momente der entscheidung, folge 17 Konzern mit eigener ArmeeSeite 3/3
Im Jahr 1620 war die East India Company zum Konzern gewachsen. Die Chefs der Handelsstützpunkte von Bantam (Java) und Surat (Indien) hießen jetzt Präsidenten, sie kontrollierten 200 Abgesandte in regionalen Handelszentren. Die Kompanie schickte 30 bis 40 „große Schiffe“ um die Welt, besaß zwei eigene Werften und war ein Devisengigant geworden. In Asien bevorzugten die Händler nach wie vor spanisches Silbergeld, und so war ein Direktorat der Firma hauptsächlich mit der Beschaffung von Devisen beschäftigt.
Doch der Konzern war noch klein im Vergleich zu dem Koloss, der entstehen sollte: ein Handelsimperium, das sich in immer neue Teile Südafrikas, Chinas, Indiens, Japans und Südostasiens ausstreckte, das sich seine eigene Armee hielt und Kriege führte, ganze Länder unter seine Verwaltung stellte und die Grundlage für das britische Empire bildete. Erst 1873 wurde die East India aufgelöst – Großbritannien brauchte sie nicht mehr. Ein Nachteil der Expansion machte jedoch schon Thomas Smythe zu schaffen: Der Aufwand für Verwaltung und Befestigung der fernen Handelsvertretungen stieg rapide. Zudem war die Kompanie offenbar zu langsam vom inzwischen wenig lukrativen Pfeffer auf neue Handelswaren umgestiegen. Um die chronische Kapitalknappheit zu heilen, gab das Unternehmen seit 1613 keine Aktien für einzelne Exkursionen mehr aus, sondern zeitlich begrenzte Aktien (joint stocks) für die Gesamtheit ihrer Abenteuer. Dennoch schrumpften die Renditen, die zuletzt ausgegebenen joint stocks warfen jährlich gerade mal ein Prozent ab.
So hagelte es Proteste in den Aktionärsversammlungen. Smythe wurde vorgeworfen, er und eine Hand voll Kaufleute bestimmten die Geschäfte der Firma im Alleingang. Man forderte – ähnlich, wie es enttäuschte (und betrogene) Aktionäre heute tun – Auditoren und mehr Transparenz, auch die angeblich fürstliche Entlohnung des Gouverneurs geriet ins Kreuzfeuer. Bei einer dieser Minirevolten im Jahre 1619 konnte Smythe nur deshalb seine Stellung retten, weil der König der Firmenleitung per Kurier eine „sehr gute und ruhige“ Führung bescheinigte. Doch es blieb dabei: Dem puritanischen Smythe, der ein Inbegriff der Sparsamkeit gewesen war, schienen die Kosten aus dem Ruder zu laufen. 1621 setzte er sich zur Ruhe – ein frühes Opfer des Shareholder-Aktivismus. Vier Jahre später starb er. Unter seinem Nachfolger stiegen die Kosten nur noch schneller, schließlich musste der Staat das Unternehmen retten.
- Datum 26.06.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie Momente der Entscheidung
- Quelle (c) DIE ZEIT 26.06.2003 Nr.27
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