Die schmale Schotterpiste 643 führt in die Nordwestfjorde Islands. Steinchen pritzeln an die Frontscheibe des Wagens, hier und da stehen verlassene Höfe. Das Radio empfängt seit Stunden nur noch einen Sender, amerikanische Country-Musik. Männerstimmen schnulzen samtig von paradise und shelter . Das gewaltige Panorama belohnt jedoch für die Zeit, die man im Auto verbringt, um die Region Strandir zu erreichen: Moosgrünverwaschen und wolkenbekränzt ragen die Berge auf, an den Hängen kleben Schneereste, und Treibholzstöße säumen das Kieselufer des Atlantik. Irgendwann erreicht man Djúpavík in der Bucht des Reyjarfjördur. Am Eingang des Dorfes steht ein marodes Fabrikgebäude, davor liegt ein Schiffswrack im Meer, rostig und majestätisch. Und nur einen Steinwurf entfernt wartet ein schmuckes, rotes Haus: das Hótel Djúpavík.

Die Fischfabrik wurde gebaut, als 1934 Heringsschwärme in die Westfjorde zogen. In dem roten Haus schliefen Arbeiterinnen, in dem Schiff wohnten Männer, die die Maschinen des Betriebs in Gang hielten. Djúpavík blühte zwei Jahrzehnte, dann verschwanden die Fische ebenso plötzlich wie sie gekommen waren – und mit ihnen die Menschen. Niemand hatte langfristiges Interesse an dem Dorf. In den siebziger Jahren wurde in der verlassenen Fabrik ein Horrorfilm gedreht, manchmal sahen die Eigentümer der Wohnhäuser nach dem Rechten. Djúpavík war ein Geisterstädtchen. Das änderte sich 1982, als ein Mann aus Reykjavík herkam und sehen wollte, wo sein Großvater lebte. Ásbjörn Thorgilssons Reise in die Vergangenheit änderte sein Leben. Er gab seine Autowerkstatt auf und kaufte erst die alte Fabrik, dann das rote Haus. Er versuchte, eine Fischzucht aufzubauen – vergeblich. Also renovierten er und seine Frau Eva das rote Haus und verwandelten es in ein Hotel.

Jedes Familienmitglied hilft, wenn im Sommer die 32 Betten belegt sind: kochen, waschen, putzen, Touristen die Heringsfabrik zeigen. Die Zimmer sind gemütlich, mit kleinen Waschbecken und hellen Dielen. Am Fenster laufen Schafe vorbei, man könnte ihnen folgen zu einem der drei Wasserfälle, die in Sichtweite zu Tal rauschen, oder bis Háafell, einem spitzen, schwarzen Berg auf dem Hochplateau über Djúpavík. Wer will, fährt mit Hédinn, dem Sohn der Familie, auf den Fjord zum Fischen oder leiht sich ein Kajak. Im Winter geht es zu Skiwanderungen und Schneehuhnjagden, und zum Baden in die heißen Quellen von Krossnes, weiter nördlich von Djúpavík.

"Die kleinen Dinge machen das Besondere", sagt Eva, und meint etwa die Wäsche, die nicht im Trockner, sondern draußen trocknet – "wegen des Duftes". Abends serviert sie vorzügliche Fisch- und Lammspeisen. Im Speisesaal hängen Trockenblumen an den Holzbalken, neben dem Eingang steht der gusseiserne Ofen, auf dem die Arbeiterinnen zu fünft ihr Essen kochten – damals. Hédinn zieht vergilbte Fotografien neben dem Klavier hervor: So sah Djúpavík zur Zeit der Heringsschwärme aus.

Am Ufer stand ein Kran, der heute im Fjord versunken ist. Und zwischen den Arbeiterinnen am Pier tummelte sich ein Kind: María Gudmundsdóttir, Tochter eines Fabrikeigentümers. Mit 19 Jahren wird das Mädchen aus Djúpavík zur ersten Schönheitskönigin Islands gekürt. Auch bei der Arbeit waren Marias lange Beine von Vorteil, denn der Hering wurde im Stehen gesalzen und in die Fässer gefüllt, schreibt Maria in ihrer Biografie. Heute leben außer den Thorgilssons nur noch 55 Menschen weit verstreut in der Gemeinde Árneshreppur, zu der Djúpavík zählt. Viele der Landflüchtigen würden gerne bleiben oder zurückkommen, wenn das Leben einfacher wäre. "Denn mit ihrem Herzen", sagt Hédinn, "sind sie stets in Strandir." Evelyn Runge

Hotel Djúpavík, IS-522 Kjörvogur. Tel. 00354/451 4037, Fax 00354/451 4035; www.djupavik.com . EZ 4100 ISK (48 Euro), DZ 5200 ISK (61 Euro), Schlafsackplatz 1500 bzw. 1800 ISK (18 bzw. 21 Euro). Mahlzeiten und Kajaktouren etc. extra. Ab Reykjavík etwa 350 Kilometer, mit dem Auto circa 5 Stunden