Balkan Pelikane überm Bunker
Im Dreiländereck Makedonien, Griechenland und Albanien liegen der Ohrid- und der Prespa-See. Seit auf dem Balkan Ruhe herrscht, ist die Region wieder ein Reiseziel
Der »kleine Imbiss« entpuppt sich als Gelage. Nach Salat und hausgemachtem Käse stellt Frau Gogovski einen großen, runden, mit Eiern gefüllten Blätterteigkuchen auf den Tisch, den M’leçnik, und gerade als ihre Gäste anfangen, sich wohlig satt zu fühlen, trägt ihre Tochter die Teller mit dem Hauptgang herein: Lukanci, schwarze, dünne Würstchen aus Hack, Lauch und Paprika, dazu einen Berg Kartoffelsalat und – sage keiner, er wäre nicht satt geworden in Brajcino! – ein Stück gebratenes Huhn. »Sie muss sich das abgewöhnen!«, schüttelt Miguel Misteli in komischer Verzweiflung den Kopf und meint damit diese grenzenlose Gastfreundschaft des Balkan. Denn die verträgt sich nun einmal nicht mit nüchtern kalkuliertem Gastgewerbe. »Sie muss endlich rechnen lernen.« Das ist die Logik des Tourismus. Und genau die will die Schweizerin Miguel Misteli den Frauen von Brajcino beibringen.
»Verträglicher Dorftourismus« heißt das erklärte Ziel der helvetischen Hilfsorganisation ProNatura. Brajcino hat 150 Einwohner und bietet mit seinen alten Feldsteinhäusern, den überhängenden Holzerkern und den bunten Gärten eine geeignete Kulisse dafür. Aber noch sind die Ergebnisse eher bescheiden: Schilder für einen Wanderweg wurden aufgestellt, erste Seminare in Sachen Fremdenbetreuung abgehalten, in der Ruine des alten Klosters haben Männer aus dem Dorf mit Geld aus der Schweiz zwei Zimmer instand gesetzt. Noch fehlen die Toiletten, aber in wenigen Wochen sollen die ersten Probeschläfer anreisen.
Brajcino liegt in Makedonien, ein paar Kilometer östlich des Prespa-Sees. Hier, im Südwesten des Landes, das einst als das rückständigste des Bundesstaates Jugoslawiens galt, grenzen Albanien, Griechenland und Makedonien aneinander. 2000 Meter hoch erheben sich die Berge des Gali‡ica-Nationalparks, in dem Wölfe, Bären und Luchse zu Hause sind. Östlich und westlich des Parks erstrecken sich die Seen Ohrid und Prespa. Mit 358 Quadratkilometern umfasst der Erste immerhin zwei Drittel der Fläche des Bodensees, er ist bis zu 289 Meter tief und um die vier Millionen Jahre alt. Der nur fünf Kilometer Luftlinie entfernte Prespa-See fällt etwas bescheidener aus, liegt aber 155 Meter höher. Sein Wasser tropft und rinnt durch den Kalkstein und füllt den größeren Bruder Ohrid auf.
Bis vor 13, 14 Jahren landeten in der Stadt Ohrid täglich die Chartermaschinen aus Düsseldorf und Amsterdam, in den Straßencafés erklang Deutsch und Holländisch, und die Kellner flitzten, um hungrige Urlauber mit Cevapcici, Zigeunerspieß und Ohrider Forelle zu versorgen. Doch dann zerfiel Jugoslawien, Kriege brachen aus, der Boykott gegen Serbien schnitt das 1991 unabhängig gewordene Makedonien von Mitteleuropa ab. Als das Kosovo 1999 brannte, nahm das Land 360000 Flüchtlinge auf. Keine Kämpfe, keine Toten innerhalb der eigenen Grenzen – nach außen aber klebte fett und unübersehbar das Etikett »kriegerischer Balkan« auf allen Versuchen, das Land auf die touristische Weltkarte zurückzubringen. Als man zu Beginn des neuen Jahrtausends glaubte, endlich aufatmen zu können, wurde plötzlich auch in Makedonien geschossen: Die Albaner im Land, mit denen die slawische Mehrheit bis dahin friedlich zusammengelebt hatte, entdeckten ihr Bedürfnis nach Anerkennung als Nation in der Nation – oder wurden von Kosovo-Albanern und dem Westen mit großalbanischen Ideen infiziert und mit Waffen versorgt, wie viele Makedonier argwöhnen. Etwa 50 makedonische Soldaten und eine unbekannte Zahl albanischer Bewaffneter starben. 2001 entschloss sich die Nato, Soldaten zu stationieren. Ruhe kehrte ein – und nun soll es endlich aufwärts gehen. Aufwärts vor allem mit dem Tourismus, der in der industrieschwachen Region am schnellsten Einkommen bringen könnte. Aufwärts auch dank der Unterstützung zahlreicher ausländischer Hilfsorganisationen.
Alles trinkt und isst und lacht und feiert den Patron
Seit zwei Jahren ist die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) da. Sie finanziert »Mikroprojekte«, die das grenzüberschreitende Verständnis im Dreiländereck fördern sollen: Vom Fußballturnier über die Wirtschaftsmesse bis zur Prävention gegen Gebärmutterhalskrebs – wer Geld will, muss sich zusammenraufen. Keine Frage: Hier, wo die Griechen den Makedoniern großmakedonische Ambitionen unterstellen, die Makedonier den Albanern klammheimliche Unterstützung von Terroristen und die Albaner nach Jahrzehnten der Abkapselung ohnehin von grundsätzlichem Misstrauen gegenüber ihren Nachbarn erfüllt sind, verdienen auch die bescheidensten Versuche einer Verständigung Unterstützung.
Der Tourismus spielte in den Planungen der GTZ von Anfang an eine große Rolle: Eine gemeinsame Broschüre wurde erstellt, in fünf Sprachen übersetzt und 100000-mal gedruckt. Zimmervermieter erhielten Zuschüsse, um Bäder einbauen oder modernisieren zu können – je 50000 Euro gingen dafür nach Albanien und Makedonien. Auf Tourismusmessen ist die Ohrid-/Prespa-Region jetzt auch präsent. Ihr Potenzial liegt in der Vielfalt, landschaftlich wie kulturell, die sie dem Reisenden bei der grenzüberschreitenden Fahrt um die Seen zu bieten hat. Noch ist das Potenzial unterschiedlich ausgeschöpft: In Makedonien geht es dieser Tage darum, dem Tourismus zu seiner einstigen Bedeutung zu verhelfen, während in Albanien die Nachfrage erstmals geweckt werden muss. Nur in Griechenland kann man schon einigermaßen zufrieden sein. Die Touristen kommen und sind dabei, wenn etwa der kleine Ort Agios Germanos, nahe dem Kleinen Prespa-See, das Fest seines Patrons feiert.
Im Festzelt dudeln die Klarinetten. Auf langen Tischen stehen Salat, Ouzo und die berühmten weißen Prespa-Bohnen, die der Gegend einigen Wohlstand gebracht haben. Eine Gruppe Mädchen in bestickten Kleidern tanzt, das Dorf klatscht. Alles trinkt und isst und lacht, und auch die Geistlichkeit in Gestalt dreier wohlbeleibter Herren in Schwarz lässt sich nicht zweimal bitten.
Doch wenn es auch noch so viel Spaß macht, weiß man hier mittlerweile, dass nicht die Feste das Kapital der Gegend sind, sondern die Naturschönheiten. Am Prespa-See leben 270 Vogelarten. Gänse, Reiher, kleine und große Kormorane. In den achtziger Jahren spielten ihnen die Griechen übel mit. Um Bohnen anzubauen, ließen sie immer größere Teile der Feuchtwiesen am See trockenlegen, Land, das den Vögeln fehlte. Heute gibt es die Gesellschaft zum Schutz des Prespa-Sees und die Wasserbüffel. Schwarze, gehörnte Kolosse, die plötzlich aus dem Schlamm auftauchen und wohlig prusten. Man hat sie aus Südgriechenland geholt, damit sie das Schilf fressen, das den See umgibt. Seit sie da sind, schwappt wieder Wasser auf die Wiesen dahinter. Noch auffälliger aber als die Wasserbüffel sind die Pelikane. 800 Paare brüten am See, und wer an einer naturkundlichen Führung der Seeschützer teilnimmt, bekommt garantiert die Stellen zu sehen, von denen aus sich mit dem Teleskop das Schnäbeln, Flügelspreizen und das Füttern der Jungen am besten beobachten lässt.
Auch vom albanischen Ufer des Großen Prespa-Sees aus sollen sich die weißen Vögel beobachten lassen. Die Straße dahin führt etwas weitläufig um den Kleinen Prespa-See herum, der durch eine Landzunge vom Großen abgetrennt ist. An der Grenze werden zehn Euro für das Visum kassiert, das direkt in den Pass gestempelt wird. Dass man in Albanien ist, erkennt man an den in den Himmel ragenden Betonskeletten zerfallender oder im Bau befindlicher Häuser; an den grauen Kleinbunkern, die Enver Hodscha seinem Volk auf Bergrücken, am Strand oder neben Kapellen hinterlassen hat; an den alten Mercedes-Limousinen, die, liebevoll gepflegt, noch immer auf den holprigen Straßen fahren. Die Natur jedoch ist hier nicht weniger eindrucksvoll als auf der griechischen Seite.
Die schneegesprenkelten Malii-Thatë-Berge, die Insel Golem Grad, die wie ein Heidelbeerkuchen aus dem See ragt, die Pelikane, das türkisfarbene Wasser, die weißen Kieselstrände – »Ist das nicht großartig?«, fragt voll Stolz Spase Shumka. Der Mittdreißiger berät im Dienste der GTZ Antragsteller, die nach Förderung ihrer Projekte suchen. Im Hauptberuf ist Shumka Biologe, Fachrichtung Süßwasser. Deshalb entdeckt er auch sofort eine ungewöhnliche Bewegung in den Wellen: Eine Wasserschlange hat einen silbernen Fisch geschnappt, der noch kräftig zappelt. »Es gibt drei Arten von Wasserschlangen«, sagt der Experte. »Sie flüchten alle vor den Menschen. Und giftig sind sie auch nicht.« Gefährlicher ist da schon die Kirche St.Evangelismo. Rund um den See haben vor 600, 700 Jahren, als die Osmanen das Land beherrschten, Christen ihre Kirchen in den Schutz von Höhlen gebaut. Schon im 11. Jahrhundert hat ein Eremit seine Behausung in eine Felsspalte am Ufer geschlagen und gemauert. Eine brüchige Leiter führt hoch in die Höhle, die einst die Kirche St. Evangelismo war. Darüber, nur über Felsen kraxelnd zu erreichen, lag die Wohnung des freiwillig Vereinsamten, und noch einmal höher, 30 Meter über dem Strand, seine Vorratsräume.
Ganz so abenteuerlich muss der Tourist in Albanien nicht unterkommen. Doch die Pensionen und Hotels (ausgenommen ein paar nagelneue Ferienanlagen) sind bis heute einfach bis einfachst. Mit Geldern der GTZ wurden etliche modernisiert. Die Zimmer sind sauber und mit Sofakissen und Nippes manchmal so persönlich gehalten, als hätten die Kinder der Vermieter hier ihr Reich. »So ganz ausschließen können wir das am Ende nicht«, knurrt denn auch Spase Shumka.
Da ist Makedonien viele Schritte voraus, wenn auch noch nicht dort angelangt, wo das Land hinwill. So müssen die Hotelklötze der siebziger und achtziger Jahre in Struga, wo die Badestrände des Ohrid-Sees liegen, dringend renoviert werden. Das Städtchen Ohrid aber hat durchaus ein paar hervorragend ausgestattete Hotels, wie etwa das Sofia und das Millenium, deren freundliches Personal so manches mitteleuropäische Haus aufwerten würde.
Ohrid zieht sich sanft um eine Bucht und einen von Zypressen bestandenen Hügel hoch. Auf einer vorgelagerten Felsnase über der Stadt steht die Kirche Sveti Jovan Bogoslov. Sie ist zweifellos das am schönsten gelegene der 365 Gotteshäuser, die es einst um den Ohrid-See gegeben haben soll. Gekrönt wird der Hügel jedoch vom Fort St. Samuel, dessen Außenmauern Stein für Stein wieder errichtet wurden. Hier erwiesen sich die Makedonier als Meister der Rekonstruktion. Ihr Können haben sie aber auch an anderer Stelle gezeigt. Etwa am wiedererstandenen römischen Theater, in dem im Juli und August Balkanbarden um die Wette singen.
Ob Rekonstruktion oder Neubau – überall wird in Ohrid gemauert und gezimmert. Als Nächstes ist die Erneuerung des Abwassersystems dran (finanziert von der deutschen Kreditbank für Wiederaufbau). Pünktlich zum Saisonstart werden die Straßen aufgebaggert. Freilich schießt man im Verschönerungsdrang auch gelegentlich übers Ziel hinaus: In der Fußgängerzone reißen Arbeiter das in Jahrzehnten samtglatt geschliffene Granitpflaster mit all seinen Grau- und Blau- und Rot- und Braunschattierungen heraus. Und ersetzen es durch gesichtslose weiße Marmorplatten. »Weiß der Himmel, wem der Bürgermeister da einen Auftrag schuldet«, sagt im Straßencafé ein graulockiger Gast mit angewidertem Gesicht. Samstagnacht aber, wenn Musik und Gelächter in den Straßen erschallen, die Fußgängerzone aus allen Nähten platzt, achtet keiner auf die Marmorplatten. Man mag es kaum glauben, dass in einer Stadt mit 45000 Einwohnern so viele junge Männer und Frauen leben. Sie schlendern, telefonieren, flirten und posieren – es sind dieses ewige Sehen und Gesehenwerden des Südens, die Bewegung des Lebens, der Aufbruch in die Zukunft.
Information
Anreise: MAT Macedonian Airlines ( www.mat.com.mk ) fliegt von mehreren deutschen Städten nach Skopje. Nach Ohrid mit Adria Airways ( www.adria-airways.de ) ab Frankfurt am Main oder München über Ljubljana
Mietwagen: In Makedonien pro Tag von etwa 25 Euro an, für zehn Tage 225 Euro. Straßennutzungsgebühr 1 Euro pro Tag
Unterkunft: Griechenland: Hotel Ariadne, Lemos, Tel. 0030-23850/51342, www.ariadni-prespes.gr , Doppelzimmer 50 Euro. Hotel King Alexander, Florina, Tel. 0030-3850/23501, naidis@otenet.gr , Doppelzimmer 65 Euro
Albanien: Hotel Enklana, Pogradec, Tel. 00355-832/4210, Doppelzimmer 40 Euro, Pension Nikolla, Gorica, Tel. 0030-693/8264616, Doppelzimmer 20 Euro
Makedonien:
Pension Sophia, Ohrid, Tel. 00389-46/254370, Doppelzimmer 60 Euro, Appartement 80 Euro
Millenium Palace, Ohrid, Tel. 00389-46/267010,
www.milleniumpalace.com
, Doppelzimmer 66 Euro, Suite 99 Euro
Unterkünfte in Makedonien und Albanien gibt es bereits ab 10 Euro
Veranstalter: Schulz-Aktiv-Reisen (Bautzner Straße 39, 01099 Dresden-Neustadt, Tel. 0351/266255 www.schulz-aktiv-reisen.de ) hat die Ohrid-/Prespa-Region im Programm. 8 Tage leichte Wanderungen in Makedonien für 980 Euro, 8 Tage Wandern in Albanien für 940 Euro
Auskunft: Die neue Broschüre und andere Informationen sind zu beziehen über: GTZ, Vangel Nikoloski 33, 6000 Ohrid, Republik Makedonien, Tel. 00389-46/231910, Fax 231912, gtzohrid@mt.net.mk
- Datum 26.06.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 26.06.2003 Nr.27
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