Für den so zähen Widerstand der Deutschen gegen Kinderkrippen, Vorschulerziehung und Ganztagsschulen blieb ein Grund in der Pisa-Diskussion unerwähnt. Er liefert kein Argument, das sich kämpferisch verwenden ließe. Jedoch, er könnte erklären helfen, warum Institutionen öffentlicher Betreuung und Erziehung, die in unseren Nachbarländern als sinnvoll gelten, deutschen Kindern schaden sollen.

Aufzuspüren ist dieser Widerstandsgrund in Gedichten, Romanen, Autobiografien. Sie reflektieren und formen die gängigen Vorstellungen, die Ideale und Gefühle einer Gesellschaft. So auch die Vorstellung, was denn ein Kind sei. Das literarische Leitbild schuf Goethe im Wilhelm Meister: Mignon, das Mädchen mit der Knabenfigur, das überirdische Geschöpf unbekannter Herkunft, es singt, erfindet Gedichte, die zu den schönsten der deutschen Lyrik zählen, beeindruckt den Erzähler besonders in einem Engelskostüm. Mignon stirbt. Sie muss sterben, denn so viel Reinheit und Unschuld, solch naive Genialität kann nicht erwachsen werden.

Das edle Kind, das stirbt, gehört im 19. Jahrhundert zu den ständig wiederkehrenden Topoi der deutschsprachigen Literatur, Gerhart Hauptmann bringt ihn mit Hanneles Himmelfahrt sogar auf die Bühne. Natürlich, die Kindersterblichkeit war im 19. Jahrhundert größer als heute, aber das Thema wanderte auch in die Literatur des 20. Jahrhunderts, am prominentesten bei Thomas Mann. In seinem ersten großen Erfolg, den Buddenbrooks, ist es der so sensible und musiksüchtige Hanno, der an den Zwängen der Schule zugrunde geht, in seinem letzten Roman, Doktor Faustus, ist es der fünfjährige Nepomuk Schneidewein, der sterben muss – das "Elfenprinzchen" von "zierlicher Vollendung" mit seiner "anbetungswürdigen Lieblichkeit".

Bei den Franzosen sieht das Kind anders aus. Jean-Jacques Rousseau erzählt in seinen Bekenntnissen, dass er als kleiner Junge in den Kochtopf der Nachbarin urinierte, dass er mit acht Jahren, als ihn eine verehrte junge Dame züchtigt, sinnlich erregt wurde. André Gide berichtet in seiner Autobiografie, wie er andere Kinder schikaniert und im Klassenzimmer masturbiert. Bücher, die für Kinder geschrieben wurden, gehen nicht ganz so weit. Immerhin, eines der berühmtesten, Les malheurs de Sophie (1864!), schildert ein kleines Mädchen, das lügt, stiehlt, seinen Reitesel quält und die Goldfische der Mutter auf dem Puppenteller zerschneidet. Oder Poil de Carotte, die Geschichte von einem Jungen, der (wir beschränken uns) ins Bett pinkelt und zur Strafe seinen Urin als Süppchen vorgesetzt bekommt. Sadismus, Brutalität, Sexualität gehören für französische Autoren mit zum Bild vom Kind, das dann nicht stirbt, sondern zum vernünftigen Erwachsenen wird.

Natürlich sind die Kinderbilder der deutschen und der französischen Literatur widersprüchlicher, als hier skizziert. Bei uns gehören etwa die bösen Buben Max und Moritz und Struwwelpeter dazu, in Frankreich Der kleine Prinz, der aber nicht zufällig bei uns ein Longseller wurde, während die böse Sophie unbekannt blieb. Die nationalen Akzente aber sind unübersehbar. Auf eine Formel gebracht: In der deutschen Literatur ist das Kind ein höheres Wesen, das mit der Pubertät abstürzt in die schmutzige Welt der Erwachsenen; in der französischen Literatur ist das Kind ein amoralisches Tier, das durch Dressur auf die Ebene der Erwachsenen emporgehoben werden muss.

Literatur reflektiert die Mentalität einer Gesellschaft nicht eins zu eins, aber doch so, dass man vorsichtig Schlüsse ziehen kann. In unserem Fall: Ist für deutsche Autoren und Leser das Kind unschuldig, genial begabt, ein "göttliches Wesen" (Hölderlin), folgt daraus in der Praxis, dass es möglichst lange geschützt werden muss vor der bösen Welt. Gilt andererseits das Kind als Monster, kann die Dressur nicht früh genug beginnen.

Leitbilder, insbesondere solche, die seit Generationen im Unbewussten nisten, haben ein zähes Leben. Gewiss schrieben in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mehrere deutsche Autoren Romane und Autobiografien, die mit der Unschuldsvermutung gründlich aufräumen, allen voran Günter Grass mit dem trommelwütigen Oskar, der dreijährig beschließt, nicht weiter zu wachsen. Dennoch, etwas bleibt oder schlägt immer wieder durch.

Der Zufall wollte es, dass 2000/01 zwei Bücher erschienen, die noch einmal den deutsch-französischen Gegensatz überdeutlich machen. Durs Grünbeins Aufzeichnungen aus dem Jahr, in dem auch sein erstes Kind geboren wurde: ein Text der immer dann unter sein Niveau geht, wenn der Autor die Neugeborene bedichtet. Dann versackt er in einen Verherrlichungsrausch, greift zu den abgenutztesten Formeln, erhebt er den eigenen Nachwuchs zur "Prinzessin". Ganz anders Amélie Nothomb in Métaphysique des tubes. Sie beschreibt gleichfalls den Lebensanfang, aber aus der Per-spektive des Kindes, und da geht es zu allererst um Nahrungsaufnahme und Ausscheidung, für Nothomb ist der Mensch anfangs nicht mehr als Schlauch oder Röhre. Beide Bücher passen in die nationale Tradition: in Berlin nach wie vor der Veredelungsdrang, in Paris die Lust, eine niedere Herkunft zu entlarven.