Wir sind der Staat!
Wenn die Wirtschaft stottert, steigt das Interesse an einer Beamtenlaufbahn. Nicht nur Juristen, auch Architekten, Mathematiker oder Bauingenieure werden gebraucht
Freude an organisatorischer Büroarbeit“ sollte haben, wer Beamter im höheren Dienst werden will, so steht es in verschiedenen Infoblättern, und „keine Abneigung gegen schriftliche Ausarbeitungen“. „Sehr richtig“, sagt Sigurd Peitz und lacht. „Sonst würde man schon bei der Bewerbung scheitern.“ Dienstherren sind Bund und Länder – und bei allen muss man sich einzeln nach Zuständigkeiten, Terminen und Fristen erkundigen, um sich dann mit den jeweils gewünschten Unterlagen zu bewerben: Mal ist es „das Übliche“, mal ein handschriftlicher Lebenslauf oder eine aufwändig gestaltete Arbeitsprobe. Manche Antwort kommt schnell, die andere spät – nur ein paar Tage vor den Auswahlgesprächen. „Geduld und Flexibilität, auch das erwartet der Staat von seinen zukünftigen leitenden Beamten“, weiß das Infoblatt.
Sigurd Peitz ist Architekt, hat mehrere Jahre in einem Architekturbüro gearbeitet und ist zurzeit Assistent an der TU Braunschweig. Jetzt will der 33Jährige dem Staat zu Diensten sein.
Zittern vor der Abschlussprüfung
Im höheren Dienst arbeiten zwar überwiegend Juristen, aber gesucht werden auch Akademiker anderer Fachrichtungen: Architekten, die den Bau von Gefängnissen oder Rathäusern überwachen; Elektrotechniker, die entscheiden, ob neue Flugzeuge, Freiluftballone oder Triebwerke zugelassen werden; Stadtplaner, die Bebauungspläne erstellen; Maschinenbauer, die Industrieanlagen prüfen. Bauingenieure im Staatsdienst planen Straßen, Schienennetze und Kanäle, verbeamtete Geologen sanieren verseuchte Grundstücke. Bedarf an Hochschulabsolventen gibt es auch im so genannten nichttechnischen Verwaltungsdienst: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht braucht Mathematiker, die Bundeswehr hin und wieder einen Oberstabsapotheker, die Veterinärämter beschäftigen Tierärzte und die staatlichen Archive Historiker oder Sozialwissenschaftler.
Der Weg ins Amt führt über einen zweijährigen Vorbereitungsdienst. Gesucht werden Fachleute mit Führungsqualitäten. In den Auswahlgesprächen sollte man zumindest beweisen, dass man das Zeug dazu hat: das heißt, freundlich, aber bestimmt sich, seinen Werdegang und auch seine Zukunftsvorstellungen präsentieren. Und zum Thema Beamtenbestechung mehr zu sagen haben als: „Selbstverständlich bin ich dagegen.“
Wenn die Wirtschaft stottert, steigt das Interesse an der Staatslaufbahn – vor allem in Branchen wie dem Bau, die besonders zu kämpfen haben: Drei Stellen hatte das Land Niedersachsen in diesem Frühjahr für Hochbaureferendare zu besetzen und konnte statt aus den üblichen 30 aus fast 300 Bewerbern auswählen. In Bayern meldeten sich 2002 für jedes Baureferendariat rund sieben Interessenten – mehr als doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. Dagegen bewerben sich nur wenige Maschinenbauer und Elektrotechniker für den Staatsdienst. Große Firmen wie Siemens oder Volkswagen fangen die Absolventen noch an der Hochschule ab – und bieten erheblich mehr Geld.
Rund 1000 Euro bekommen die Anwärter während der Ausbildung, wenn sie dann Beamte werden, verdienen sie je nach Familienstand und den verschiedenen Zuschlägen in etwa 3000 Euro brutto. Ohnehin braucht der Staat für jede Laufbahn meist nur wenige Leute: Apotheker in Diensten der Bundeswehr gibt es im Ganzen 203, das Auswärtige Amt bildet jährlich etwa 40 Attaché-Anwärter aus, und für Architekten sind in diesem Jahr bundesweit rund 150 Stellen als Baureferendare offen – alles mit sinkender Tendenz, denn Bund, Länder und Gemeinden sparen.
Und es wird gesiebt: Die Unterlagen von Absolventen ohne Berufserfahrung hat das Land Niedersachsen dieses Jahr gleich wieder zurückgeschickt. Auch Bewerber mit mittelprächtigem Diplom kommen selten in die engere Wahl. Wer es bis zur Zusage geschafft hat, wandert nach einem für jede Fachrichtung festgelegten Ausbildungsplan durch die Instanzen. Baureferendare wie Sigurd Peitz lernen dabei nicht nur staatliche und städtische Baubehörden und das Landesamt für Denkmalpflege kennen, sie gastieren auch mehrere Wochen beim Regierungspräsidium, beim Finanzministerium oder bei der Oberfinanzdirektion. Theorie und Gesetze pauken sie in mehrwöchigen Lehrgängen. Geübt wird aber auch, wie man trödelige Sachbearbeiter motiviert, mit schwierigen Kollegen Gespräche führt, Aufträge ausschreibt, mit Handwerkern verhandelt oder große Bauprojekte plant – und dabei Termine und Kosten auch einhält. „Darüber lernt man an der Uni nichts, und auch im Architekturbüro bekommt man nur hier und da etwas mit“, sagt Peitz. Genau das müsse man aber können, wenn man als Architekt Erfolg haben wolle – nicht nur im Amt.
Auch für Selma Nalbantoglu war das ein wichtiger Grund, sich für ein Baureferendariat zu bewerben. Seit eineinhalb Jahren ist die 33-Jährige mittendrin. Ihre Erfahrung: „Man muss schon selber ein bisschen darauf achten, dass man nicht nur mitdackelt.“ Das heißt: um Aufgaben und eigene kleine Projekte bitten – ein Denkmalschutzgutachten zum Beispiel oder die Wirtschaftlichkeitsberechnung für einen Neubau.
Zurzeit sitzt Selma Nalbantoglu an ihrer sechswöchigen Hausarbeit. Zusammen mit vier schriftlichen Klausuren und einer mündlichen Prüfung bildet sie die Abschlussprüfung – die so genannte Große Staatsprüfung. „Mehr Horror als vor Abitur und Diplom zusammen“ habe sie davor, sagt sie. Sie kann sich beruhigen: Durchgefallen sind im Jahr 2001 nur zwei von insgesamt 258 technischen Referendaren, sagen die Statistiken des Frankfurter Oberprüfungsamtes, das die Große Staatsprüfung für die meisten Referendare des höheren technischen Verwaltungsdienst abnimmt.
Manche wandern in die Wirtschaft ab
Für Markus Offermann ist die Große Staatsprüfung längst Erinnerung, „wenn auch keine schöne“. Der 35-Jährige ist seit zwei Jahren Sachgebietsleiter beim Staatsbauamt in Kassel. Er ist zuständig für 15 Mitarbeiter und alle Kultur- und Wissenschaftsgebäude in der Stadt, vom Museum bis zur Mensa. Soll das Staatstheater saniert werden, schaut er sich vor Ort erst mal um: Was wird es, was darf es kosten? Er vergibt die Aufträge und achtet darauf, dass sie richtig ausgeführt werden. Kleine Entwürfe skizziert er selber, bei großen Neubauten schreibt er einen Wettbewerb aus – für den ehemalige Studienkollegen in den Architekturbüros dann die Nächte und Wochenenden durcharbeiten. Seine Arbeit findet er nicht amtsstubentrocken, sondern spannend: „Weil ich entscheiden kann, statt nur zu entwerfen oder Aufträge zu bearbeiten. Weil mir Verwaltungsarbeit liegt und weil ich bei der Sanierung meiner denkmalgeschützten Gebäude Fingerspitzengefühl beweisen muss“, sagt er.
Garantiert ins Beamtenverhältnis auf Probe oder gar auf Lebenszeit übernommen wird keiner. Referendare sind Beamte auf Widerruf und „grundsätzlich nach der Großen Staatsprüfung erst einmal entlassen“, wie es beim Oberprüfungsamt kategorisch heißt. Die meisten werden erfahrungsgemäß wieder eingestellt – wenn auch oft als Angestellte mit Zeitvertrag.
Wer das nicht will oder nicht schafft, wandert ab. Manch einer ist heute Projektleiter in einem großen Büro. Oder er hat selbst eines gegründet und nutzt den guten Draht zum Amt. Ein Referendarskollege von Markus Offermann arbeitet mittlerweile bei einer Flughafenfirma, ein anderer bei BASF. Und auch die Kirchen nehmen gern denkmal- und verwaltungserfahrene Architekten in ihre Dienste.
Auf all das verweist auch Sigurd Peitz gern – vor allem wenn Freunde ihm abends beim Wein grinsend prophezeien, sein Job als Referendar werde es sein, „in der gesamten Abteilung regelmäßig die Bleistifte durchzuspitzen und die Kollegen zur Mittagspause zu wecken“. Manchmal amüsiert er sich aber auch selbst über seinen zukünftigen Arbeitgeber: Mit der Zusage kam eine lange Liste der noch „beizubringenden Unterlagen“ – unter anderem das Führungszeugnis, ein Amtsarztattest, die Geburtsurkunde und alle Zeugnisse – jeweils beglaubigt – sowie verschiedene Erklärungen zu seiner persönlichen und finanziellen Situation. Peitz nimmt es locker: „Bis mein Referendariat beginnt, trainiere ich halt noch ein bisschen Aktenarbeit.“
- Datum 26.06.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 26.06.2003 Nr.27
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