Irak Befreite schießen auf Befreier

Amerikaner und Briten fragen sich verwirrt: Was haben wir im Irak versäumt und verpatzt?

Drei Monate nach Ende des Krieges gibt es in Bagdad vier Stunden Strom am Tag; die überwiegende Mehrheit der Bewohner verfügt nicht über fließendes Wasser; die Telefonleitungen sind tot; es fehlt an Benzin – und das in einem Land, das auf Rohöl schwimmt. Die mächtigste Militärmaschine der Welt ist nicht in der Lage, die Sicherheit im Land zu garantieren – nicht einmal die eigene. Täglich sterben Soldaten der Besatzungsmacht bei Attentaten. Bald wird die Zahl der Opfer in „Friedenszeiten“ höher sein als zu Zeiten des Krieges.

So sieht das grobe Bild des von Saddam Hussein befreiten Iraks aus. Niemanden stellt es zufrieden, nicht die Sieger in Washington, nicht die Iraker, die sich vom Frieden mehr erwartet hatten als die Abwesenheit der Diktatur Saddam Husseins. Nicht nur die Amerikaner fragen sich: Warum schießen die Befreiten auf die Befreier?

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Der Diplomat Paul Bremer ist der Erste, der darauf eine Antwort finden muss. Der „Vizekönig“ des Iraks soll für George W. Bush den Frieden gewinnen, damit der Präsident nicht den Krieg verliert. An Bremers schwankender, unsicherer Politik lässt sich ablesen, dass die Supermacht Amerika ihren Weg im Irak noch nicht gefunden hat – dass sie in Verlegenheit kommt, wenn sie jetzt erklären muss, warum so viele der Ihren Opfer von Anschlägen werden.

Eine der ersten spektakulären Aktionen des im Mai eingesetzten Bremer war die Auflösung des irakischen Militärs. Daraufhin gingen Tausende Offiziere und Soldaten auf die Straße und drohten, Gewalt anzuwenden, falls sie nicht wieder in ihr Recht und Auskommen eingesetzt würden. Bremer versprach den Exuniformierten umgehend ein Gehalt und die mögliche Integration in die neue, erst noch zu bildende Armee. Die Drohung der ehemaligen Soldaten hatte gewirkt.

Wenig später versuchte Bremer, die irakische Bevölkerung zu entwaffnen. Eine riesengroße Aufgabe, denn nach offiziellen Schätzungen sind sieben Millionen Gewehre im Umlauf – bei einer Gesamtbevölkerung von 24 Millionen. Bremer erließ zunächst eine Amnestie für alle, die ihre Waffen bis zum 15. Juni freiwillig abgaben. Aber die vorbereiteten Lager blieben so gut wie leer. Nach dem Scheitern der freiwilligen Abgabe setzten die US-Truppen auf Zwang – mit verheerenden Auswirkungen für das Leben der Iraker. Die tägliche Blockade des Bagdader Straßenverkehrs durch Kontrollposten gehört noch zu den kleineren Übeln. Schwerer wiegen die Durchsuchungen von Privathäusern. Soldaten dringen mit Vorliebe nachts und ohne Vorwarnung in jene Wohnungen ein, in denen sie Widerständler vermuten. Sie gehen dabei – nach den Klagen betroffener Iraker – äußerst rücksichtslos vor.

Ali Zeidani hat eine solche Durchsuchung über sich ergehen lassen müssen. Er wohnt in dem Bagdader Quartier al-Adhamiya. Ein Panzer drang in den Hof seines Hauses ein. Er riss die Hofmauer nieder, beschädigte das Haus und brachte sämtliche Wasserleitungen zum Platzen. Ein bedauerlicher Unfall – entschuldigen sich die US-Soldaten. Aber Ali Zeidani weiß nicht, wo er sich beklagen, wer ihm den Schaden ersetzen könnte. Das Haus Ali Zeidanis war während des Krieges von Splittern einer Rakete getroffen worden; außerdem ist er ein Invalide, in den achtziger Jahren wurde er im Iran-Irak-Krieg zum Krüppel geschossen. Ali Zeidani steht für das Schicksal eines irakischen Durchschnittsbürgers.

Natürlich ist er nicht gut auf die Amerikaner zu sprechen, und auch damit ist er nicht allein im Irak. Zorn und Feindseligkeit schlagen den Befreiern entgegen. Bei den ersten Angriffen auf Patrouillen und Konvois behauptete Washington noch, es handele sich dabei um „Widerstandsnester“ von Anhängern Saddam Husseins. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sprach sogar von „einfachen Kriminellen“.

Behauptungen, die den Realitäten nicht standhalten. Aus den seit Wochen andauernden Anschlägen lässt sich eine Art Geografie des Widerstandes ableiten. Die ersten Angriffe gab es im Westen Bagdads, in den Städten Falludschah und Ramadi. Dann kamen Hit und Rawa im Norden dazu, und schließlich bewegte sich die Schleife der Gewalt nach Osten hinüber zum Tigris, über die Städte Tikrit, Balad und Baquba. Diese Gegend nennt man heute das Dreieck des Todes – hier gab es die häufigsten Angriffe auf US-Soldaten. Dieses Dreieck liegt im vorwiegend von Sunniten bewohnten Gebiet Iraks. Unter ihnen hatte Saddam Hussein die meisten Gefolgsleute.

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