Zuckersüß und steinhart. Das ist der erste Eindruck. Süß und klebrig der nächste. Wenige Bisse verwandeln die Kugel in einen zähen Brei, der rasch zementartige Konsistenz erreicht. So muss sich Bauschaum im Mund anfühlen. Nach einer Minute bleibt selbst bei mäßigem Kautempo nicht mehr übrig als ein geschmacksneutrales Stück Kunststoff. Ausspucken, geschafft!

Wer einen Selbstversuch mit Kaugummi aus dem Automaten unternimmt, wundert sich nicht, dass die Verkaufszahlen im Keller sind. Er fragt sich vielmehr, wie es kommt, dass Kinder seit Jahrzehnten bunte Kugeln zu fader Pampe zermalmen. Vielleicht gehörte es früher einfach zum Großwerden dazu, dieses Gefühl von Reife, wenn man ohne Muttis Segen mit eigenem Kleingeld Besitz erwarb. Einen Groschen in den Schlitz unterm Sichtfenster, zweimal am Griff gedreht, und schon rumorte es verheißungsvoll im Ausgabeschacht. Doch beim Lüften der Klappe wurde man meist enttäuscht: wieder kein Ring, wieder nicht das Taschenmesser oder ein richtiges Mini-Feuerzeug. Dabei waren sie doch ganz deutlich zu sehen, die exklusiven Gimmicks inmitten der uniformen Kugeln. Man gab natürlich nach dem ersten missglückten Versuch nicht gleich auf, sondern aß den Kaugummi und probierte es noch mal. Mund auf, kurzer Zuckerschock und dann weiter. So lange der Pfennigvorrat reichte.

Der scheint nun langsam aufgebraucht. Noch immer landen zwar reichlich Münzen in den Kaugummispendern der Republik – von Kindern, Sammlern, Nostalgikern. Spaßeshalber, zwanghaft, im Vorbeigehen. Doch der Absatz sinkt so stetig wie die Anzahl funktionstüchtiger Geräte. Zwischen 280000 und 800000 hängen an deutschen Wänden und Pfeilern – nach groben Schätzungen von Aufstellern. Niemand hat je genau gezählt, Statistiken existieren nicht. "Kaugummiautomaten?", fragt Hans Strohmaier vom Bundesverband des Süßwaren-Großhandels, "Ich muss gestehen, damit haben wir uns in den letzten zehn Jahren überhaupt nicht befasst."

Kaugummiautomaten gehören in jene Zeit, als das Süßigkeitenangebot übersichtlich war. Seit Holländer und Amerikaner die Apparate im Nachkriegsdeutschland etablierten, sind sie seltsam unverändert geblieben. Zwar ist Vergitterung als Schutz gegen Vandalismus heute Standard und der Baustoff Metall auf dem Rückzug; doch ob Plastik, Gusseisen oder Zinkblech – der Automat funktioniert wie ehedem stromlos. Allerdings befindet er sich meist in erbärmlichem Zustand. Oft sind es nur noch vom Aufsteller vergessene Gerippe, zweckentfremdet als Müllbehälter oder Werbeträger örtlicher Punkkonzerte. Je abgelegener die Straße, desto mehr verwachsen die Automaten mit der Fassade. Vielfach zeugen Händlervermerke mit alter Postleitzahl vom Datum der letzten Befüllung. Aufbruchversuche hat wohl jeder zweite Kasten über sich ergehen lassen müssen, wehrloses Opfer krimineller jugendlicher Energie.

Den Profis wäre das Diebesgut gewiss kein Risiko wert. Hinter Namen wie "Zappers", "Globo", "Profi-Gum", "Fruit-Ball" oder "Candy Coated Gobstopper" verbergen sich vor allem Zucker und seine Ersatzstoffe, Kaumasse, Aromen, Antioxidantien und viele Farbstoffe. Trotzdem sehen die Hersteller nicht in der kümmerlichen Qualität des Produkts den Grund für den schwindenden Absatz. Der Markt, heißt es aus Bonn, sei nach Einführung des Euro tot, die Umstellung im schrumpfenden Segment unrentabel.

In diesem Frühjahr, pünktlich zum 70. Geburtstag des Kaugummiautomaten, gab der deutsche Marktführer auf: 1946 hatte Ernst Horn vom hessischen Bad König aus begonnen, das besiegte Land mit dem Grundnahrungsmittel der Befreier zu versorgen. Auftakt eines wahren Kaubooms. Doch spätestens mit dem Aufkommen der Fitnessbewegung hatten die süßen Kugeln sich überlebt. Für zuckerfreie Ware blieb der Automat tabu. Und mit Hubba Bubbas Riesenblasen ließen sich die Kinder Ende der siebziger Jahre leichter ködern als mit den langweiligen 15-Millimeter-Standardkugeln. Seit die Elektronik das Kinderzimmer eroberte, schwand zudem der Reiz des Mechanischen. Und mit Mini-Hauptgewinnen aus Plastik lockte nun auch der Großkonzern Ferrero – seit 1974 liefert er ganzjährig Schokoladen-Ostereier mit Überraschungseffekt.

Die Automaten verkommen, ihr Inhalt vergessen – hätten sie es nicht auch verdient, von einer Retrowelle erfasst zu werden? Das findet zumindest die Künstlerin Alex Kürtz aus Münster. Sie hat die Nischenobjekte aus der Anonymität in den Fokus ihrer Kamera gerückt, über 40-mal, in Bonn und Umgebung: vom nagelneuen Kugellager ohne Kratzer bis zum Schrotthaufen. Kindheitserinnerungen lautet der Titel der Fotoausstellung, und da schwankt die Stimmung zwischen Selbstironie und Wehmut.

Früher, sagt die Fotografin, habe sie ein "Faible für den süß-klebrigen Geschmack" gehabt und natürlich trotzdem immer auf den schönen bunten Ring gehofft. Heute kaut sie wie drei viertel aller Konsumenten zuckerfrei. Auch die Grafikerin Kascha Beyer hat es nicht mehr auf die Kugeln abgesehen, wenn sie einen Automaten ansteuert. Ihr Ziel: Schmuck, Spielzeug und Tinnef aller Art. Damit illustriert sie Artikel in Lifestylemagazinen. Ob Wohngemeinschaft oder Handyshop en miniature – Kascha Beyer erschafft pittoreske Szenerien mithilfe ihrer gesammelten Gimmicks. Sie besitzt eine ganze Kiste voller Kindheitsträume: Klappbestecke im Maßstab 1:10, Schweine, Zwerge, Kartenspiele, Schmuck. "Das hier", sagt Kascha Beyer stolz und zeigt auf eine Lupe mit drei Klapplinsen, "ist natürlich der Knaller." Sie lächelt verlegen: "Ich meine, in meiner Welt."