Klassiker

Schrecken ohne Grund

Wer hat noch Angst vor dem Marquis de Sade? Die zehnbändige Neuausgabe verführt zum Lesetest

Der Marquis de Sade wird zum Klassiker. Von ihm abgestoßen zu sein gilt nicht mehr als zeitgemäß. Vergessen sind die feministischen „PorNo“-Kampagnen der achtziger Jahre, als Alice Schwarzer den Verkauf seiner Werke verbieten lassen wollte. Eine emsige Philologie arbeitet erfolgreich daran, den Verruchten zu entdämonisieren und in die Familie der großen europäischen Dichter und Denker einzugemeinden.

In Frankreich, wo es neuerdings einen Prix Sade für erotische Literatur gibt, ist dieser Prozess viel weiter fortgeschritten als bei uns in Deutschland. Dort hatte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Guillaume Apollinaire den Marquis zum Wegbereiter der literarischen Moderne und ihrer Unabhängigkeitserklärung von der bürgerlichen Moral ausgerufen. Die Surrealisten verehrten ihn als poetologischen Grenzüberschreiter; André Breton nahm ihn in seine Anthologie des schwarzen Humors auf. Neonietzscheanische Schriftsteller und Philosophen wie Pierre Klossowski und Georges Bataille lasen ihn seit den dreißiger Jahren als einen Vordenker der Umwertung aller Werte, Albert Camus und Simone de Beauvoir loteten an seinem Beispiel die Grenzbereiche des modernen Nihilismus aus. Der Strukturalist Roland Barthes entschlüsselte in seinem Werk eine „neue Sprache der Erotik“; die „poststrukturalistische“ Schule, von Jacques Lacan über Gilles Deleuze bis Michel Foucault richtete den Blick auf Sades Synthese aus Rationalismus und exzessiver Erotomanie, um sich für ihren Angriff auf die große Erzählung von der Einheit der Vernunft zu munitionieren.

Eine vergleichbare intellektuelle Anverwandlung gibt es in Deutschland nicht – sieht man von Peter Weiss’ spektakulärem Marat/Sade- Drama (1966) ab. Dort steht Sade für den libertären Einspruch der Körperlichkeit gegen dogmatische Revolutionskonzepte. Und nach wie vor ragt das Sade-Kapitel in Horkheimers und Adornos 1944 niedergeschriebener Dialektik der Aufklärung aus der eher spärlichen deutschen Rezeption heraus: Die beiden Meisterdenker der Kritischen Theorie betrachteten Sades Werk als Apologie einer skrupellosen Vernutzung der Unterdrückten.

Solche megatheoretischen Rundumschläge wurden in Deutschland zumeist ohne Kenntnis der Originale rezipiert. Allenfalls die 120 Tage von Sodom, die Pier Paolo Pasolini 1975 verfilmt hat, dürften einem breiteren Publikum ein Begriff sein. Doch auch hierzulande kommt die akademische Erschließung des berüchtigten Poeten voran. Als Meilenstein auf diesem Weg dürfte die zehnbändige, 1990 begonnene Edition des (erstmals 1797 veröffentlichten) Doppelromans Justine und Juliette gelten, den man als Sades Hauptwerk bezeichnen könnte. Mit dem letzten Band der von Stefan Zweifel und Michael Pfister herausgegebenen Ausgabe liegt nun erstmals eine ungekürzte und unzensierte Fassung des voluminösen Romanwerks in deutscher Sprache vor.

Mit großem Theorieaufwand kämpfen die Herausgeber gegen das Vorurteil an, Sade sei nichts als ein pathologischer Fall gewesen (was der klinische Terminus „Sadismus“ suggeriert), es handele sich bei ihm um einen Propagandisten der Menschenverachtung. Stattdessen wollen sie ihn uns als einen subversiven Schöpfer „polymorpher Imagination“ nahe bringen. Umstellt von so viel bedeutungsschwerer Interpretation, droht der mühsam der Verdrängung entrissene Text erneut zum Anlass gelehrter Abstraktionen zu schrumpfen. Dem Rezensenten bleibt es vorbehalten, den Leser vor der Zumutung zu warnen, die ihn erwartet, wenn er sich der Welt des Marquis ausliefert.

Beim Versuch einer unbefangenen Lektüre wird sofort deutlich, dass diese Literatur, ungeachtet aller Euphemismen der Sade-Spezialisten, schlicht unerträglich ist und bleibt. Gleich zu Anfang wird eine monströse Lustbarkeit geschildert, die ein neapolitanischer König zu Ehren von Juliette und ihrer Gefährtin Lady Clairwil veranstaltet. Er lässt gemeines Volk auf ein Podest locken, das mit Lebensmitteln und Luxusgütern voll gestopft ist. Während sich „der Pöbel“ gierig um die Kostbarkeiten prügelt, wird die Bühne mit einem Schlag zum Einsturz gebracht, so dass „mehr denn vierhundert Personen zerquetscht“ werden. Von diesem Schauspiel angeregt, verlustiert sich die Gesellschaft anschließend mit jungen Mädchen und Männern und schwangeren Frauen – bei denen es sich um die Witwen der soeben Getöteten handelt. Die Gräber, in die sie „nach entsetzlichen Qualen“ geworfen werden sollen, sind bereits ausgehoben. So wird dann exzessiv gefoltert und dabei „gefickt“ und „gewichst“, es fließen reichlich weibliches Sekret und männliches Sperma.

Wer nach dieser Eröffnung weiterlesen will, braucht Selbstdisziplin. Die literarischen Qualitäten des 1740 in Paris geborenen Donatien Alphonse François de Sade beschränken sich im Wesentlichen darauf, erzählerische Vorwände für die Schilderung immer neuer sexueller Perversionen, Mord- und Foltermethoden zu finden. Die philosophischen Explikationen, in die diese Litanei des Schreckens eingebettet ist, sind von nicht geringerer Redundanz als das imaginative Material der Texte. Ihre immer gleiche Pointe ist der Beweis der Überlegenheit des ungehemmten, grundlosen Verbrechens über die Illusion der Moral.

Der ehemalige französische Staatspräsident Georges Pompidou hatte Recht, als er lakonisch feststellte: „Sade ist langweilig.“ Doch damit allein lässt sich das Problem Sade noch nicht erledigen. Gerade seine Eintönigkeit verfehlt nicht ihre tückische Wirkung. Der Leser, der sich auf die Dauerberieselung mit grausamen Bildern eingelassen hat, wird sich beunruhigt fragen müssen, ob nicht auch in ihm tief verborgene, verbotene Affekte schlummern, die von den exzessiven Obsessionen des Marquis aktiviert werden könnten. Welche Beschämung löst es aus, wenn man an irgendeiner besonders abscheulichen Stelle von unerwarteten sexuellen Regungen bedrängt wird. Grell erleuchtet Sade die düstersten Winkel der labyrinthischen menschlichen Triebökonomie; das Flächenbombardement mit monströsen Sensationen setzt auf Überwältigung und vertraut, nach der Methode eines literarischen shock andawe, auf die Zermürbung auch der festesten moralischen Abwehrstellung.

Im Weltbild Sades gibt es nur zwei Typen von Menschen: den Schwachen, der dazu prädestiniert ist, Opfer zu sein, und den Starken, der das Recht hat, sich der zum Leiden Geborenen als dem Material der Luststeigerung zu bedienen. Justine und Juliette, die ungleichen Schwestern, repräsentieren diesen Dualismus. Justine ähnelt dem Candide Voltaires: Wie er ist sie ein durch und durch tugendhaftes Geschöpf, wie er taumelt sie dank dieser Tugendhaftigkeit von einer entsetzlichen Qual in die andere, während ihre Peiniger für ihre Untaten mit Ruhm und Reichtum belohnt werden. Der Tugendhafte ist immer der Dumme in der Höllenwelt Sades; ausschließlich das Verbrechen lohnt sich. Das begreift Juliette und handelt danach – die exzessive Konsequenz, mit der sie das tut, ist das Resultat strenger Vernunfteinsicht. Mit Psychologie, die später in sie hineinprojiziert wurde, haben Sades Figuren nichts zu schaffen.

Sade sah sich im Dienste rationaler Erkenntnis im Sinne der Aufklärer – als eine Art Enzyklopäde der menschlichen Begierden. Er trieb den Materialismus und den Religionshass der Aufklärer des 18. Jahrhunderts auf die bizarre Spitze. Sein Programm lautete: „Zurück zur Natur.“ Während aber Rousseau darunter das Wiederfinden einer unverstellten Reinheit der Seele verstand, glaubte Sade hinter der Fassade der Zivilisiertheit den Menschen in seiner verderbten Triebhaftigkeit erkannt zu haben. Der menschlichen Natur zu entsprechen hieß demnach, seine Triebe ungestraft ausleben zu können. Wie der konsequente Materialist La Mettrie betrachtete Sade den Menschen als eine „Maschine“, als einen Mechanismus ohne Transzendenz, der von Gelüsten und Leidenschaften in Gang gehalten wird und sich darin nicht von den Tieren unterscheidet. Mit den Aufklärern teilt Sade den Kult der Vernunft, die Leidenschaft der Entlarvung des Aberglaubens, den sie in jeder religiösen Überzeugung witterten. Die in immer neue Exzesse gesteigerte Bosheit gilt den Figuren Sades als ein negativer Gottesbeweis: Wenn man für derartige Abscheulichkeiten nicht gestraft wird, so ihre Logik, kann es den zugleich gütigen und rächenden Gott der Christen unmöglich geben.

Die Besessenheit, mit der sich der Marquis in diese trotzige Retourkutsche gegen die Religion hineinsteigerte, verleiht seinen Fantasien einen infantilen Grundzug. Sie steigern sich bisweilen ins Grotesk-Fantastische, auch ins unfreiwillig Komische hinein. In gewisser Hinsicht nehmen sich Sades Fantasien sogar naiv aus gegenüber dem, was wir aus der Realgeschichte wissen. So schreckt Juliette, die für jede neue Form des Verbrechens aufgeschlossen zu sein glaubt, vor einer Komplizenschaft zurück, als ihr der schurkische Staatsminister Saint-Fond seinen Plan eröffnet, als bevölkerungspolitische Maßnahme zwei Drittel der französischen Bevölkerung verhungern zu lassen. Nach dem, was ein Hitler, Stalin oder Pol Pot angerichtet haben, erscheint dieses ungeheuerliche Vorhaben gar nicht mehr so unvorstellbar. Andererseits erinnerten die Berichte aus irakischen Folterkellern erst jüngst wieder daran, dass Sade auch ein großer Realist war.

Hat Sade die Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts vorausgeahnt? Ist er der gedankliche Vorläufer, gar ein direkter Einflüsterer realer Völkermörder? Wohl kaum, denn Sades Figuren morden und foltern allein zur Steigerung des lustvollen Augenblicks. Die Megamörder des 20. Jahrhunderts dagegen brauchten für ihre Untaten den Vorwand, sie handelten im Interesse einer besseren Zukunft, und sie hassten den Gedanken, ihre Verbrechen befriedigten in erster Linie ihre niedrigen Gelüste.

Sade, der die Menschheit in geborene Opfer und Täter geschieden hatte, war selbst Täter und Opfer zugleich. Als praktizierender Libertin und philosophischer Freigeist war er insgesamt 27 Jahre lang eingesperrt – zuerst unter dem Ancien Régime, dann unter der Revolutionsregierung, und die letzten elf Jahre – nun schon unter der Herrschaft Napoleons – bis zu seinem Tod 1814 im Irrenhaus von Charenton. Er verherrlichte eben nicht die Macht des Staates, sondern die der Lüste; die Anerkenntnis ihrer unabänderlichen, gebieterischen Allmacht sollte einer unbegrenzten persönlichen Freiheit für alle den Weg ebnen. So verband er auf paradoxe Weise einen unbarmherzigen materialistischen Determinismus mit einer glühenden anarchischen Freiheitsutopie.

Was bringt es heute, Sade zu entdecken? Um von der Fähigkeit des Menschen zu grenzenloser Grausamkeit zu erfahren, brauchen wir ihn nicht mehr – in einer Zeit, in der man sich mühelos Gewalt- und Folterdarstellungen aller Art aus dem Internet herunterladen kann. Die Massenmedien machen uns täglich mit Monstrositäten bekannt, die mitten in unserer Gesellschaft geschehen – vom Satanistenpärchen, das im Wohnzimmer Ritualmorde zelebriert, bis hin zum Kannibalen, der vor dem Mord mit seinem Opfer dessen Penis verspeist, ist alles dabei, was sich Sades überhitztes Hirn nicht fantastischer hätte ausdenken können. Irgendetwas daran muss uns faszinieren, sonst würden wir nicht, und sei es voll Ekel und mit Schaudern, hinhören und hinsehen.

Moralische Empörung, gar Verbotsforderungen erübrigen sich damit. Gänzlich domestizieren lässt sich Sade aber auch nicht. Seine Erhöhung zum Klassiker in den neunziger Jahren zeugte vom Bewusstsein einer Öffentlichkeit, die sich für abgebrüht genug hielt, über nichts mehr schockiert zu sein. Seit dem Auftritt Mohammed Attas und seines Todeskommandos am 11. September dämmert aber auch ihr wieder, dass das Verbrechen eine andere Qualität hat, wenn es wirklich stattfindet, als wenn man es sich nur vorstellt.

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  • Von Richard Herzinger
  • Datum
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 03.07.2003 Nr.28
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