Film Rage ist süß

Der Filmregisseur Ang Lee hat einen amerikanischen Mythos gezähmt. Das Monster „Hulk“ wird zum Amokläufer unseres Vertrauens

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Das Tier handelt; der Mensch taktiert. Das Tier ist eins mit seinem Körper, eine unschuldige Bestie; der Mensch fühlt sich seines Körpers enthoben, er ist der Schauspieler und Zuschauer seiner selbst. Das Tier lebt; der Mensch macht nur Kunst.

In Kleists Erzählung Über das Marionettentheater ist aus diesem Grund der fechtende Bär dem Meisterfechter strahlend überlegen: Der Bär kämpft, der Mensch stellt nur einen Kämpfer dar.

Damit wir Menschen ahnen können, wie es wäre, mit unserem Körper eins zu sein, hat Amerika uns die Superhelden geschenkt. Und kein Superheld kommt der unschuldigen Bestie so nahe wie der Naturwissenschaftler Dr. Bruce Banner, Künstlername: Hulk.

Wenn Banner von der Wut gepackt wird, platzen ihm die Knöpfe vom Hemd und das Hemd vom Leib, die Gürtelschnalle schießt wie ein Bolzen davon, der schmächtige Mann fährt aus seiner Haut, seiner Rolle, seinem Leben. Der Schädel gewinnt knirschend an Volumen, die Brust pumpt sich voll mit Luft für hundert Gorillas, der Nacken verhärtet sich zum gewaltigen Joch. Jetzt kann er nicht mehr sprechen, nur noch – unfehlbar – agieren. Um bei Kleist zu bleiben: Wir erleben, wie sich der brave Fechter in den Bären verwandelt. Gleich wird er fürchterlich wüten und jede Sekunde seiner Wut genießen.

Das ist der Verdacht, den Ang Lee, Filmregisseur aus Taiwan mit Wohnsitz in Manhattan, in seinem Hulk illustriert: dass jeder Amerikaner zugleich Fechter und Bär sei, ein Bürger und ein Monster. „Was mir am meisten Angst macht“, sagt Banner, als er aus einem Wutrausch zurückkehrt, „ist der Umstand, dass ich es mag, was da mit mir passiert.“

Wie es sich für einen New Yorker Intellektuellen gehört, glaubt Ang Lee an die Psychoanalyse. Er gibt seinem Helden eine edle Seele und versenkt sich in dessen Kindheit. Nie hat der Hulk, der aus einem Marvel Comic der frühen sechziger Jahre hervorging und in den siebziger Jahren zur TV-Figur wurde, so viel Liebe und Aufmerksamkeit erfahren wie nun bei Ang Lee.

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