Affäre Der StellvertreterSeite 2/2

Selbstgerechte Gemütserregung

Und alles, weil er Drogen nahm oder Kontakt zu zweifelhaften Zuhältern aus Osteuropa hatte? Nein, weil er in das Räderwerk einer deutschen Selbstverständigungsdebatte geraten ist. Martin Walser, als er seine umstrittene Friedenspreisrede in der Frankfurter Paulskirche hielt, war durchaus auf der richtigen Spur, als er vor der Instrumentalisierung des Holocaust warnte. Er vergaß jedoch, darauf hinzuweisen, dass es die Deutschen sind, die diese Instrumentalisierung betreiben, sei es zum Zwecke der gegenseitigen Beschuldigung oder auch nur zu einer schönen, selbstgerechten Gemütserregung.

Wir sollten vielleicht besser darauf verzichten, im Falle Friedmans den Antisemitismus-Verdacht zu prüfen. Ein anderer Verdacht ist schon schrecklich genug: dass hier ein Mann des öffentlichen Lebens in Verzweiflung und Obdachlosigkeit getrieben wird, weil die Medien ein Sommerloch zu stopfen hatten. Und das Friedman-Spektakel wird keineswegs nur mit den rabiaten Methoden der Bild- Zeitung betrieben, sondern ebenso mit den treuherzigen der moralischen Erörterung. Der Deutsche, wenn er als guter Mann dastehen will, ist furchtbar anzusehen.

Die polizeilichen Ermittlungen werden ein genaueres Bild von Friedmans Verstrickungen geben. Einstweilen scheint ihm nicht viel mehr als Drogenkonsum vorzuwerfen zu sein. Aber selbst wenn sich ein Sumpf zeigen sollte, wie er von manchen Medien schon jetzt gemalt wird, kann dieser Sumpf nicht trüber sein als der, den jetzt schon die öffentliche Debatte hat entstehen lassen. Mag Friedman ein Doppelleben führen, seine Freundin mit Prostituierten betrügen oder anderes zu verbergen haben – in Wahrheit ist es vor allem die deutsche Gesellschaft, die nicht mit sich im Reinen ist. Dass sie das Verhältnis zu sich und ihrer Geschichte klärt, wird man so bald nicht erwarten können. Aber die Medien müssen lernen, nicht jedem Instinkt nachzugeben, der eine populäre Pointe haben könnte. Das Privatleben von Bürgern, und seien sie noch so prominent, muss der Volksbelustigung wie der Volkspädagogik entzogen bleiben. Die Medien betreiben sonst das Unglück, das sie anderntags beklagen.

 
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