Kurt Tucholsky fand in seinen Texten "…französische Klarheit plus englischer Groteske plus deutschem Herzen" und urteilte: "Lichtenberg hatte ein heißes Herz und einen kalten Verstand." Schopenhauer bescheinigte ihm, ein "Selbstdenker" zu sein, und Nietzsche hielt ihn für würdig, tatsächlich gelesen zu werden. Selbst ein so vernichtungsfreudiger Kritiker wie Karl Kraus erwies dem Physiker-Literaten Georg Christoph Lichtenberg seine Reverenz.

Dabei ist das Werk, das er hinterlassen hat, kein Meilenstein, um den man auf dem Weg durch die deutsche Geistesgeschichte nicht herumkäme. Es hat so gar nichts Steinernes. Es ist eher das Sprudelnde, Kühle und Belebende, das man – um im Bild zu bleiben – als Erfrischung zu sich nimmt, während man auf einem Meilenstein Rast macht.

"Ich habe noch niemanden gefunden, der nicht gesagt hätte, es wäre eine angenehme Empfindung, Stanniol mit einer Schere zu schneiden."

Derartige Beobachtungen, so marginal wie sinnlich, so bizarr wie verrätselt, pflegte Lichtenberg schriftlich festzuhalten. Man kann sich vorstellen, wie er in seinem Göttinger Studierzimmer saß, umgeben von Dingen wie schwebenden, luftgefüllten Schweins- und anderen Blasen, mit denen er seine Forschungen betrieb, und allerlei Zeug in sein Notizbuch sudelte. Zeug, das er "frisch vom Leben weg" schrieb, "ohne alles erst durch das Filtrum der Konvenienz laufen zu lassen". Was er notierte, waren Kurzporträts von Zeitgenossen, treffende Formulierungen ("ein nicht sehr umwundenes Spitzbubengesicht"), hypochondrische Selbstbeobachtungen, skurrile Anmerkungen zu Alltäglichem und beißende Kulturkritik: "Eine Milchstraße von Einfällen." Das alles mit umwerfender Prägnanz.

Seit dem Beginn seines Studiums 1762 führte Lichtenberg diese alphabetisch durchgezählten Sudelbücher. Dass er nicht weiter als bis zum Buchstaben L kam, haben inzwischen viele Generationen zu bedauern Gelegenheit gehabt. Nicht lange nach seinem Tod 1799 wurden aus den erhalten gebliebenen Sudelbüchern verschiedene Schriften – und Aphorismensammlungen destilliert.

Lichtenbergs spitzfindige Sudeleien zu loben ist so selbstverständlich wie schwer. Das liegt daran, dass darin so vieles steht, was man selbst gern mal gedacht hätte; oder manchmal sogar gedacht hat, ohne es zu wissen. Viele wirken so frisch, als seien sie gerade erst geschrieben, und formuliert sind sie so gut, dass man allenfalls ein Ausrufezeichen der Bewunderung hinzufügen könnte.

Es waren die vielen Details, aus denen die Welt besteht, die den vielseitigen Gelehrten faszinierten. Dem Großen und Ganzen, den Welterklärungsmustern, den ästhetischen wie politischen Ideologemen misstraute er zutiefst. Sein Vergnügen – und das seiner Leser – besteht darin, übliche Betrachtungsweisen umzudrehen ("Der Amerikaner, der den Columbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung") und Konventionen des Denkens wie der Sprache gezielt zu missachten. Wodurch deren Nutzen für den Fortschritt des Menschen einer strengen Prüfung unterzogen wurde.

"Herrn Kant gebührt gewiß das nicht geringe Verdienst, in der Physiologie unsres Gemütes aufgeräumt zu haben. Aber diese nähere Kenntnis der Muskeln und Nerven wird uns weder bessere Klavierspieler noch bessere Tänzer geben."

Über den Zusammenhang zwischen seinem eigenwilligen Denken und seiner buckligen Gestalt ist viel spekuliert worden – zuallererst von Lichtenberg selbst. "Die gesundesten und schönsten, regelmäßig gebauten Leute sind die, die sich alles gefallen lassen. Sobald einer ein Gebrechen hat, so hat er seine eigene Meinung." Goethe, der bekanntlich ein durchaus unfreundlicher Zeitgenosse sein konnte, diffamierte ihn einmal als boshaften Krüppel; aber das lag daran, dass seine Farbenlehre vom Physiker Lichtenberg publizistisch mit taktvollem Schweigen übergangen worden war. Boshaftigkeit ist gewiss kein Charakteristikum der Aphorismen. Ein wenig ätzend mögen manche Bemerkungen sein; wie die, dass einer "ein paar Stückchen auf der Metaphysik spielen gelernt" habe; oder die über den Bildungshuber, der immer "Agamemnon" statt "angenommen" las, "so sehr hatte er seinen Homer gelesen". Lichtenberg mochte die beflissenen Kleingeister nicht; aber auch mit dem Geniekult der Sturm-und-Drang-Generation hatte er nichts am Hut. Als Literaturkritiker konnte er einen Autor schon mal in einem Satz erledigen: "Seine Bücher waren alle sehr nett, sie hatten auch sonst wenig zu tun."

In seinem Hauptfach hinterließ der "an die Universitätsgaleere geschmiedete" außerordentliche Professor der Experimentalphysik zu Göttingen mehr Fragen als Antworten; an deren herausragender Qualität besteht kein Zweifel. Das Schönste, was er uns neben seinen Aphorismen hinterlassen hat, sind die so genannten Lichtenbergschen Sterne – physikalische Erscheinungen, auf die er bei seiner Elektrizitätsforschung stieß. Die betrieb er, indem er zum Zwecke der Stromerzeugung seine Katze rieb.

Die Weltläufigkeit des Geistes wie des Lebensstils hatte Lichtenberg auf seinen Englandreisen schätzen gelernt, seitdem war er anglophil bis zur Kritiklosigkeit; außerdem antiklerikal, dabei politisch keineswegs radikal und überaus vorsichtig bei der Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit. Und hypochondrisch. Mit selbstkritischem Witz beäugte er die Schwächen des Körpers („Er hatte mehrere Krankheiten, allein seine Hauptstärke hatte er im asthmatischen Fache“) und Annehmlichkeiten des Alltags, wie, dass man jemanden gut kenne, mit dem man „zwei Jahre in einerlei Nachtgeschirr gepisset“. Selbst das schönste Kompliment an Lichtenberg stammt von ihm selbst: „Lieber Freund, du kleidest deine Gedanken so sonderbar, dass sie nicht mehr aussehen wie Gedanken.“