JustizDer Verdacht

Ein einziger Tag zerstört das Leben einer Familie im Saarland. Die achtjährige Lena werde vom Vater misshandelt, behauptet eine fremde Frau aus der Nachbarschaft. Die staatliche Maschinerie dreht durch: Den Eltern wird das Kind entrissen – und als der Verdacht zwei Jahre später zerfällt, will Lena nicht mehr heim. von 

Eine Mutter, der ihr Kind abhanden kam, ist nicht zu trösten. Ihre Traurigkeit füllt das Haus. Ihr Kaffee schmeckt nach Kummer. Sie kann den Garten nicht betreten, ohne an das erinnert zu werden, was ihr angetan worden ist. Steigt sie in den ersten Stock, sieht sie das Zimmer ihrer kleinen Tochter: geräumig, sonnig, unverändert. Das bunt bezogene Bett, seit 22 Monaten verwaist. Puppen und Bären, erstarrt im Glasschrank. Staubwischen und Blumengießen, das ist alles.

Lena*, die Tochter, ist nicht tot. Auch nicht schwer krank oder vermisst. Sie lebt nur wenige Kilometer entfernt – und doch woanders. Fremde Leute kümmern sich jetzt um sie, kochen für sie, küssen sie zur guten Nacht. Einmal in der Woche darf die Mutter ihr Kind sehen, auf neutralem Boden, in einem trostlosen Spielzimmer. Da sitzen sich die beiden gegenüber, und immer ist ein Dritter anwesend. Gelegentlich werden aus den Mitschriften der Überwachungspersonen Berichte angefertigt betreffend "Familiensache Lena Müller". Eine freundliche Atmosphäre, in der über alles gesprochen werden könnte, kann nicht aufkommen. Anfangs kam es noch zu Szenen der Leidenschaft zwischen Tochter und Mutter, tränenüberströmtem Aneinanderklammern, sehnsüchtigen Küssen. Inzwischen überwiegen die Verletzungen. "Eigentlich will ich gar nicht mit dir reden", sagt das Kind jetzt. "Am liebsten wäre ich gar nicht mehr dein Kind." Oder: "Ich hab dich nicht mehr lieb."

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Vor ein paar Monaten hatte sich Lena bei einem dieser "Besuchskontakte" geweigert, die Mutter überhaupt anzusprechen. Lena war in ein anderes Zimmer gerannt und hatte beharrlich geschwiegen. Deshalb ließ sich Beate Müller von ihrem Mann in die Notaufnahme einer psychotherapeutischen Klinik bringen, weil sie dachte, sie verkrafte das alles nicht mehr.

Die Monate nach dem Verlust ihres Kindes läuft die Mutter nur barfuß, auch im Winter. Sie habe Boden unter den Füßen spüren müssen, sagt sie. Nachts liegt sie wach und spricht mit dem Vater. Immer über dasselbe: Lena. Wo ist sie? Wie geht’s ihr? Beim Aufstehen ist Frau Müller schlecht. Warum haben sie mir mein Kind weggenommen? Was haben sie mit ihr angestellt?

Sie kann nichts tun, darum betätigt sie sich. Stricken wird zu ihrer Sucht. Es entstehen Pullover, Schals, Westen, schränkeweise. Stricken, grübeln, weinen. Warum dieses Elend? Was haben wir falsch gemacht? Womit habe ich diese Ablehnung, diese Demütigungen verdient? Mein Kind, wer hat diesen Keil zwischen uns getrieben?

Als Lena ihren Eltern weggenommen wird, vermerkt der zuständige Familienrichter: "Das Kind möchte zurück zu Mama und Papa. … Lena hat spontan geäußert, es möchte auf jeden Fall zurück, es vermisse die Mutter und auch den Papa, auch der Bruder fehle ihr." Nach fast zweijähriger Trennung von den Eltern sagt Lena demselben Richter am 15. April 2003: "Für mich ist meine Mama auch eigentlich nicht mehr meine Mama… Ich kann nur sagen, ich will nicht zurück."

Was der Familie Müller aus einem Städtchen bei Saarbrücken widerfuhr, ist der Albtraum jedes Vaters, jeder Mutter, jedes Kindes. Die vielen Akten ihres Verfahrens dokumentieren die Zerstörung einer Familie durch staatliche Stellen – das Drama von der Machtlosigkeit eines einzelnen Bürgers, der in die Mühlen von Gerichten und Behörden gerät und für den Rest seines Lebens beschädigt bleibt, auch wenn er sich nichts zuschulden kommen ließ. Hier zeigt sich, zu welcher Inhumanität Amtspersonen in der Lage sind, wenn sie zu viel Macht haben und ihr Handeln zu wenig kontrolliert wird. Hier zeigt sich aber auch, welches Unheil angerichtet wird, wenn Gutachter ihre Wissenschaft vernachlässigen und Richter sich auf solche Sachverständigen verlassen. Und es zeigt sich, was von Zwangsvorstellungen getriebene Menschen anderen antun können.

"Kindesentführung! Gebt mir mein Kind heraus", schreit die Mutter

Ihren Anfang nimmt die Katastrophe am 30. August 2001, als das achtjährige Kind Lena Müller von der Grundschule nicht mehr nach Hause kommt. Eine Frau aus der Nachbarschaft, sie soll Frau X. heißen, deren Tochter Sonja mit Lena die gleiche Schule besucht, hat das Kind abgeholt und bei sich behalten. In ihrem Hause wartet schon eine engagierte Dame vom nächsten Kinderschutzzentrum. Die hatte in den Wochen zuvor bereits diskrete Befragungen des Kindes Lena im Hause X. durchgeführt – Lenas Eltern hat man im Glauben gelassen, ihre Tochter sei zum Spielen da –, dann hatte sie eine Mitarbeiterin des zuständigen Jugendamtes alarmiert. Die Frauen sprachen den Verdacht aus, Lena werde zu Hause misshandelt und missbraucht. Die Frau vom Kinderschutzzentrum und die vom Jugendamt beschließen nun, Lenas Mutter an jenem 30.August mit den Vorwürfen zu konfrontieren und das Kind nicht mehr nach Hause zu lassen, sollte die Mutter nicht einsichtig sein.

Der Mutter stellt sich diese Maßnahme der Aufdeckerinnen als ein Feuerwerk des Dilettantismus dar: Ihr Telefon klingelt, am anderen Ende ist eine Anruferin mit Bindestrichnamen, die sich als Beauftragte des Kinderschutzzentrums vorstellt. Anfangs meint die Mutter, die Fremde wolle um Spenden werben. Als ihre Gesprächspartnerin sie plötzlich zu überreden sucht, sie, die Mutter, solle als "Schutzengel an die Seite ihres Kindes" treten, glaubt sie an einen dummen Witz. Dann fängt die Anruferin von Misshandlung und Missbrauch an, und Frau Müller legt auf. "Solch einen Quatsch" will sie sich nicht anhören. Sie überlegt noch, ihr Kind von der Schule abzuholen, hält diese Reaktion jedoch für übertrieben.

Aber Lena kommt nicht heim. Dafür taucht die Kinderschützerin jetzt persönlich auf und schiebt einen Zettel unter der Tür durch, auf dem zu lesen ist, Lena sei zu Familie X. gebracht worden. Da begreift die Mutter den Ernst der Lage. Sie radelt die kurze Strecke zur Nachbarin X. und gerät vor deren Haus vor Angst außer sich. "Kindesentführung! Gebt mir mein Kind heraus!", schreit sie. Aber sie wagt nicht, die fremde Wohnung zu betreten und Lena an sich zu reißen. Als ihr Notruf wirkungslos bleibt, stellt sie Lenas großen Bruder als Wache auf und fährt zitternd heim, um mit ihrem Mann zu telefonieren, der als Offizier im Zentrum Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz etwa 200 Kilometer entfernt stationiert ist. Der ruft sofort die Polizei und verständigt einen Rechtsanwalt.

Gebt mir mein Kind heraus! In wie vielen Nächten ist diese Szene vor dem inneren Auge der Beate Müller erschienen. Ich war zu brav! Ich hätte hineingehen sollen! Warum hat sie es nicht getan? "Ich hab nicht begriffen, was gespielt wird", sagt Frau Müller heute. "Ich hab gedacht, jetzt kommt die Polizei und bringt die Kleine heim. Ich dachte: Alles wird gut, sobald sich auch nur ein anständiger Mensch dieser Sache annimmt."

Nichts wird gut. Die Mitarbeiterin des Kinderschutzzentrums beschwichtigt die Polizeibeamten: Hier sei eine "Krisenintervention" im Gange. Es bedürfe einer "Klärungsphase". Die Sozialpädagogin vom Jugendamt hält in ihren Berichten fest, wie sie das weinende Kind gegen seinen Willen "in Obhut" nahm und es bei Pflegeeltern unterbrachte. Später – als Lena dort Verhaltensauffälligkeiten zeigt und ein Vierjähriges zwingt, Papier zu essen – muss sie die Pflegefamilie wechseln und auch ein zweites Mal die Schule. Heute leidet Lena an krankhaften Ess-Brech-Attacken und schwerer Neurodermitis. Sie lebt immer noch in Pflege, obwohl ihre leiblichen Eltern durch die Tatsachen vollständig rehabilitiert sind.

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