Nachruf Letzte Rast im Segelwind

Sie durfte alles, was sie wollte, und fürchtete keine Regeln – zum Tod von Katharine Hepburn

Der Tod macht mir keine Angst“, hat Katharine Hepburn schon früh gesagt, „einfach zur Tür hinaus.“ In ihrem siebenundneunzigsten Lebensjahr ist ihr gelungen, was Humphrey Bogart fast ein halbes Jahrhundert früher und abrupter gelang. In sah ich beide, an vielen frühen und späteren Abenden, immer wieder.

Katharine Hepburn riskierte es auch, einem Bericht über ihr Leben den Titel All about Me zu geben, und fürchtete nicht, dass das zu wenig oder zu viel sein könnte. Das Forschungsgebiet ihres Vaters, Chirurg und Chefurologe, waren Geschlechtskrankheiten, ihre Entstehung und Behandlung. Er gründete eine Gesellschaft für Sozialhygiene und war zugleich ein leidenschaftlicher Grundstücksinvestor und Spekulant, der sich später und entscheidend um ihre Gagen kümmerte.

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Ausgedehnte Diskussionen schienen die Lieblingsbeschäftigung aller Familienmitglieder zu sein, und über das meiste wurde offen gesprochen. Jeder durfte anziehen, was er wollte, und sie wollte weite Hosen und große Pullover und die Socken ihres älteren Bruders. Als sie vier Jahre alt war, nahm ihre Mutter sie zu einer ihrer Suffragettenaktionen mit. Katharine hielt die Luftballons, auf denen „Votes for women“ stand, fest in der Hand und ging mit auf Streikposten. Mit zehn Jahren stand sie gelegentlich schon am frühen Morgen allein vor Fabriktoren und verteilte Handzettel an die Arbeiter der Frühschicht. Vorausgesetzt natürlich, dass es stimmt, was Paul Werner in Rebellin in Hollywood schreibt. Aber auch wenn es falsch wäre, ist es richtig, denn es passt zu ihr.

Als ihr Bruder Tom, 16-jährig, erhängt aufgefunden wurde, trieb das ihr die ohnehin geringen religiösen Ambitionen aus. Sie ging auf das College, auf das auch ihre Mutter gegangen war, hatte mit neunzehn eine hohe, etwas schneidende Stimme, begann sich für Stummfilme zu interessieren und wollte rasch berühmt werden. Der Produzent Knopf in Baltimore gab ihr nacheinander zwei winzige Rollen und empfand ihre metallische Stimme als schrecklich. Schon damals nervte sie Regisseure und Kollegen, entwickelte für ihre Mimik eigene Ideen und ging nach New York. Sie bekam die Chance, eine Hauptrolle zu übernehmen, sprach aber aus Nervosität noch höher und schneller als sonst und wurde, da das Publikum nur wenig von ihrem Text mitbekommen hatte, nach dem Ende der Vorstellung entlassen. In dieser Zeit hatte sie die ersten Lover und wählte rasch unter den vier heftigsten Bewerbern einen wohlhabenden Junggesellen aus der High Society von Philadelphia.

Ihr Blick: Offen und unerklärlich

Sie änderte seinen und nicht ihren Namen und bestand auf dem Umzug nach New York. Drei Wochen nach der Hochzeit trennten sie sich. Mit Zweitbesetzungen und Nebenrollen ging es weiter. Im März 1932 hatte sie als Amazonenkönigin in The Warrior’s Husband ihren ersten Erfolg. Ein Talentsucher empfahl sie an David O. Selznick. Man bot ihr einen Vertrag über 500 Dollar die Woche an, aber Hollywood erschien ihr, von New York aus, als tiefste Provinz. Sie verlangte 1500 Dollar und bekam sie. Mit ihrer langjährigen Gefährtin Laura Harding kam sie am 4. Juli 1932, dem Unabhängigkeitstag, mit dem Zug in Pasadena an.

Der Film Morning Glory brachte ihr 1933 den ersten Oscar. Ob mit Cary Grant in Philadelphia Story (1940) oder mit Spencer Tracy seit 1942 – ihre Entschlossenheit, der Blick, quer hinweg über Stromschnellen, Tennisplätze oder andere Sichtmöglichkeiten, bleibt so offen wie unerklärlich. Puritanisch, als wären es die Blicke der eben gelandeten Passagiere der Mayflower, über jeden hinweg und geradewegs auf jeden zu, auf Spencer Tracys souveräne, oft undurchschaubare Freundlichkeit zu, Gary Grant gegenüber etwas kritisch, viel direkter, fast aggressiv ins Gesicht. Mit Spencer Tracy lebte sie auch; dass er verheiratet war, störte sie nicht, was ich verstehen kann, sowohl die Zuneigung zu wie die Gleichgültigkeit gegenüber den amerikanischen Gesellschaftsnormen. Mir persönlich wäre nur Robert Mitchum noch lieber.

Es ist lange her, dass ich African Queen mit Katharine Hepburn und Humphrey Bogart zum ersten Mal sah: in einem Wiener Kino, das Joseph Conrad als das Herz der Finsternis bezeichnen würde. Mir wird es im Wiener Kongo täglich zum Epizentrum, zur toten Mitte des Taifuns. Seine älteren bis sehr alten Gäste nennen es mit einer gewissen Zärtlichkeit „die Bellaria“ und fügen das Wort „Kino“ nicht an. Sie warten meistens, wenn das Wetter es zulässt, schon einige Stunden auf einer Bank schräg davor auf den ersten Film und fahren gemeinsam mit einem späten Zug der Straßenbahn heim. Die Auswahl der Filme ist überraschend, von der Geierwally bis zu African Queen. Hepburn und Bogart wirken in diesem Film gegenbesetzt, sie spinsterhaft und britisch, Bogart grob, kräftig und von dem breiten Strom samt Krokodilen nicht weniger irritiert als von der Hepburn.

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