Alterswohnsitz Ein Platz an der Sonne
Eine überalterte Gesellschaft: In Sun City in der Wüste Arizonas leben und arbeiten nur Menschen über 55. Sie versuchen, Spaß zu haben – und schaffen sich ihre eigene Realität.
Draußen vor dem Fenster klettert die Sonne am Himmel hoch, und sofort hört alles Leben auf. Eidechsen verstecken sich unter den Steinen, die paar streunenden Katzen verziehen sich unter dürre Sträucher. Sogar die Vögel schweigen auf den Bäumen, mit geöffneten Schnäbeln warten sie darauf, dass endlich die Sprinkler in den Gärten anspringen und ein paar magere Käfer hinaustreiben. Auf den Straßen ist nur das Jaulen der Klimaanlagen zu hören, bei ihrem täglichen Kampf gegen die Hitze. Wer nicht daran gewöhnt ist, dem saugt sie jede Lebenskraft aus den Knochen.
Drinnen, im Haus von Chris Pearlman, verteilen Ventilatoren eisgekühlte Luft. Es ist sieben Uhr morgens, das Außenthermometer zeigt 31 Grad. Ein fetter Mischlingshund rennt japsend durch das Wohnzimmer und stiert nach der Leine, jetzt ist die einzige Zeit, zu der man noch rausgehen kann. Das Tier ist dreizehn Jahre alt und viel zu schwer, sein Herz verträgt das Klima von Sun City nicht besonders. Chris Pearlman quetscht den Saft aus ein paar Orangen und rührt Honig in eine Schale Magerjogurt. Sein Cholesterin ist hoch, der Arzt hat gesagt, er soll ein bisschen aufpassen. Chris Pearlman ist 82. Seine Frau ist vorletztes Jahr gestorben, nach 47 Jahren Ehe. Neulich hatte er eine Verabredung, aber es ist nichts daraus geworden, leider. »Es wäre schöner, wenn ich jemanden hätte, für den ich morgens Frühstück holen kann«, sagt er. »Aber das kommt schon noch.« Chris Pearlman zuckt mit den Schultern. »Es ist nur eine Frage der Einstellung« , sagt er dann. »Das ganze Leben ist nichts weiter als eine Frage der Einstellung.«
In Sun City hat man vor allem die Einstellung, dass Altsein eine großartige Sache ist. Dafür ist Sun City berühmt geworden: eine Stadt in der Wüste Arizonas, 1960 vom Bauunternehmer Del Webb eröffnet, perfekt angepasst an die Bedürfnisse älterer Menschen. Hierher darf nur ziehen, wer die 55 Jahre schon überschritten hat. Die Häuser sind großzügig geschnitten und ordentlich aufgereiht wie in einem Ferienpark, die Straßen breit und sauber. Im Zentrum gibt es Fitnessanlagen und Schwimmbäder. Golfplätze sorgen für Grün. Ein Großteil der Bewohner hat mit Arthritis und Rheuma zu kämpfen, da ist es gut, dass in Sun City fast nie Regen fällt. Inzwischen gibt es auch in anderen Teilen des Landes Sun Cities, vor allem im Süden, in Florida und Texas, wo das Klima ähnlich gelenkschonend ist. Hier, in Arizona, kamen 1972 und 1996 die Stadtteile Sun City West und 1996 Sun City Grand dazu. Ungefähr 90000 alte Menschen leben heute in dieser Retortenstadt, und es werden immer mehr. Der nächste Stadtteil ist längst geplant, sein Name: Festival Ranch.
Das Leben in Sun City soll eine immer währende Party sein, Gegenprogramm zu einer Realität, die aus drohender Altersarmut und miserablen Zukunftsaussichten besteht. Für die, die hier leben, ist es nicht mehr nur wichtig, den Tod zu überlisten. Den Bewohnern geht es vor allem darum, das wirkliche Leben auszutricksen.
Es ist inzwischen zehn Uhr, der Hund schläft in der Nähe der Veranda. Chris Pearlman geht ins Fitnessstudio. Dort läuft ein Kurs, der speziell die Bauch- und Pomuskulatur trainiert. Die Trainerin heißt Barbara und ist 69 Jahre alt. Vierzig Jahre Erfahrung im Bereich Fitness haben ihren Körper trocken und zäh gemacht. »Gutes Aussehen ist uns natürlich wichtig, oder, liebe Freunde?«, fragt sie. »Oh, ja«, macht der Kurs. Doris Burg, 73, ist vor vier Jahren nach Sun City gezogen, nachdem ihr Mann gestorben war. Seitdem schwitzt sie mindestens dreimal die Woche im Fitnessclub, obwohl ihr Körper seine alte Form einfach nicht zurückgewinnen will. »Trotzdem lohnt es sich«, lächelt sie. »Ich habe erst hier verstanden, dass Sport wichtig ist, wenn man jung bleiben will.« Nebenan übt eine andere Gruppe Kickboxen. Auf der dazugehörigen Broschüre wird gewarnt: »Achtung, Girls! Keine kostenlose Makeup-Auffrischung nach diesem Kurs.«
Über die Wirtschaftskrise, die derzeit wohl die gesamte westliche Welt verunsichert, spricht in Sun City niemand. In den lokalen Zeitungen, dem Sun Cities Independent oder der Daily News Sun, taucht nichts auf, was mit Politik oder Wirtschaft zu tun hat, stattdessen gibt es Berichte von der Wahl des Golfclub-Präsidenten oder über neue Errungenschaften aus der Welt der Medizin. Der örtliche Fernsehsender berichtet über Scrabble-Spiele oder Kurse für Holzarbeit und dass sich kürzlich eine Billard-Mannschaft für Witwen gegründet hat. »Ich muss nicht wissen, was in der Welt vermeintlich Wichtiges passiert«, sagt Erika Bimmel, die mit ihrem Mann wegen der Golfplätze und der ruhigen Lage hergezogen ist. Erika Bimmel ist 74 Jahre alt, hat Handicap acht, und sie sagt: »Ich habe genug Elend da draußen gesehen. Mir reicht es einfach.« Auf den Kabelkanälen laufen Sportsendungen oder Streifen wie Enough mit Jennifer Lopez oder Life or something like it, ein Schmachtfetzen mit Angelina Jolie. Es gibt viele Realitäten. In Sun City hat man die gewählt, die den Bewohnern am besten gefällt.
- Datum 28.12.2006 - 06:40 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 26.06.2003 Nr.27
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







