Seniorendasein Im Alter wird der Spleen zur PflichtSeite 2/2
An der Modellierung des Altersdaseins arbeiten viele Institutionen. Im Unterschied zu früheren Gesellschaftsklassen, die sich durch spezifische Verhaltensweisen von anderen abgrenzen, können heutige Senioren zwischen allen „Klassen“ und ihren Lebensmöglichkeiten frei flottieren. Alles stellt sich ihnen zur Verfügung als „Freizeit-Angebot“. Geschäftstüchtige Spezialisten, Ärzte, Priester, Reiseunternehmer, Museumsleute, Universitätsprofessoren arbeiten gemeinsam am Patchwork „Altersstil“. Das Wort „Senior“ ist ein Sammelbegriff, der soziale Unterschiede zugunsten der amphibischen Beweglichkeit nivelliert. Jugendliche streben einer individuellen Auszeichnung zu, Erwachsene füllen sie aus, Senioren hingegen sind zuerst Senioren. Sie lassen sich verwöhnen durch Vergünstigungen, die mehr von ihrem Alter als von ihrem Charakter ausgehen: durch den Senioren-Pass, das Senioren-Menü, die Senioren-Fahrt, die Senioren-Führung, das Senioren-Studium, die Senioren-Universität, die Senioren-Sprechstunde, den Senioren-Sport, die Senioren-Meisterschaft, den Senioren-Lauf.
Die Karikatur des Alten, dieses in Freiheit und Bildung schwelgenden Glückskindes, läge nahe, wenn seine Existenz nicht gerade in unserer leistungsorientierten Welt ein Korrektiv wäre. Der reiche Polis-Bürger der Antike etwa, der immer schon ohne Arbeit dahinlebte, konnte nur alt werden; heute hingegen heißt alt werden auch frei werden. Deshalb mag man sich die Karikatur Theophrasts, der seinen Spott über den „Spätgebildeten“ ausgießt, ungescheut anhören: „Späte Bildung erscheint wohl als eine Liebe zu Strapazen, die dem Alter nicht mehr entsprechen, der Spätgebildete aber ist einer, der im Alter von sechzig Jahren Verse auswendig lernt und, wenn er sie beim Gelage vorträgt, stecken bleibt. – Liebt er ein Mädchen, geht er mit Brecheisen gegen die Tür los, wird vom Nebenbuhler verprügelt und vor Gericht gezogen. – Aufs Land reitet er auf fremdem Pferd, versucht dabei Kunststückchen, fällt herunter und zerschlägt sich den Kopf. – Wenn er im Bad einen Ringkampf veranstaltet, wackelt er dabei mit dem Hintern, um als Könner zu erscheinen.“
Immer schon war es die Aufgabe der Alten gewesen, das Pedal der kulturellen Verzögerung zu treten, das jeder Fortschritt braucht. Wie der Garten der Bereich ihrer körperlichen, so war schon immer die Kultur der Garten einer noch verbliebenen geistigen Beweglichkeit. Bis heute ist die Kultur, nach allen Desillusionierungen, die das Alter durch Medizin, Psychologie, Ökonomie hat hinnehmen müssen, die einzige wirkliche Verpflichtung, die die Gesellschaft dem Alternden auferlegt.
Der technische und soziale Wandel rechnet insgeheim mit dem Senior: Der Glücksmoment des Seniorendaseins ist heute mehr denn je ein kultureller Glücksfall für alle – Theater, Universitäten, Hotels, Bäder, Wanderwege, Zeitungen – wir hätten weniger ohne die Alten; ihr geballter Auftritt verhindert, dass sie untergehen.
Hannelore Schlaffer ist Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Freiburg. Demnächst erscheint von ihr im Suhrkamp Verlag Das Alter. Ein Traum von Jugend
- Datum 03.07.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.07.2003 Nr.28
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







