafft, unendlich viel Text auf kleinstem Raum unterzubringen. Hergestellt werden die Bände in der eigenen Nördlinger Druckerei, die auf ein Dünndruckverfahren und eine ausgeklügelte Steckmechanik in Plastikordnern spezialisiert ist. Die Werke werden ständig aktualisiert. Zwei-, dreimal im Jahr hat der Abonnent sein Päckchen zu tragen. Wenn er eine Sekretärin mit dem Einsortieren von zwei-, drei-, oder gar vierhundert Seiten beauftragt, dann ist diese ihm tagelang gram.