Reformen Die Mitte und der Abgrund

Die rot-grünen Reformen nehmen Gestalt an. Was werden sie bewirken? Was geschähe ohne sie? Erkundungen in einem westdeutschen Mietshaus

Der genaue Ort? Nun, das ist Ansichtssache. Geografisch gesehen, steht das Mietshaus, von dem hier die Rede sein wird, im Zentrum einer westdeutschen Großstadt. Politisch betrachtet, liegt es eher im Grünen. Sozial befindet es sich ziemlich in der Mitte des Landes. Demografisch gesehen, steht es am Rande eines Abgrunds.

Aber wichtiger als das Besondere ist das Allgemeine: Dieses Haus ist in vieler Hinsicht typisch – typisch deutsch mit seinen Beamten und seinen Selbstständigen, seinen Alten und seinen kleinen Kindern und sogar mit seinen Ausländern. Nun, da Arbeitsmarkt, Alterssicherung, Gesundheitsvorsorge umgewälzt werden sollen wie seit Jahrzehnten nicht mehr, ist dies kein schlechter Platz für eine kleine Untersuchung: Was werden all diese Sozialreformen bewirken? Was geschähe ohne sie?

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Über den gemeinsamen Wohnort hinaus verbindet die Bewohner unseres Hauses eine bemerkenswerte Bereitschaft, über die eigenen Lebensverhältnisse Auskunft zu geben – solange keine Namen genannt werden. Hereinspaziert, wir haben nichts zu verbergen! Also dann.

Zweiter Stock links. Die Tür öffnet eine Frau mit blond gefärbten Haaren. Man würde sie auf Mitte 40 schätzen, tatsächlich ist sie 56, und wenn sie über ihre Arbeit spricht – sie ist Sonderschullehrerin –, dann hört sie sich noch einmal beträchtlich älter an. Nicht, dass sie Mangel litte. Die Kinder sind aus dem Haus, sie arbeitet Vollzeit und verdient 3000 Euro netto plus Urlaubsgeld und dreizehntes Gehalt. Es ist die Arbeit: 32 Jahre Sonderschule, inzwischen arbeite sie im Schnitt über 50 Stunden in der Woche, sagt sie, die Ferien eingerechnet. Und dann die Schüler, die immer schwieriger würden.

Finanziell findet sie ihre Lage „angespannt: Ich gucke mir immer meinen Gehaltszettel an: 3000 Euro, das sind 6000 Mark. Und dann frage ich mich: Wieso komme ich damit nicht aus?“ Eine „Stressreaktion“, vermutet sie, unkontrolliertes Geldausgeben, „Cappuccino hier, Cappuccino da“.

Dabei ist das Geld noch die geringste ihrer Sorgen. Sie hat Angst, ihrem Job nicht mehr gewachsen zu sein, Angst vor Krankheit, schlechter Gesundheitsvorsorge und steigenden Kosten, vor einer zu kleinen Rente. „Selbst wenn ich es hätte“, sagt sie, „ich käme gar nicht dazu, Geld mit freiem Herzen auszugeben.“ Fraglich, so gesehen, ob eine vorgezogene Steuerreform in diesem Haushalt das Investitionsklima verbessern wird.

Und die Reformen? Die reichen ihr bei weitem nicht, weshalb sie sich über den Widerstand der Gewerkschaften so sehr ärgert, dass sie überlegt, aus der GEW auszutreten. „Ganz wenig“, sagt sie, habe sie von der Steuerreform des Jahres 2000 profitiert. Objektiv hat sie mehr Geld, doch das ändert nichts an ihrem Gefühl, ihre Lage habe sich im Lauf der letzten zehn Jahre ständig verschärft.

Zwei Treppen hoch: ein Déjà vu. Die Hausherrin ist 56 Jahre alt, hat wie die Sonderschullehrerin ein pädagogisches Fach studiert, wählt, wie jene, die Grünen und ist ebenfalls in der Gewerkschaft. Dass alles andere in ihrem Haushalt ganz anders ist, ja dass die Welt, von hier aus betrachtet, eine andere zu sein scheint, liegt möglicherweise an einem scheinbar nebensächlichen Umstand: Sozialpädagoginnen werden selten verbeamtet.

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