Es war die Stunde, da die Herren ihre handgenähten Sommerschuhe und die Damen Blumenkleider anzogen, um das Hotel Negresco zu verlassen und den täglichen Abendspaziergang zu machen. Bei Einbruch der Dämmerung wurde die Promenade des Anglais zum Jahrmarkt der Eitelkeiten, die Entgegenkommenden wurden zum Gradmesser der eigenen Selbstgefälligkeit. Vordergründig tat man, als interessierte man sich gar nicht füreinander, schielte aber auf das Äußere des anderen, um ihm Sekunden später die kalte Schulter zu zeigen. Solch schöne Szenen erlebt man heute allenfalls noch in den Pausen einer Ballettaufführung. Auf Nizzas Promenade des Anglais gehören sie zur Geschichte, leider.

Reverend Lewis Way hatte die "herrlichste Promenade des Kontinents", wie Klaus Mann später schwärmte, im Jahre 1824 als zwei Meter breiten Weg entlang des Meeres errichten lassen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie asphaltiert und verschönert und verhalf Nizza zum Aufstieg in die Liga mondäner Badeorte. Künstler, Magnaten und Literaten kamen, Nonkonformisten allesamt. Manchmal sieht man heute noch Exzentriker aufs Meer blicken, ältere, galante Damen etwa, die ihrem Pudel die gleiche Farbpackung verpasst haben wie sich selbst. Auch die livrierten Diener im pompösen Negresco wissen den Charme alter Tage zu wahren. In Wahrheit aber ist die Promenade ihrer Funktion beraubt. Sechs Fahrspuren zählt sie mittlerweile, in Frankreich spricht man von einer begrünten Autobahn. Bis spät in die Nacht rasen Busse und Autos über den Asphalt. Unter das Rauschen der Motoren mischt sich das stete Flip-Flop der gleichnamigen Badeschlappen, die mit Shorts und T-Shirt sogar zum Abendessen getragen werden. Luxus sieht man auf der Strandpromenade kaum noch, obwohl es für eine Stadt nach wie vor luxuriös ist, eine Strandpromenade zu haben – sie beweist die exklusive Lage, das Meer vor der Tür.