Von nun an ist nichts mehr sicher, nicht mehr, wer Harry ist, noch, wie er auf die ganzen Probleme, Sie-wissen-schon-welche, reagieren wird (und vollkommen unvorhersehbar, wie komisch Pubi-Leser so was finden). Alles kommt ins Rutschen, wer gegen wen kämpft, wo die Guten hocken, wo sich, Sie-wissen-schon-wer, das Böse versteckt. Vielleicht sogar in Harry? In Harry!

Jene dunklen Gefühle, deren Rumoren das Ende der Kindheit ankündigen und mit deren Bändigung die Psyche gelegentlich noch in späteren Lebensphasen zu kämpfen hat, verbindet Rowling mit der drohenden Rückkehr von Graf Voldemort, dem grausamen Herrscher der Dunkelheit. Guter Trick. Schließlich sind auch seine besten Freunde, Ron und die emsige Hermine, unter Beschuss von Testosteron und Östrogen, was Hermine im Übrigen zu einer gelegentlichen und nicht unangenehmen Verwegenheit verhilft. Damit ist die zentrale Dreierkonstellation der Figuren in gefährliche Schwingungen geraten. Und auch die vertrauten Orte der Handlung – das Zauberinternat Hogwarts und das Häuschen von Tante Petunia und Onkel Vernon – erscheinen plötzlich in neuem Licht.

Staatsstreichartig gerät die Schule, die Harrys einziges Zuhause war, in die Gewalt der Gegenmacht, die als Inquisition auftritt und Lehrer wie Schüler mit Qualitätsevaluationen und Disziplinerlassen das Heulen und Zähneklappern lehrt. Zum Schluss entpuppt sich selbst die Kleinbürgerhölle von Onkel und Tante als lebenserhaltende Zufluchtsstätte. Parallel dazu werden neue Schauplätze aufgemacht, eine ungezieferverseuchte Altbauvilla, das Elternhaus von Patenonkel Sirius (Zugang zwischen zwei aneinander klebenden Häusern am Grimmauld Place) und das Ministry of Magic (Zugang über eine typischerweise verrottete Telefonzelle).

Man könnte das alles für einen Ausbruchsversuch der Autorin halten. Man erinnert sich, Fünf Freunde, die Saison für Saison immer wieder in die gleichen Ferien mussten oder wie Winnetou und der alte Lex Barker Film für Film über derselben Hügelflanke auftauchten. Mehr, mehr, mehr!, schreit der kleine Hävelmann und meint natürlich neue Abenteuer und ihre Wiederkehr als Immergleiche. So schlingert auch die Autorin Rowling auf gefährlich verzweigtem Parcours voran.

Abfahrt King’s Cross, Bahnsteig 9 3/4. Jaaa, wie gehabt. Kleines Scharmützel im Zug, hmmm. Nächtlicher Stopp auf einsamem Bahnhof. Die ersten müden Gesichter. Ah! Da tauchen plötzlich schwarze, beflügelte Pferde auf. Nur: Gab es die nicht viel gruseliger in Herr der Ringe ?

Es heißt, Rowling habe sich schwer getan mit Band 5. Seit Harrys Debüt vor sieben Jahren ist viel Konkurrenz nachgewachsen. Artemis Fowl ist als Herausforderer auf dem Platz erschienen und hat bei nicht wenigen einen starken Eindruck hinterlassen. Fowl ist ein hochbegabter Widerling, computerschlau. In seiner Welt, die der Ire Eoin Colfer sich ausgedacht hat, wetteifert Hightech mit Elfenwesen und Trollen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Dies ist Heimat für alle, denen die Nettigkeit der Typen von Hogwarts schon ein wenig auf die Nerven ging. Philip Ardagh und sein preisgekröntes Schlimmes Ende bietet Variationen des schwarzen englischen Humors, an den die kontinentalen Leser sich seit Alice in Wonderland tapfer gewöhnt haben, bei Ardagh finden sie diese Zutat in Essenz. Bei Rowling wird eher gekichert statt böse gelächelt. Und die deutsche Erzählerin Cornelia Funke hat mit ihrem Drachenreiter -Buch, in dem Drache, Ratte und Menschenkind tapfer zusammen nach dem "Saum des Himmels" suchen, sogar die kleinen Amerikaner begeistert, die vor Jahren als Erste die Pottermanie begründeten. Es sind gut erzählte Geschichten. Solche, in denen alles sitzt: die Szene und der Hintergrund, die Spannung. Was man von Rowling nicht immer sagen kann.