Der elitäre Dünkel der kaiserzeitlichen Autoren verwehrte heutigen Wissenschaftlern lange den Blick in den römischen Alltag. Gerade Religion und Aberglaube seien aber "ein prima Zugang zur Psychologie des Einzelnen", sagt der englische Altertumsforscher Stephen Mitchell von der Universität Exeter. "Sie zeigen uns: Wie haben normale Leute gedacht und gefühlt?" Generell macht er in seiner Disziplin eine vorher nicht gekannte Neugier auf den Aberglauben im Alltag aus: "Orakel sind in den Augen der Forscher plötzlich wieder lebendig – und diesmal geht es nicht nur um den alten Kram von Herodot, den jeder Studienanfänger kennt."

Lebenshilfe für die Massen

Die Überlieferungen des griechischen Geschichtsschreibers und seiner Kollegen bestimmten tatsächlich lange, was über Schicksalsbefragungen bekannt war. Wenigstens in Schlagworten ist das längst Kreuzworträtsel-Wissen: Zukunftsverkündungsort der Götter? Orakel! Berühmtestes Orakel der Antike? Delphi! König, der sein Reich durch die Fehlinterpretation eines Delphi-Spruches verlor? Kroisos! – Alles nützliche Details für die große Politik-Geschichte. Über das Leben der Menschen allerdings sagen diese so genannten hohen Orakel, für die der prominente Gott Apollon zuständig war, nichts aus. "Delphi, Didyma, Klaros – damit konnte der Mann auf der Straße nichts anfangen. Die Weissagungen waren unverständlich, mussten ausgelegt werden und waren extrem teuer", erklärt Nollé. Zum Orakel von Klaros schickten die Städte der Umgebung angesichts von Pestzügen komplette Festkomitees, die den Göttern Gesang und Tanz darboten – und außerdem einen fetten Obolus für das Heiligtum im Gepäck hatten. Viel Aufwand für ein bisschen göttliche Entscheidungshilfe. Demgegenüber erscheinen die Würfelorakel wie die Fast-Food-Variante für die Massen: Die Benutzung war simpel und kostenlos. Reiche Bürger stifteten ihren Heimatstädten Orakelsteine, um ihr Image als "Euergeten", als öffentliche Wohltäter, aufzupolieren.

Wie alle niederen Orakel waren auch die Würfelstelen dem Gott Hermes geweiht, nach olympischer Arbeitsteilung bezeichnenderweise zuständig für Diebe und Kaufleute. Tatsächlich heben sich die Sprüche auf den Orakelsteinen durch ihre Praxisnähe hervor. "Das war Lebenshilfe", sagt Nollé. "Es gab Ratschläge bei Geschäften, Gerichtsterminen oder in Herzensangelegenheiten."

"Leg deine Hand dem Wolf nicht in den Rachen, damit dir kein Leid geschieht." – "Wende nicht jeden Stein um, damit du nicht auf einen Skorpion triffst." – Die eingemeißelten Sprüche mussten so konkret sein, dass jeder Nutzer sie als Botschaft verstand, gleichzeitig aber so allgemein, dass sie auf viele Fragen passten – und sei es als Gleichnis. "Das ist wie bei Zeitungshoroskopen", sagt Archäologe Mitchell, "ich sehe das als eine Art Demokratisierung einer Institution für Schicksalsauskünfte, die vorher lange von einer Elite monopolisiert gewesen war."

Römischer Frieden im ganzen Imperium, überbordender Wohlstand, Herrschaft von aufgeklärten Philosophenkaisern wie Marc Aurel – entgegen diesem von Geschichts- und Lateinunterricht gezeichneten Bild der späteren Kaiserzeit als sorgenfreier Epoche wähnten die damaligen Zeitgenossen hinter jeder Säule das Verderben. Der englische Altertumsforscher Eric Robertson Dodds spricht gar vom 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert als dem "Zeitalter der Angst". Trotz Sicherheit, Stabilität, Wohlstand seien es für den Einzelnen "riskante Zeiten ohne medizinische Versorgung und voller gefährlicher Reisen" gewesen, sagt Mitchell.

Um Gewissheit über die Zukunft zu erlangen, schien da jedes Mittel recht zu sein. Mit Spiegeln und Sieben sollten Göttern Botschaften entlockt werden. Traumdeutung erfreute sich großer Beliebtheit. Belesene Abergläubige stachen blindlings mit einem Dolch auf Schriftrollen mit Homer- oder Vergil-Texten. Der Satz, den die Klinge aufspießte, wurde dann als Prophezeiung für die eigene Situation interpretiert. "Man hat da fast alles ausprobiert", sagt Nollé.