Berlin

Am Ende des Sonderparteitags der PDS am vergangenen Sonntag ist es so schön wie früher: Lothar Bisky ist wieder Vorsitzender. Der Rest der Parteispitze ist besetzt mit seinen Vertrauten – oder einflusslosen Leuten. Gregor Gysi turnt hinter dem Rednerpult. Er streichelt die PDS und quält sie auch, es klingt wie die Rede zur Ankündigung seiner Rückkehr in die aktive Politik – die er dann aber doch nicht verkündet. Das wäre wohl auch zu viel gewesen für einen Parteitag, der eigentlich ein Putsch war. Gysi will zurück in den Bundestag. Lange hat er sich nicht entscheiden können, ob mit der PDS oder einer neuen Partei. Jetzt versucht er es – zunächst einmal – mit seinem alten Trupp.

Irgendwann im Winter ist Gregor Gysi klar geworden, dass er es ohne Politik doch nicht aushält. So viel Ruhe, wie er nach seiner Flucht aus dem Amt des Wirtschaftssenators bekam, hat er nicht gebraucht. Seine Talkshow im MDR-Fernsehen wurde nach nur drei Folgen abgesetzt. Sein Büro in der feinen Anwaltskanzlei in Berlin-Charlottenburg ist auf Dauer etwas klein. Es störe ihn schon, bekannte er einmal halb im Scherz, dass im Gerichtssaal nicht applaudiert werde.

Damals, vor ein paar Monaten, dachten er und ein paar andere PDS-Realos ernsthaft darüber nach, eine neue Linkspartei zu gründen. Gysi traf auch Oskar Lafontaine zum Rotwein. Gemeinsam spannen sie den Gedanken weiter: Das wär’ schon was, zwei Linkspopulisten, die es den Versagern in ihren alten Parteien zeigten! Die Chancen stünden am besten, kalkulierten sie, wenn man den Knaller ein halbes, ein Dreivierteljahr vor der nächsten Wahl verkündete. Aber die Zeit bis 2006 drohte lang zu werden. Letztlich war es der bürokratische Aufwand, der sie schreckte: Man bräuchte Kreisverbände, einen vielköpfigen Apparat, alles, was das Parteiengesetz vorschreibt. "Zu einer Partei gehört viel mehr als zum Fernsehen", sagt einer, der dabei war.

Der ehemalige PDS-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch saß damals an Wahlabenden wehmütig vor seinem Fernsehgerät und schaute der Berliner Runde dabei zu, wie sie ohne ihn die Ergebnisse von Hannover, Wiesbaden und Bremen kommentierte. Zu dieser Zeit nahmen die Streitereien im PDS-Vorstand zu. Gabriele Zimmer, die beim Parteitag in Gera den Realo-Flügel ins Aus drängte, merkte endlich, dass ihr Vize Diether Dehm und der neue Geschäftsführer Uwe Hiksch gegen sie intrigierten. Da beschloss der Kreis um Gysi, es noch einmal mit der PDS zu versuchen. Die Partei werde sich zum Sturz des orthodoxen Vorstandes wohl nur überreden lassen, so das Kalkül, wenn Bisky zurückkehre. Seit Sonntag weiß man, dass die Rechnung aufging.

Gysis Freund André Brie ließ sich im Januar von Zimmer überreden, Wahlkampfchef für die Europawahl 2004 zu werden. Damals fragte man sich, warum Brie sich dem Streit mit den Sektierern aussetzte. Im Rückblick ist klar, dass seine Präsenz und ein Programmentwurf, den er mit seinem Bruder Michael und seinem alten Freund Dieter Klein schrieb, den Richtungsstreit im Vorstand anheizten. Wegen einer Lappalie kam es Ende April schließlich zum Eklat zwischen Zimmer und dem Rest. Der Brandenburger PDS-Landeschef und Bisky-Vertraute Ralf Christoffers forderte sofort einen Sonderparteitag, auf dem "Teile des Parteivorstands" abgewählt werden müssten.

Nun also hat der Männerbund um Bisky und Gysi, der die PDS in den neunziger Jahren beherrschte, die Partei wieder in der Hand. Die Exponenten der Realos, allen voran Bartsch und Roland Claus, konnten noch nicht wieder für die Führung kandidieren. Denn die Delegierten waren dieselben wie in Gera, wo Zimmer triumphierte und Claus mit 24 Prozent scheiterte.

Bisky sagt, er wolle die PDS "erst mal stabilisieren". Aber viel Zeit ist nicht mehr bis zu den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen und der Europawahl im kommenden Jahr. Außerdem hat die PDS für ihre Erneuerung drei wertvolle Jahre verloren. Die Partei ist weiter vergreist, in einigen Regionen gibt es aus Altersgründen nicht mehr genügend Kandidaten für Kommunalwahlen. Jedes sechste Mitglied hat die PDS in den letzten anderthalb Jahren verloren, auch einstige Aushängeschilder wie die Punkerin Angela Marquardt oder Lothar Finzelberg, der einzige Landrat, den die PDS in Sachsen-Anhalt stellte, wandten sich ab.