Vor 33 Jahren waren Reinhold und Günther, Max, Gerhard, Karl und Peter und Hans, Felix und Jürgen Freunde. Die Kameraden kletterten in Eis und Fels, bei Schneestürmen und manchmal auch Sonnenschein an der höchsten Steilwand der Erde. Die Rupalwand des Nanga Parbat, 4500 Meter Fels und Eis, ist "die Eigernordwand, das Matterhorn und die Monte-Rosa-Ostwand übereinander" – darin sind sich die Überlebenden auch heute noch einig. Vielleicht ist das ihr Problem: Sie sind sich so einig und so ähnlich, dass sie sich bis aufs Blut bekämpfen müssen.

Der Nanga Parbat, als neunthöchster Gipfel der Erde zwischen Kaschmir und Pakistan gelegen, wurde in den dreißiger Jahren zum "Schicksalsberg der Deutschen" stilisiert: etliche Expeditionen scheiterten beim Versuch der Erstbesteigung. Die gelang erst am 3. Juli 1953 – vor 50 Jahren – Hermann Buhl. Doch Expeditionsleiter Karl Herrligkoffer neidete ihm seinen Sieg. Der Nanga wurde zum Berg der Zwietracht, und es scheint, als sei es das Schicksal seiner Bezwinger, in Streitsucht zu verfallen.

Der Ausgangspunkt des jüngsten Streits, der seinen Niederschlag in nunmehr drei Büchern gefunden hat, liegt lange zurück. Am 27. Juni 1970 steigen die Brüder Reinhold und Günther Messner, Mitglieder einer ebenfalls von Karl Herrligkoffer geleiteten Expedition, vom letzten Hochlager auf den Nanga Parbat (8125 Meter). Da Günther sich zu schwach fühlt, steigen sie auf einer anderen Route ein Stück ab und überstehen in 8000 Meter Höhe bei 30 Grad Kälte die Nacht. In mittlerweile vier Büchern hat Reinhold dargestellt, er habe dann auf der anderen Seite des Nanga Parbat mit Günther über die 3500 Meter hohe Diamirflanke absteigen müssen, weil die Rückkehr über den unversicherten Aufstiegsweg zu schwierig gewesen sei. Am Ende dieser Not-Überschreitung sei Günther vermutlich, schon fast unten am Talgrund, von einer Eislawine erschlagen worden.

Die Schlüsselstelle dieser Geschichte liegt jedoch oben am Berg. Denn am Morgen nach dem Biwak in der Todeszone wurde Reinhold noch einmal von den Nachsteigenden Felix Kuen und Peter Scholz gesehen. Er stand an einer unzugänglichen Stelle etwa 80 bis 100 Meter über ihnen und rief etwas herunter. Was alles im Gipfelwind geschrien und verstanden wurde, ist unklar. Einigkeit herrscht darin, dass Reinhold bestätigte, die Brüder seien am Gipfel gewesen. Alles sei in Ordnung, die beiden würden auf ihrer Seite absteigen. Kuen und Scholz sind jedenfalls weiter zum Gipfel gestiegen. Nichts von dem, was sie von Messner erfuhren, ließ sie annehmen, Günther sei in Gefahr. Laut Messner kauerte er höhenkrank weiter hinten an der Biwakstelle.

Als Reinhold Messner nach einem mehrtägigen Martyrium (er war völlig erschöpft, seine Füße teilweise erfroren) ohne Günther mit der Expedition wieder zusammentraf, begann der Streit. Er eskalierte in 14 Prozessen. Messner warf Herrligkoffer unterlassene Hilfeleistung, fahrlässige Tötung und Verleumdung vor, dieser konterte mit Unterlassungsklagen und dem Vorwurf, die Messners hätten den Expeditionsvertrag gebrochen. Der Streit versickerte, nachdem Messner alle Prozesse verloren hatte. Herrligkoffer starb, auch einige der unmittelbar Beteiligten – Kuen, Scholz und Mändl – sind tot. Doch der Konflikt schwelte weiter, 30 Jahre lang. Als im Oktober 2001 der Bergschriftsteller Horst Höfler sein neues Buch über Herrligkoffer vorstellte, weckte ein einziger Satz die lange unterdrückte Wut der anderen Expeditionsteilnehmer auf Messner: "Der Chronist fragt sich (…), warum aus der Expeditionsgruppe nicht ein paar Leute Manns genug gewesen waren, um als Suchtrupp über den Mazenopass auf die Diamirseite zu gehen. Warum hat man es nicht wenigstens versucht?"

War der Bruder ein Störfaktor?

Die Expeditionsteilnehmer Jürgen Winkler und Gerhard Baur protestierten lauthals gegen diese "Verleumdung der Mannschaft" und beschuldigten Höfler, er sei von Messner vorgeschickt. Messner, von dem das Vorwort stammt, replizierte, es sei nicht Herrligkoffers Fehler, sondern einer der Mannschaft gewesen, ihm nicht zu Hilfe gekommen zu sein. Von da an ging es Schlag auf Schlag: Messner veröffentlichte sein Nanga-Parbat-Buch Der nackte Berg, Baur und Hans Saler reagierten mit offenen Briefen. Magazine wie Profil, Spiegel oder stern wurden Sprachrohre im Interviewkrieg. Anfang Juni 2003 sind nun drei Bücher, von Messner, von Saler und von Max von Kienlin, erschienen, in denen jeder in voller Breite um die Deutungshoheit kämpft. Die Frontlinien verlaufen wie 1970, nur die Truppen haben andere Positionen bezogen. Baur, Kienlin und Saler, die sich 1970 mit Messner gegen Herrligkoffer solidarisiert hatten, übernehmen jetzt Herrligkoffers alte Vorwürfe. Messner habe von Anfang an aus aberwitzigem Ehrgeiz die Überschreitung zur Diamirseite geplant. Als Günther ihm unerwartet nachgestiegen sei, habe er den Schwächeren verantwortungslos mitgehen lassen. Irgendwo oben am Berg habe er ihn verlassen, weil der "geschwächte Bruder ein unvorhergesehener Störfaktor" (Saler) für Messners Übersteigungspläne gewesen sei.

Beiden Seiten geht es um das Höchste: um Wahrheit und Ehre. Beide Seiten versuchen, ihre jeweilige Sicht der Geschehnisse oben am Nanga Parbat einem Publikum verständlich zu machen, das von den Verhältnissen auf Achttausendern nichts versteht. Da dies auch nach allen Erklärungen, Ablaufschilderungen, Tagebuchauszügen und Lageskizzen unverändert so ist, sind die einzig wirksamen Waffen die Argumente ad hominem. Saler stellt Messner als jemanden vor, der undiszipliniert ist und andere für sich am Berg arbeiten lässt, um Kraftreserven für den Gipfel zu haben, als jemanden, "der von seinem Wesen her keine (…) echte Kameradschaft schließen" kann. Von Kienlin attackiert ihn als unmoralisch, er habe aus Ehrgeiz und Ruhmsucht die Grenzen "der Fairness, der Rücksicht, des Anstandes, der Loyalität und auch der Pietät" überschritten. Und Messner sieht seine Kritiker als Neider, die allesamt nicht dort waren, wo er war: "Wer die höchste Wand der Welt durchstiegen hat, muss als Bergsteiger also die meiste Niedertracht ertragen." Im Focus Nr. 24/03 vom 7. Juni nennt er seine ehemaligen Bergfreunde Rufmörder und ihre Angriffe "psychische Folter" – ein starkes Wort für einen Grünen-Abgeordneten, der eigentlich wissen sollte, was Folter ist.