In der Hierarchie der Urlaubsängste (Angst vor Arabern, Angst vor Magenverstimmung, Angst vor Busunfall) gibt es eine Angst, die gern verschwiegen wird. Sie befällt den Menschen immer dann, wenn er besonders glücklich ist, wenn er am ersten Urlaubsmorgen aufwacht und sich mit der richtigen Person am richtigen Ozean befindet. Man fasst einander bei der Hand und tritt hinaus in die Ferien, der Wind braust über die Klippen, das Meer rollt an die Küste. Und das Meer braust, und der Wind, und das Meer, und der Wind. Und plötzlich bekommt man fürchterliche Angst, dieser Urlaub, der noch gar nicht begonnen hat, könnte zuende gehen. Wirklich fürchten sollte man jedoch die Unvergänglichkeit. Alle armen Teufel, die schon einmal einen unabsehbaren Strandtag lang vergeblich versucht haben zu lesen, werden das bestätigen. Die Ewigkeit fängt zunächst ganz harmlos an. Man schlägt, weil man ja am Meer ist, die Odyssee auf und liest. "Singe mir, Muse, die Taten des weitgereisten Mannes, / Welcher auf langer Irrfahrt – ", schon stockt man, weil man einen Schluck zu trinken braucht. Die Luft brennt, die Albatrosse fliegen tief, es wird eine lange Irrfahrt. Vorher noch ein Bad? Die Person auf dem Handtuch nebenan will nicht mit. Sie liest. Man versucht es noch mal: "Singe mir Muse … auf langer Irrfahrt … unnennbare Leiden." Das ist schön gesagt, doch man versteht kein Wort. Ständig springen einem Sandflöhe zwischen die Seiten. Ständig gerät einem der Homer aus dem Takt. Einerseits die Literatur. Andererseits die Landschaft. Jenseits davon nur Ödnis. Die Sonne kriecht in den Zenit. Und das Meer braust, und der Wind, und das Meer, und der Wind. Man kann mitunter scheußlich einsam sein! Dann nützt es nichts, den Deckel zuzuschlagen und zu dem Leser neben sich zu sagen: Der Sonnenschirm ist hübsch, nur etwas klein. Dann dreht man sich verzweifelt auf den Rücken. Vielleicht liegt es ja an Homer? Alle anderen Leute sind mindestens schon auf Seite dreihundertelf. Man selber aber fühlt sich jetzt uralt, am liebsten schlüge man die Zeit mit einer großen Keule tot. Muss nicht auch eine Ewigkeit irgendwann vorbei sein? Dann wäre endlich Abend. Dann könnte man anfangen zu lesen. Und das Meer braust, und der Wind, und das Meer, und der Wind. Wir säßen still in der Dämmerung, und das Urlaubsglück raste mit überhöhter Geschwindigkeit durch uns hindurch. Wenn wir doch für immer bleiben dürften! Morgen werden wir die Bücher tauschen. Morgen versuche ich es mit Eugene O’Neill. Seine Dramen spielen alle in der Hölle, und das höllischste heißt Tage ohne Ende.