Der Hausbesetzer Schorsch wohnt jetzt in Brieselang. Falkensee war zu teuer, wer will schon 300000 Euro für ein Reihenhaus bezahlen? Also ist Schorsch mit seiner Frau noch ein paar Kilometer weiter hinaus ins märkische Land gezogen. Brieselang liegt zwanzig Kilometer Luftlinie von Berlin-Kreuzberg entfernt, Lichtjahre weg. Der Weg zu Schorschs Doppelhaushälfte, mit offener Küche und Kamin im Wohnzimmer, führt zuerst über Asphalt, dann über Kopfsteinpflaster, schließlich über Schlammwege. Im Hausflur reicht Schorsch Filzpantoffeln. Der Holzfußboden, sagt er, sei so empfindlich.

Georg "Schorsch" Uehlein, 47 Jahre, alter Kreuzberger Hausbesetzeradel, kam vor sieben Jahren im Einfamilienhausidyll an. Er hat Berlin-Kreuzberg verlassen, wie so viele der Weggefährten aus alten Kampftagen, die nun an die fünfzig Jahre alt sind. Am Nachmittag kommt einer von ihnen zum Kaffee vorbei, der wohnt in Kleinmachnow. Einen hat es nach Lichtenrade verschlagen, einen anderen nach Frohnau. Und Ulrike, ach, die wohnt irgendwo hinter Pankow, Schorsch hat vergessen, wie das Dorf heißt. Sie haben Abschied genommen von Kreuzberg, von wilden Zeiten und krausen Träumen, von alledem.

1980, im Februar, besetzte Schorsch mit seinen Kumpeln das Haus in der Kohlfurter Straße 46. Es war die achte Hausbesetzung in Kreuzberg, vielleicht auch die neunte, wer weiß das noch? Schorsch, heute Politiklehrer an einem Gymnasium, stand damals "eher gegen die Gesellschaft". Gegen die Spekulanten und die Abrissbagger natürlich. Ein paar Jahre lang führte er ein Leben zwischen Blockrat, Blockkasse und Blockfesten, Nachtwachen und Funkwachen, Barrikadenausschuss und Handwerkerausschuss. Manche Aktionen waren "bisschen kriminell", sagt Schorsch heute grienend. Da gab es die "Frühstücksguerilla", die sich beim Sekt fantasievolle Anschläge überlegte, Pudding-Attentate auf Politiker, die aber nie realisiert wurden.

Daheim hat Schorsch noch die alten Agitprop-Broschüren, mit Schreibmaschine verfasst und zu DIN-A4-Heften geklammert. Zwischen den Broschüren steht ein Buch des Berliner Architekturkritikers Dieter Hoffmann-Axthelm. Es heißt Straßenschlachtung und beschreibt, was damals passierte in Schorschs Revier, dem Viertel rund um den U-Bahnhof Kottbusser Tor: Ganze Straßen wurden hingerichtet, planmäßig exekutiert. Hier standen Schorsch und die Seinen, dort Politik und Wohnungsbau mit ihrer Logik von Abriss und Neubau. Fast zwei Jahrzehnte hatten die Schlächter damals schon gewütet und ihre geschichts- und gesichtslosen Wohnwürfel tief in die Kreuzberger Stadtlandschaft gerammt. "Sanierung" nannte man das.

Jetzt, noch einmal zwei Jahrzehnte später, herrscht wieder Frieden am Kottbusser Tor. Die Abrissbagger sind lange abgezogen, der Feind ist irgendwie abhanden gekommen. Frühere Hausbesetzer wohnen in behutsam modernisierten Altbauten, man trifft sich gegen Mittag zum Frühstück im Café und geht anschließend zur Weinhandlung Suff, um einen Rosso Toscano für den Abend zu kaufen. Die neue Kreuzberger Welt ist postmodern, weltoffen und multikulturell. Einerseits. Andererseits ist Kreuzberg und besonders das Viertel am Kottbusser Tor die ärmste Gegend von ganz Berlin – mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen, den meisten Sozialhilfeempfängern und der höchsten Arbeitslosenquote. Und Schorsch, der seinerzeit gegen die "soziale Durchmischung" und die "Schickimickisierung" des Viertels kämpfte, "weil die parasitär ist", sitzt in Brieselang, ein Lupo steht in der Einfahrt, und drinnen duftet es nach Apfelkuchen. "Na ja, nur Armutsbevölkerung bringt’s irgendwie auch nicht", sagt er. Das ist wohl die Brieselanger Sicht der Dinge. "Dass Leute nach Kreuzberg kommen, die genug soziales Potenzial haben, das Viertel nach vorn zu bringen, da bin ich nicht mehr so dagegen."

Kein anderer Stadtwinkel im ehemaligen West-Berlin ist so symbolträchtig wie Schorschs früheres Biotop rund um das Kottbusser Tor, das "wirkliche" Kreuzberg: Kiezidyll und Turkish Town, Betontristesse und Drogensumpf, kaputte und reparierte Stadt, Szene-Boheme und deutsche Bierdimpfligkeit. Am Kottbusser Tor wurde alles ausprobiert, was irgendwann einmal als Sanierung galt – man hat abgerissen und neu gebaut, zerstört und repariert, modernisiert und verschönert, mal brachial, mal behutsam. Nirgendwo sonst in Deutschland lassen sich die verschiedenen Phasen, Philosophien und Strategien von Stadtsanierung mitsamt allen Irrwegen und in Beton verewigten Paradigmenwechseln auf so engem Raum erleben.

Die wohl endgültig letzte Kehrtwendung erfolgte im vergangenen Jahr: Nach fast vier Jahrzehnten wurde Deutschlands ältestes und berühmtestes Stadterneuerungsgebiet "aus der Sanierung entlassen", wie es im Planungsdeutsch heißt. 39 Jahre Staatshilfe sind genug, fand Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) und beschied: "Schluss mit dem Sozialismus in Kreuzberg!"

Das Kreuzberg Museum in der Adalbertstraße95 ist eine Art Grenzkontrollpunkt. Genau bis hierhin ist die Kahlschlagsanierung Mitte der Siebziger geschwappt, von Süden die Straße hoch, und hat ihr Treibgut angespült: uniforme Neubauten in Quadern und Zeilen. Das wohl eindrucksvollste Zeugnis des Machbarkeitswahns jener Jahre, ein Wohnlindwurm für tausend Menschen, dem man seinerzeit den Namen Neues Kreuzberger Zentrum (NZK) verpasste, liegt wie ein Riegel quer über der Straße. Direkt im Schatten dieses architektonischen Sündenfalls zeigt das Kreuzberg Museum derzeit eine Ausstellung über die lange Geschichte der Sanierung rund ums Kottbusser Tor, von manchen liebevoll-schnoddrig "Kotti" genannt.