Nikita Sergejewitsch Chruschtschow war ein eher kleiner und rundlicher Mann, mit Stupsnase und großen Ohren. Gern gab er den fidelen, unverwüstlichen Bauern. Doch spätestens an diesem 2. Juli 1953 dämmerte es den 216 Delegierten und Kandidaten des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die sich in Moskau versammelt hatten, dass der joviale, oft polterige Ukrainer jetzt, rund vier Monate nach Stalins Tod, die neue Nummer eins war. Und dass er es geschafft hatte, den wohl gefürchtetsten Politiker seiner Zeit auszuschalten: Innenminister Lawrentij P. Berija.

Das ZK-Plenum war eigens zu diesem Triumph einberufen worden, zu dem Zweck, Berijas knapp eine Woche zuvor erfolgte Verhaftung – de facto ein Coup Chruschtschows und einiger Mitverschwörer – nachträglich gutzuheißen. Mit ernstem Widerstand musste Chruschtschow, formal nur der erste von vier Sekretären des Zentralkommitees, nicht rechnen. Allerdings, der Umstand, dass das ZK überhaupt gefragt wurde, war nicht ohne Bedeutung. Nach den massenmörderischen Jahren der Stalinschen Alleinherrschaft gewannen satzungsgemäße Formalia langsam wieder an Gewicht. In der unklaren Lage nach Stalins Tod fühlte sich die neue Führung auf die Legitimation durch die Partei angewiesen.

Ministerpräsident Georgij M. Malenkow, lange Zeit Stalins eifrigster Zögling, aber doch eher ein konturloser Bürokrat, ergriff als Erster das Wort, um die Teilnehmer gegen Berija, "dieses Scheusal, diese krankhafte Geschwulst in einem gesunden Körper", einzustimmen. Seine Rede gipfelte in dem Vorwurf, dass Berija sein Innenministerium "über die Partei stellen und das ZK und die Regierung unter seine Kontrolle nehmen wollte".

Die auch von Chruschtschow vorgebrachte Anklage, Berija habe geplant, seine eigene Diktatur zu errichten, scheint bis heute nicht belegbar zu sein. Abwegig erschien sie den Delegierten allerdings keineswegs, verfügte doch Berija über eine fürchterliche, von niemandem kontrollierte Machtfülle. Oder wie Chruschtschow es formulierte: "Er selbst sagte: ‚Ich kann jeden zwingen, ein Geständnis zu unterschreiben, er stünde in direktem Kontakt zum englischen König oder zur Königin.‘"

Erwartungsgemäß beschloss das Zentralkomitee am 7. Juli einstimmig, Berija und zwei seiner Mitarbeiter aus der Partei auszuschließen. Die Verhaftung Berijas und seine Übergabe an die Strafverfolgungsbehörden wurden gebilligt.

Chruschtschow präsentierte später in seinen Memoiren den Coup gegen den allmächtigen Innenminister als erste Etappe auf dem Weg zur Entstalinisierung, welche vor allem sein Verdienst gewesen sei. Diese Version findet sich heute noch oft in der Literatur. Doch das in den letzten 15 Jahren zugänglich gewordene Archivmaterial zwingt zu einer ganz anderen Sichtweise: In den nicht einmal vier Monaten zwischen Stalins Tod und Berijas Sturz waren dramatische Beschlüsse zur Überwindung des Stalinschen Terrorsystems gefasst worden. Und es war in jedem einzelnen Fall ausgerechnet das Monster Berija selbst, das den Anstoß dazu gegeben hatte. Nach seinem Sturz indes herrschte erst einmal zwei Jahre Entstalinisierungspause. Erst im Herbst 1955 nahm Chruschtschow den Prozess wieder auf, und auch dies eher aus Kalkül denn aus eigenem Antrieb. Inzwischen wurden nämlich die Verfolgungen der Stalin-Zeit in der Partei heftig diskutiert, und die Führung schien gut beraten, auf dem kommenden 20. Parteitag von sich aus die Initiative zu ergreifen. Da aber war der Mann, dessen Name zu einem Synonym des sowjetischen Terrors geworden ist, schon zwei Jahre tot.

Geboren wurde Lawrentij Pawlowitsch Berija am 29. März 1899 als Sohn einer ärmlichen Bauernfamilie im Nordwesten Georgiens. 1917, als Schüler an der Polytechnischen Schule in Baku am Kaspischen Meer, schloss er sich den Bolschewiki an. In den Wirren der Revolution, der türkischen Intervention und der zeitweiligen Unabhängigkeit der transkauskasischen Republiken arbeitete er im Untergrund, als Spion für die Bolschewiki – und, wie immer wieder gemunkelt wurde, für die Antibolschewiki der in Aserbajdschan regierenden islamistischen Musavat-Partei. Die Erfahrungen aus dieser Zeit schienen ihn zu Außerordentlichem zu qualifizieren: 1921 machte das Aserbajdschaner Zentralkomitee ihn zum Mitglied der Außerordentlichen Kommission, der Tschreswijtschajnaja Kommissija, abgekürzt Tscheka.

Islamisten, protürkische Gruppierungen, Sozialrevolutionäre, Menschewiki – für die Tscheka gab es viel zu tun. Berija, ins heimatliche Georgien versetzt, erlangte rasch den Ruf eines besonders effektiven Schergen. Jewgenij Dumbadse, ein später abtrünniger Tschekist, sah 1924 in Tiflis einen Lastwagen, voll von halb nackten gefangenen Menschewiki, auf dem Weg zur Exekution. Dahinter, in einem blitzblanken flotten Automobil, folgte eine Gruppe von Parteigrößen mit Berija, vermutlich, um der Exekution beizuwohnen.