Der Mensch sei, so stellt Christoph Wilhelm Hufeland 1796 in seiner Makrobiotik fest, "ein Amphibium von einer höheren Art", das zwischen zwei Welten, der materiellen und der geistigen, zugleich lebt. Deshalb lebten Menschen, wie Amphibien überhaupt, länger als andere vergleichbare Lebewesen.

Im Alter läuft dieser Wanderer zwischen den Welten Gefahr, auf der einen Seite seines Weges, durch Krankheit im Körper festgebannt zu sein. Wo dies nicht der Fall ist, hat er heutzutage allerdings die glücklichste Epoche seines Lebens erreicht. Der amphibische Alte, der noch über alle seine Fähigkeiten, körperliche wie geistige, materielle wie kulturelle, verfügt und den man inzwischen Senior nennt, hat ausreichend Zeit und Geld, um sich die seinem Lebensstandard entsprechenden Träume zu erfüllen. Die Amerikaner, erfindungsreich in Kunstwörtern, nennen die gesunden Alten selpies, second life people, auch woopies, well off elder people, oder wollies, well income old leisure people, oder sie entlarven die Uhus, die unter Hundertjährigen, als grampies, als grown active moneyed people in excellent state . Mit diesen Titeln werden die menschlichen Amphibien sehr von oben herab behandelt, denn sie spielen auf eine unfeine Art nur allzu oft auf die Gunst ihrer ökonomischen Lage an. Die alten Amphibien sind die master consumers, die, wie 1996 ein Report in Media Perspektiven feststellt, auch in Deutschland fast über die Hälfte des frei verfügbaren Pro-Kopf-Einkommens verfügen. Auch ihr Selbstbewusstsein ist gesichert, denn Alte fühlen sich durchschnittlich um 14 Jahre jünger, als sie sind, und glauben, acht Jahre jünger auszusehen.

Im Allgemeinen beginnt heute das Alter mit dem Austritt aus dem Berufsleben. Keiner schämt sich deshalb, sich so früh wie möglich den Alten zuzählen zu lassen. Man wird zwar immer älter, fühlt sich aber immer früher für den Beruf zu alt.

Zudem wird der aus dem Berufsleben ausgeschiedene, noch gesunde und junge Alte mit dem Titel Senior ausgezeichnet. Nicht zufällig kommt dieses Fremdwort diesmal nicht aus dem Amerikanischen: Es zitiert eine lange europäische Tradition – den Señor, Signore, gar Seigneur – und stattet den jungen Alten mit mehr Würde aus, als ihm zusteht. Er gibt dem alten Adam eine Frau, die Seniorin, die freilich nicht ganz so viel Würde aus dem Titel zieht, denn die weibliche Form hat keine Tradition. Im Titel Senior aufersteht die Erinnerung an den senex und gar an den römischen Senator; man mag dabei auch an den Senior einer großen Firma des 19. Jahrhunderts denken, an den Doyen einer angesehenen Familie, an den alten Herrn einer Studentenverbindung. Altersheime nennen sich deshalb vornehm Seniorenresidenzen.

Ein aristokratisches Flair verleiht die Bewegungsfreiheit dem Alter auf jeden Fall. Zwar herrscht der alte Mann nicht wie ein Grandseigneur, und auch seine Gemahlin ist keine Grande Dame, aber er genießt, als wäre er einer. Er geht auf Reisen wie der Adlige auf die Grand Tour, er besucht Theater und Museen, auch wenn sie nicht gerade seine Galerien sind, er hat sein Gärtchen oder Ferienhaus, das seine geliebte Sommerresidenz ist, er bewegt seinen Körper in sportlichen Übungen, und wenn das nicht beim Reiten sein kann, so geschieht es beim Radfahren, und wenn er nicht ficht, so trimmt er sich, und wenn er nicht in der Staatskarosse fährt, dann eben im Jahreswagen, und wenn kein Hoffest stattfindet, geht er aufs Stadtfest, und wenn er keine Soireen veranstaltet, auf die sich Philosophen und Gelehrte drängen, so macht er die Universität zu seiner Akademie und lässt sich dort Vorträge halten über Gegenstände, die für ihn nichts sind als Spielerei.

In den Jahren des gesunden Alters erfüllt sich freilich eine Utopie, von der alle träumen. Schon im 18. Jahrhundert wählte das Bürgertum für seinen Selbstentwurf Vorbilder aus der Aristokratie. Die Lebenskunst des Aristokraten freilich hatte sich bald mit dem Ernst des Bildungsideals angereichert und wird nun verstanden als freie Entfaltung der Individualität, die während des Berufslebens nicht möglich gewesen war und wie eine Pflicht nachgeholt werden muss. Was bis ins 20.Jahrhundert hinein nur einer kleinen Oberschicht vergönnt gewesen war, wird nun zum Geschenk an einen großen Teil der Bevölkerung, an die Alten.

Das Schmarotzertum der Alten erregt zwar verständlicherweise das Missfallen derer, die noch arbeiten. Nie aber wird bedacht, wie sehr das glückliche Alter als Vor-Schein eines ureigenen Ideals des Bürgertums auch heute noch ein Regulativ gerade für das aktive Leben ist. Das Reden über die Altersversorgung hört sich so an, als gelte sie nur der Sicherheit der Alten; eigentlich aber garantieren sich die Jungen den Erhalt eines eigenen Lebensideals.

So aristokratisch ist dann allerdings doch das bürgerliche Selbstbewusstsein im Alter noch nicht, dass es sich seines dandyhaften Nichtstuns nicht schämte. Vor das aristokratische Ideal schiebt der Senior gern das des Managers. Senioren haben immer einen vollen Terminkalender und klagen über zu wenig Zeit; geflissentlich verschweigen sie, dass sie diese nur mit Vergnügungen und Bildungsübungen auffüllen.