Roland Berger, 65, in Berlin geborener Bayer, trat als studierter Betriebswirt 24-jährig in eine führende Unternehmensberatung in Boston und Mailand ein. Als 29-Jähriger gründete er die Beratungsfirma Roland Berger Strategy Consultants. Heute hat seine Firma 33 Niederlassungen in 23 Ländern. Roland Berger berät nicht nur Unternehmer, sondern auch Politiker wie Edmund Stoiber und Gerhard Schröder. Er ist Vater zweier Söhne, die ebenfalls Betriebswirte sind. Mit Beginn dieses Monats hat Roland Berger den Vorstandsvorsitz seiner Firma abgegeben. Er wird künftig den Aufsichtsrat leiten

Seit Jahren schon träume ich davon, mit den Menschen, mit denen ich lebe und arbeite, aber auch mit den Firmen, die ich berate, für eine bestimmte Zeit in eine andere Mentalität, eine andere Gefühlswelt und eine andere Kultur einzutauchen und zu sehen, was wohl passieren würde, wenn wir schließlich wieder an der Oberfläche auftauchten. Vielleicht lebten wir plötzlich leichter, unangestrengter, wären fröhlicher und gelöster, hätten eine positivere Sicht der Gegenwart und hoffnungsvollere Erwartungen für die Zukunft. Oder sollte ich als Unternehmensberater besser davon träumen, Unternehmen immer aufs Neue strategisch, organisatorisch und kreativ neu auszurichten? Aber kann ein Mentalitätswechsel gerade das nicht erheblich erleichtern?

Vermutlich träumt fast jeder Mensch davon, beruflich weiterzukommen – oder, wenn es einmal nicht gelungen ist, mit einer neuen Idee zu reüssieren. Und vielleicht vermag ein arbeitender Mensch hin und wieder Träume, die Realität und den "alltäglichen Wahnsinn" kaum auseinander zu halten. Entwürfe, Machbares und Hoffnungen fließen dann ineinander wie die Worte einer bedeutenden Rede: Am Ende des Vortrags weiß der Redner nicht, ob er nur zu sich selbst gesprochen hat oder mehr als einen Zuhörer für seine Idee gewinnen konnte. Wie ist es beim Träumen? Ist man allein mit seinem Traum? Oder gibt es viele Menschen, die unsere Träume teilen und nur darauf warten, dass sie jemand ausspricht?

Ich liebe beispielsweise die italienische Lebensart, seitdem ich als 18-Jähriger für einige Monate in diesem Land leben durfte. Zurück in Deutschland, verstand ich Goethe umso besser, der das Leben jenseits der Alpen nach seiner italienischen Reise am Ende des 18. Jahrhunderts so beschrieb:

"Die Begierde, dieses Land zu sehen, war überreif: da sie befriedigt ist, werden mir Freunde und Vaterland erst wieder recht aus dem Grunde lieb und die Rückkehr wünschenswert, ja um desto wünschenswerter, da ich mit Sicherheit empfinde, daß ich so viele Schätze nicht zu eignem Besitz und Privatgebrauch mitbringe, sondern dass sie mir und andern durchs ganze Leben zur Leitung und Fördernis dienen sollen… Alle Träume meiner Jugend seh’ ich nun lebendig."

Auch mich haben die Art der Italiener, mit dem Leben umzugehen, ihre Fähigkeit, aus wenigen, oft armseligen Ingredienzien Unglaubliches zu zaubern, und natürlich ihre Kunst und Kultur tief berührt. Seither habe ich einen Traum: dass die Deutschen eine zweite, eine italienische Seele hätten. Italienische Seele heißt für mich Gelassenheit, Höflichkeit, Stilbewusstsein und Ästhetik, Leben mit der Kultur, Liebenswürdigkeit, Emotionalität, Fröhlichkeit und das Talent, aus Ausweglosem einen siegreichen Weg in die Zukunft zu improvisieren.

Mein "italienischer" Traum wird wohl ein Traum bleiben, denn Deutschland ist nun mal nicht mit so viel Sonne und Meer, so viel Kunstgeschichte, so viel Selbstvertrauen und Zukunftsglauben gesegnet wie die Nation am Mittelmeer. Angesichts der allgemeinen Stimmungslage in Deutschland – beeinflusst vor allem durch die miserable wirtschaftliche Lage – träumte ich davon, ein wenig von der Kunst der Italiener, mit Problemen umzugehen, auf uns zu übertragen: Die Wirtschaft funktioniert dort längst nicht nur ohne den Staat, sondern trotz des Staates. Jeder Italiener hat sich seit langem unter Freunden ein zweites und drittes Einkommen erschlossen, und der – regelmäßig späte – Arbeitsschluss bedeutet den Menschen nicht den Rückzug in die eigenen vier Wände. Vielmehr öffnen sich dann Herz und Verstand für überraschende, unterhaltsame und optimistische Feierabendgespräche in Lokalen, auf Plätzen und Straßen.

Man diskutiert in Italien Probleme öffentlich – heftig, emotional und kontrovers, aber nie unversöhnlich und ohne Ausweg – und findet das ganz normal. Bei uns redet man gleich von Weltuntergang und kapituliert, sobald die eigenen Pfründen und der gewohnte Wohlstand auch nur ansatzweise infrage gestellt werden. Italiener verleihen ihren Emotionen oft heftig Ausdruck, aber meist differenziert und stets sich selbst, Gott und der Zukunft vertrauend. Während man bei uns dazu neigt, die Entweder-oder-Frage zu stellen, finden die Italiener Zwischentöne bei so gegensätzlichen Attributen wie gut oder schlecht, kalt oder warm, unterhaltsam oder langweilig, liebevoll oder gefühlskalt. So bleibt man miteinander im Gespräch, ohne durch grundsätzliche Äußerungen die Tür zuzuschlagen. Unsere Neigung, Probleme zu versachlichen, schafft eine Kälte, die einen frieren macht und Rückwege verstellt. Ich träume von Menschen, deren Stimmung grundsätzlich besser ist als die aktuelle Lage und die eher ein Plus als ein Minus vor ihre Erwartungen an die Zukunft setzen.