Justiz Der VerdachtSeite 6/6
Vom Gericht sind es nur 15 Fußminuten hinüber zur Praxis des Psychologen Michael A. Der wirkt ein bisschen unausgeschlafen, aber keineswegs wie einer, der erschüttert ist. Zuerst weist er auf seine langjährige Bekanntschaft mit Lenas Familienrichter und seinen „guten Austausch“ mit diversen Richtern am Oberlandesgericht hin. Dann kommt er zur Sache: Eigentlich, sagt A., sei er „niemand, der strafrechtlich relevante Begutachtungen macht“. Hätte er geahnt, worauf es hinauslaufe, hätte er dem Richter gleich die in diesen Dingen weit erfahrenere Sachverständige Milly Stanislawski vorgeschlagen. „Was die herausgearbeitet hat, das wusste ich nicht. Ich bin kein Polizist.“
Lena, sagt A., sei in den Sitzungen mit ihm steif und fest bei ihrer Aussage geblieben, weshalb er sich „nichts anderes habe vorstellen können, als dass da was dahinter steckt“. Dann erklärt A. seine abseits der präzisen wissenschaftlichen Anforderungen des Strafrechts liegende Arbeitsweise: Er lege nicht nur Wert auf die Aussage eines Kindes, sondern auch auf den nonverbalen Anteil einer Exploration: „Was ich wahrnehme und spüre, beziehe ich in meine Bewertung mit ein.“ Was er wahrnahm und spürte, hätte fast den Untergang einer Familie bedeutet. „Es kommt vor, dass man danebenliegt“, murmelt A., „damit müssen wir Gutachter leben.“
Auch die Nachbarin X. soll Gelegenheit erhalten, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Es ist Mittagszeit. Ein übergewichtiges Mädchen etwa in Lenas Alter öffnet die Haustür im Bademantel. Dann eilt Frau X., ebenfalls im Bademantel, herbei. Sie hat jetzt gerade keine Zeit, stellt aber ein Interview in den Abendstunden in Aussicht. Dieses wird dann vom Ehemann kurz vorher telefonisch abgesagt.
So weit die Geschichte der Lena und ihrer Eltern. Bloß dass es darin den wenigsten nur um Lena und ihre Eltern gegangen zu sein scheint, obgleich doch alle das „Kindeswohl“ inflationär im Munde führten. Wen kümmert in einem solchen Fall noch das Kind? Wem raubt es die Ruhe, dass es nur eines Verdachtes bedarf, um den bislang unbescholtenen Bürger seiner elementarsten Rechte zu berauben?
Immerhin hat sich in den vergangenen Wochen auf Geheiß des Gerichts ein Helferkreis zusammengetan, der unter Anleitung eines Kinderpsychiaters die Rückkehr der inzwischen Zehnjährigen vorbereiten soll. Eltern und Pflegeeltern gehören dazu, auch der neue Sachbearbeiter des Jugendamtes und die mittlerweile kleinlaute Verfahrenspflegerin. Ein Herr vom Kinderschutzbund des Saarlandes moderiert die Runde. Alexander Müller hat seiner Tochter den ersten Brief geschrieben. Sie schrieb ihm Schimpftiraden zurück, was er als gutes Zeichen wertet: „Lena kommuniziert wieder mit mir.“ Videofilme hat man jetzt von ihm aufgenommen, die das Kind, das seinen Vater seit fast zwei Jahren nicht gesehen hat, sich dann anschauen kann. Mit enormem Aufwand und in zeitraubenden Prozessen soll nun repariert werden, was an einem einzigen Nachmittag zerschlagen worden ist.
* Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden die Namen des betroffenen Kindes und seiner Eltern sowie die Namen der Nachbarin und ihrer Tochter geändert
- Datum 19.09.2007 - 13:40 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.06.2003 Nr.26
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



