Abe Dane läuft mit einem Laptop unterm Arm über den Campus des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im amerikanischen Cambridge. Nicht mit einem der schicken neuen Notebooks, mit denen hier allenthalben die Studenten auf Bänken und Wiesen sitzen und drahtlos im Internet surfen, sondern mit einem recht betagten Modell, das ihm ein Professor in die Hand gedrückt hat. Darauf befinden sich die Unterlagen zu einer Vorlesung, die der Hochschullehrer vor ein paar Semestern gehalten hat – er selbst hat keine Zeit, die Daten herunterzukopieren, deshalb hat er Dane gleich den ganzen Computer überantwortet, und der muss jetzt die Seminarunterlagen mühselig von der Festplatte klauben.

Abe Danes offizielle Jobbezeichnung lautet faculty liaison – ein Verbindungsmann also. Er soll die Mitglieder des Lehrkörpers dazu bewegen, ihr größtes Kapital freiwillig und umsonst herauszurücken: die Unterlagen zu den Vorlesungen und Seminaren, die sie an der angesehenen Universität halten. Bis September müssen die Verbindungsleute das Material von 500 Kursen eingesammelt und editiert haben, wenn sie ihren selbst gesteckten Plan einhalten wollen. In einem für viele überraschenden Schritt hat sich das MIT nämlich vor zwei Jahren entschlossen, die Inhalte seiner Lehrveranstaltungen der ganzen Welt kostenlos im Internet zur Verfügung zu stellen. Open Courseware (OCW) nennt sich das Projekt.

Wie bitte? Die Studieninhalte einer der angesehensten Universitäten der Welt – kostenlos im Netz? "Zum MIT gehen", das ist in der amerikanischen Umgangssprache gleichbedeutend mit: ein nerd sein, ein technisch-mathematischer Überflieger. Und die Seminare der Elite-Uni, die immerhin jährlich 28000 Dollar an Gebühren kosten, sollen nun für jedermann abrufbar sein? Sind sie nicht die Essenz einer MIT-Ausbildung, die Kronjuwelen des Instituts?

Um diesen Akt intellektueller Philanthropie zu verstehen, muss man die Geschichte des Projekts kennen. Denn ursprünglich wollte das MIT durchaus mit Online-Kursen Geld verdienen. Man gründete vor drei Jahren eine Kommission, ließ sich von der bekannten Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton ein Gutachten erstellen – aber wie man es auch drehte und wendete, das Ergebnis war dasselbe: Mit Online-Kursen kann eine Universität wie das MIT kein Geschäft machen. Unter anderem kam man zu dem Schluss, dass MIT-Professoren zwar gut darin seien, die hoch qualifizierten Studenten ihrer Universität zu unterrichten, aber nicht unbedingt gut in der "Popularisierung" der Inhalte für ein breiteres Publikum. "Ehrlich gesagt, waren die Leute damals ziemlich frustriert", gesteht Anne Margulies, die heute das OCW-Projekt leitet. Dann kam der Vorschlag: Warum machen wir keine soziale Aktion daraus und stellen die Sachen kostenlos ins Netz?

Weitergabe erwünscht

Eine ziemlich verrückte Idee für eine Privatuni, die ja auch ein Wirtschaftsunternehmen ist. Aber MIT-Präsident Charles Vest freundete sich damit an und machte sie zur Chefsache – trotz aller Bedenken, die es natürlich gab: Sind die Inhalte nicht die Substanz dessen, was den Ruf des MIT ausmacht? Werten wir damit nicht unsere Abschlüsse ab? Letztlich setzte sich das Argument durch, dass kein Selbststudium die persönliche Anwesenheit an der Traditionsuniversität ersetzen kann. OCW sei "ein Fenster zu einem MIT-Studium", wie Anne Margulies sagt, aber eben nicht das MIT-Studium selbst. Das besteht immer noch aus der einzigartigen Interaktion zwischen Professoren und Studenten. Die Skeptiker ließen sich überzeugen, im September 2002 gingen die ersten 38 Kurse ans Netz.

Man hätte es natürlich dabei bewenden lassen können, das Professorenkollegium zu ermuntern, die Inhalte auf eigene Faust ins Netz zu stellen. Aber am MIT wird geklotzt, nicht gekleckert, und so wurde aus OCW ein Großprojekt: Mit Margulies stellte man eine Managerin ein, die in Harvard und in der Privatwirtschaft EDV-Projekte gestemmt hatte. Das neue Unternehmen wurde mit einem üppigen Etat ausgestattet: Elf Millionen Dollar für die nächsten Jahre kommen von zwei großen Stiftungen, eine weitere Million schießt das MIT selbst jedes Jahr zu.

Siebzehn fest angestellte Mitarbeiter hat OCW heute. Die sollen, wenn alles nach Plan läuft, bis zum September 2007 insgesamt 2000 Vorlesungen und Seminare ins Internet stellen – das ist dann der größte Teil des MIT-Curriculums, dessen Gesamtumfang niemand exakt beziffern kann.