Gegenwart und Vergangenheit sind beide vielleicht gegenwärtig in der Zukunft / Und die Zukunft ist enthalten in der Vergangenheit", dichtet T. S. Eliot in Burnt Norton. Kinematografie, das bewegte und in sich bewegliche Bild, ist die uns heute vertrauteste Illusion, dem Fluss der Zeit habhaft zu werden. Keine Kunst ist metaphorisch mehr mit Begriffen der Zeitlichkeit aufgeladen als das Kino. Die abrollenden und stillstehenden Bilder versuchen, das Ungreifbare der Zeit zu erhaschen. Auch die Komposition des Films, seine Montagen und Zeitsprünge zielen auf die Herstellung von Dauer, einer Zeitschleuse, die im dunklen Raum der Projektion dem Traum näher ist als irgendeine andere Kunst.

Acht namhafte Regisseure – Bernardo Bertolucci, Mike Figgis, Jirí Menzel, István Szabó, Claire Denis, Volker Schlöndorff, Michael Radford und Jean-Luc Godard – waren für den Episodenfilm Ten Minutes Older: The Cello aufgefordert, zum Thema Zeit Arbeiten mit einer maximalen Länge von zehn Minuten herzustellen. Es ist bereits die zweite – interessantere – Staffel eines Projekts, dessen erster Teil vor ein paar Monaten bei uns in die Kinos kam. Die vage Allgemeinheit der Vorgabe verflüchtigt sich diesmal allerdings rasch. Verblüffend ist allein schon die extrem unterschiedliche Zeitlichkeit der einzelnen Filme. Bertolucci skizziert in seiner Geschichte vom Wasser in neorealistischer Manier einen Tagtraum, als spüre er einer ins Exotische verschlagenen Erzählung von Alberto Moravia nach. Es ist das Märchen eines Inders, den der Anblick einer jungen Frau nach Italien verschlägt, ehe er somnambulerweise wieder an seinen Ursprungsort zurückkehrt. Zwanglos wird eine kleine Familiensaga aufgeblättert, die zwischen Italien und Indien oszilliert, aufblüht und wie von selbst vergeht. Mit dem Auge der Kamera korrespondiert das schöne, göttliche Auge einer Kuh, die mit ihrem Blick den Auftakt setzt und alles auffängt, was unsere irdischen Vorstellungen von Glück übersteigt, ehe sie uns mit einem letzten Blick wieder entlässt.

In der ihr eigenen radikal einfachen Form schildert die Französin Claire Denis in Vers Nancy das Gespräch des Philosophen Jean-Luc Nancy mit der Studentin Ana Samardzija während einer Zugfahrt nach Straßburg. Sie umkreisen, einander gegen-übersitzend und aufmerksam zuhörend und nachdenkend, die Fragen, wie und wodurch ein Fremder zum Fremden wird, was ihn zum Eindringling macht, was sein Eindringen auf die einheimischen Franzosen bewirkt, wodurch dieser Andere, der Fremde, unabdingbar zum Eindringling wird – und während sie so miteinander sprechen, steht ein Schwarzer auf dem Gang vor dem Abteil. Er setzt sich zu den beiden und erkundigt sich, wie lange die Fahrt noch dauere. Zehn Minuten, wird ihm geantwortet. Eine kleine Studie in Schwarzweiß, unangestrengt die Nouvelle Vague zitierend. Einladende Utopie eines ruhigen Gesprächs in einer unruhigen Zeit. Der rastlose Zugfahrer wird beiläufig zum philosophischen Wanderer, der uns mit auf die Reise nimmt. Die tragische Zeit führt István Szabó vor, der die wenigen Minuten einer Geburtstagsvorbereitung zum Anlass für eine Schicksalsnovelle nimmt: Zehn Minuten später. In Erwartung ihres Mannes hat die Frau eine Torte aufgetischt. Doch der Gatte kommt betrunken nach Hause und schlägt die Frau. Sie wehrt sich und tötet ihn.

Das unaufhaltsame Vergehen der Zeit: Jirí Menzel lässt in One Moment den älteren Schauspieler Rudolf Hrusínsk∞ unter einem Apfelbaum träumen. Bilder seines Lebens ziehen an ihm vorüber; es sind die Filmbilder seiner vielen Rollen, bewegte und stehende, die vor seinem inneren Auge ablaufen. Immer wieder versucht der Schauspieler, das auf der Leinwand Gespielte wiederzubeleben und einzuholen. So wie der junge Rudolf am Busen einer Frau verschmachtet, möchte es auch der ältere. Es ist eine unbarmherzige und gleichzeitig sentimentale Reise durch das gespielte Leben, das gelebte Spiel – eine listige Variation auf jenen uneinholbaren letzten Augenblick, von dem es heißt, alle Bilder des Lebens zögen wie ein Film am Sterbenden vorüber.

Und schließlich die spezifisch Godardsche Auffassung der Zeit: Vor dem Hintergrund mehrfach geschichteter Töne verdichtet der Filmemacher mit jedem weiteren Film den Schritt vom Bild zum Text. In der Schwärze der Zeit heißt das im Wortsinn melancholische Cinepoem, in dem er Bilder aus der (Film-)Geschichte in die Zeitschleuse seiner Montage zitiert. Ein Memento mori läuft vor uns ab, Bilder werden wie Schrifttafeln aus Nebukadnezars Palast aufgestellt: "Die letzten Minuten … der Angst, des Denkens, der Geschichte", und als die letzten Minuten des Kinos aufgerufen werden, können wir eine groteske, vielgliedrige Maschine bei dem ungeschickten und vergeblichen Versuch beobachten, eine weiße Kinowand aufzuspannen. Die Projektion wird nicht mehr gelingen, die flatternde Leinwand, die das Bild tragen soll, ist zum Leichentuch geworden, das einen bilderlosen Totentanz aufführt.

Sieben Regisseure, denen wir dabei zuschauen, wie sie über die Zeit, ihr ureigenes Medium, nachdenken und ein Regisseur, der seine Bilder schon immer vor dem Hintergrund des Endes aller Bilder entworfen hat. Schöner als Jean-Luc Godard kann keiner das Verschwinden des Kinos festhalten, um es aus seiner Vergänglichkeit und Flüchtigkeit heraus immer wieder neu zu erfinden.