Am 17. März 1954 überfielen Terroristen einen israelischen Reisebus auf dem Weg von Tel Aviv in die südlichste Hafenstadt, Eilat am Golf von Akaba. Bei der Ortschaft Maale Akrabim töteten sie den Fahrer, drangen in den Bus ein und feuerten auf jeden einzelnen Fahrgast: Elf Menschen starben. Überlebende erzählten später, dass die Terroristen ihre Opfer bespuckt und die Leichen misshandelt hätten. Die Mörder entkamen über die Grenze nach Jordanien.

Das geschah 13 Jahre vor jenen fatalen Tagen im Jahr 1967, als Israel im Sechstagekrieg den Gaza-Streifen und das Westjordanland okkupierte. In den so genannten besetzten oder strittigen Gebieten wurden also, auch als sie noch nicht in israelischer Hand waren, Busse, Häuser, Geschäfte und Schulen von bewaffneten Palästinensern überfallen. Zwischen 1951 und 1955 kamen dabei 503 Israelis ums Leben. Damals stellten Gaza-Streifen und Westjordanland keine unabhängige palästinensische Einheit dar, sondern waren von Ägypten und Jordanien besetzte Gebiete ohne Kanalisation, ohne Universitäten, ohne freie Presse und ohne bürgerliche Rechte und Freiheiten. Dennoch widersetzten sich die Bewohner der palästinensischen Flüchtlingslager nicht oder kaum gegen ihre ägyptischen und jordanischen Besatzer: Ihr Feind war Israel. Der palästinensische Terrorismus hatte bereits, bevor Israel im Sechstagekrieg den Gaza-Streifen und das Westjordanland eroberte, Gestalt angenommen.

Die Geschichte palästinensischer Gewalt gegen Juden reicht sogar in die Zeit vor der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 zurück. 1920 und 1921 fanden im damaligen britischen Mandatsgebiet antijüdische Krawalle statt, 1929 richteten Araber ein Massaker unter der jüdischen Gemeinde von Hebron an, und während des Aufstands gegen die britische Kolonialregierung 1936–1939 überfielen Araber an zahllosen Orten jüdische Bürger und jüdische Einrichtungen.

Schon bald kam es zur bekannten Spirale: Gewalt schürte Gewalt, und jüdische Gruppierungen ließen sich zu Vergeltungsaktionen hinreißen. Berüchtigt ist die Rache, die Israel im Oktober 1953 für den Tod einer jüdischen Mutter und ihrer beiden Kinder nahm, die im Schlaf von aus dem Westjordanland eingeschleusten Terroristen ermordet worden waren. Am Tag darauf jagten israelische Kommandos unter Führung des 25-jährigen Ariel Scharon im Dorf Kibya, das als Versammlungsort von Terroristen galt, Häuser mitsamt ihren Bewohnern in die Luft. 69 Menschen kamen dabei ums Leben. Scharon schrieb später in seinen Memoiren: "Jüdisches Blut konnte nicht länger ungestraft vergossen werden. Von da an hatte es seinen Preis."

Kern des gesamten Konflikts ist unleugbar die in einem Staatsgefüge organisierte Existenz der Juden im Nahen Osten. Die Besetzung von Gaza-Streifen und Westjordanland hat die Probleme zwar verschärft, deren Charakter aber nicht wesentlich verändert. Es hat viele Ansätze zu einem Friedensprozess gegeben, doch an der widerspenstigen Wirklichkeit des alten Konflikts ist noch jede Initiative gescheitert. Es gibt nur zwei Lösungen, beide sind mehr als naheliegend, in der Implementierung jedoch äußerst vertrackt.

Die erste Lösung ist der Auszug der Juden aus Israel und damit die Aufhebung ihres Staates. Die Aufhebung Israels würde in der arabischen Welt auf begeisterte Zustimmung stoßen. Die Israelis dürften an dieser Lösung wohl kaum bereitwillig mitarbeiten. Die Juden glauben, Recht auf ein Land zu haben, so, wie die Araber Recht auf ihre Länder haben, von denen es 22 gibt. Die meisten von ihnen haben ihre islamische Identität in der Verfassung verankert. Und um jenem sehnlichsten Wunsch der Araber entgegenzuwirken, unterhalten die Israelis die stärkste Armee des Nahen Ostens. In der Konfrontation mit einer Revolte von Zivilisten scheint diese überlegene Technologie freilich machtlos zu sein.

Eine Revolte von Zivilisten lässt sich, im Gegensatz zum Angriff einer feindlichen Armee, von einer offenen Demokratie nicht mit roher Gewalt bekämpfen. Die moralische Verfassung in den demokratischen Institutionen, in der öffentlichen Meinung und freien Presse steht dem massiven Einsatz militärischer Gewalt gegen Zivilisten im Weg. Bei den Aktionen des israelischen Militärs gibt es regelmäßig Tote, und die Grausamkeit der durch die Medien verbreiteten Bilder ruft im ruhigen Westeuropa oft große Ablehnung hervor; Ha’aretz , eine von Israels Qualitätszeitungen, lässt jüdische Kommentatoren zu Wort kommen, die sich immer wieder entschieden gegen Israels Vergeltungspolitik aussprechen. Es handelt sich hier vielfach um grausame Zwischenfälle, aber sie sind nichts im Verhältnis zu der gigantischen Zerstörungskraft, die die israelische Armee entwickeln könnte. Wenn die israelische Bevölkerung bereit wäre, massenhafte Opfer unter palästinensischen Zivilisten zu akzeptieren, wäre der Terrorismus rasch bezwungen. Doch die Mehrheit der Israelis ist dazu nicht bereit.

In krassem Kontrast zu Israels militärischer Stärke steht die relative Ohnmacht der Palästinenser (und der Araber im Allgemeinen), die die Israelis lieber heute als morgen vertreiben möchten, aber nicht dazu in der Lage sind. Ob die Mehrheit des palästinensischen Volkes (und der Araber im Allgemeinen) eine den Israelis vergleichbare relative Zurückhaltung aufbringen würde, wenn sie über Israels Stärke verfügte und die Israelis nur die begrenzten Mittel der Palästinenser besäßen, ist fraglich.