Das Ballett ist nichts für Kritiker. Das Ballett hat ein wundes Herz und blutige Füße, es kommt aus dem Jahrhundert der Romantik und ist deshalb in seinem tiefsten Innern sentimental. Sehr im Gegensatz zum Kritiker. Er entstammt dem Jahrhundert der Aufklärung, deshalb muss er, selbst wenn er heimlich zur Sentimentalität neigt, von Berufs wegen einen kühlen Kopf, ein zugeknöpftes Hemd und eine unerbittliche Haltung bewahren. So kann er das Ballett natürlich nicht verstehen. Um es zu verstehen, müsste er es schon lieben. Wer einmal probehalber in Spitzenschuhen getanzt hat, der weiß, dass das Ballett schön ist und wehtut, genau wie die Liebe, und von nichts anderem handelt es auch.

Feuervogel , Schwanensee, Giselle , Dornröschen: John Neumeier hat sie alle choreografiert, die Klassiker des romantischen Tanzes, und er hat sich in Literatur und Musik passendes Material für seine eigenen Passionen gesucht: Mahlers Sinfonien und Händels Messias, Shakespeares Othello, Fouqués Undine und Tennessee Williams’ Endstation Sehnsucht. Seit dreißig Jahren leitet er nun das Ballett der Hamburgischen Staatsoper, das muss mitunter sehr anstrengend gewesen sein, weil man ja nicht ein halbes Leben lang tagein, tagaus mit wehem Herzen zur Arbeit gehen kann. Die Kritiker sind denn auch in regelmäßigen Abständen erbarmungslos über ihn hergefallen, haben ihm Halbherzigkeit oder Rührseligkeit vorgeworfen. Aber schließlich hat John Neumeier doch obsiegt.

Und das ging so: Eine schwarze Schwanenfrau beugt ihren zarten Nacken, ein schöner Mann fasst ihre traurige Hand, er legt den Arm um ihre Taille, sie legt den Arm um seinen Hals, und dann geschieht, was draußen in der Welt vielleicht Umarmung hieße, aber hier ein widerstrebendes Verlangen ist, halb zieht er sie, halb sinkt sie hin, und dann tanzen sie, als wäre auf einer Bühne noch nie getanzt worden, als seien sie die einzigen Menschen auf der Welt und der Pas de deux sei ihr Schicksal, die Vergangenheit ausgelöscht, der Augenblick eine Ewigkeit. Ach! Sie tanzen, als hätten sie in der Liebe soeben erst die höchste Stufe der Selbstfindung entdeckt, als hätte es Ernüchterung und Neue Sachlichkeit niemals gegeben, als hießen die Dichter immer noch Eichendorff: "Und meine Seele spannte / Weit Ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus." So romantisch könnte es sein, wenn das Paar nicht doch auch alles andere über die Liebe wüsste, dass sie ein Spiel ist und ein Zeitvertreib, Ausweitung der Kampfzone, verhängnisvolle Affäre und spätestens übermorgen früh vorbei. John Neumeier hat auch das in die Szene eingeschrieben, es ist natürlich nichts Neues, weder die naive Sehnsucht noch der deprimierende Befund. Aber der Choreograf lässt die Liebe so tanzen, dass dreißig Jahre Karriere, hundert Jahre Psychoanalyse und zweihundert Jahre Ballett vergessen sind: mit heißem Herzen, kühlem Kopf. Mit tapferem Lächeln. Mit leichten Schritten, schwierigen Drehungen, mit Jetés und Attitudes, denen man nicht ansieht, dass sie ursprünglich von der Stange kommen.

Unter dem Titel Préludes CV – zu einer Serie von zweimal 24 Miniaturen für Klavier und Violoncello, Kompositionen der jungen Russin Lera Auerbach – hat John Neumeier seine Interpretation des Präludiums entwickelt. Das Vorspiel des Ballett-Trainings ist das Exercise, hier nun erscheint auch die Liebe als ewige Übung. Trainierbar, aber nicht erlernbar. Ein Aufwärmversuch im Wartesaal der Empfindungen. Bei jedem Anfang ist das Ende bereits abzusehen, doch in der kurzen Spanne dazwischen, auf dem engen Raum, den die verschieden temperierten Musikstücke bieten, erkämpft sich der Choreograf eine schier unendliche Freiheit des Ausdrucks. John Neumeier tanzt die Liebe, dass seine Kritiker aus der Fassung geraten müssen. Dann ergeht es ihnen plötzlich wie im romantischen Gedicht ("Wenn der lahme Weber träumt, er webe / Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe, / Träumt die stumme Nachtigall, sie singe / Daß das Herz des Widerhalls zerspringe") – dann kramen sie heimlich nach einem Taschentuch.