Zeugnis für die Wissenschaft
Das neue Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft macht Schluss mit der Mär von der Gleichwertigkeit deutscher Hochschulen. Die erfolgreichsten Universitäten stehen im Süden der Republik
Damit hatte Professor Frank Nullmeier nicht gerechnet. Bevor der Politologe den Dienst an der Universität Bremen antrat, musste er versprechen, sich die Mittel für seine Forschungen teilweise selbst zu besorgen. Die so genannte Bemühenszusage des Professors, Forschungsgelder von staatlichen wie privaten Sponsoren außerhalb der Hochschule heranzuschaffen, ist in Bremen fester Bestandteil der Vertragsverhandlungen. Von Beginn an sollen die neu berufenen Hochschullehrer die Forschung besonders ernst nehmen – und ihren Ehrgeiz durch die Erwerbung so genannter Drittmittel demonstrieren.
Mit ihrer Hinwendung zur Forschung hat sich die einstige rote Hochburg in einigen Fächern neues Renommee erworben – bis zur nationalen Spitzengruppe jedoch hat die Universität Bremen noch einen weiten Weg zurückzulegen. Das zeigt die Förderrangliste, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der Hauptsponsor deutscher Forschung, jetzt vorlegt. Umfassender und detaillierter als je zuvor listet die von Bund und Ländern getragene Einrichtung in ihrem Ranking auf, in welchem Maße sie Universitäten in den Jahren 1999 bis 2001 für förderungswürdig hielt. Die umfassende Leistungsschau deutscher Forschung wird durch Angaben zur fachlichen Reputation und internationalen Attraktivität deutscher Hochschulen erweitert.
Das DFG-Ranking zeichnet für die Wissenschaft ein Bild, das den Ergebnissen der Pisa-Studie für die Schulen ähnelt: Die Hochburgen deutscher Forschung liegen fast sämtlich im Süden Deutschlands, während im Westen und in der Mitte des Landes Mittelmaß regiert. Die Universitäten im Norden und Osten dagegen machen sich – mit Ausnahme Berlins – vor allem die unteren Plätze streitig. Von einer „auffälligen Ballung der Forschungsuniversitäten“ im Süden spricht DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker.
Unter den zehn Hochschulen, welche absolut das meiste Geld von der DFG bekommen, finden sich je vier aus Bayern und Baden-Württemberg. Nur die Berliner Humboldt-Universität (HU) und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) in Aachen können in der Spitzengruppe mithalten. Dabei haben die großen Universitäten einen natürlichen Vorteil: Viele Professoren schaffen viel Geld heran. Doch auch wenn man die Höhe der eingeworbenen Gelder pro beschäftigtem Professor einer Hochschule zugrunde legt, gelangen fünf baden-württembergische und zwei bayerische Wissenschaftsstandorte unter die Top Ten.
„Das Spitzenfeld ist überschaubar“, heißt es im DFG-Bericht. Mehr als die Hälfte ihrer Zuschüsse fließt an ganze 20 Universitäten; der Rest verteilt sich auf die 122 übrig gebliebenen. Damit entpuppt sich die lang gehegte Gleichheitsidee – jede deutsche Universität lehrt und forscht auf ähnlichem Niveau – endgültig als Fiktion. Dies bedeutet freilich nicht, dass an Universitäten, die insgesamt schlecht abschneiden – Hamburg, Saarbrücken, Duisburg, Rostock oder Kiel – keine hervorragenden Forscher arbeiten. Über die Fachdisziplinen macht das DFG-Ranking im Detail wenige Aussagen, über einzelne Professoren gar keine. Es konzentriert sich auf die großen Wissenschaftsbereiche.
Die Erkenntnisse der DFG kommen zum rechten Zeitpunkt. Lange galt vor allem die Lehre als der Schwachpunkt deutscher Hochschulen. Vorlesungskritik durch Studenten und Lehrberichte sollen die Ausbildung verbessern und Abbrecherquoten verringern. Die Qualität der Forschung dagegen wurde kaum auf die Probe gestellt. Sie galt als innere Angelegenheit der Wissenschaft.
Diese Zurückhaltung gilt nicht mehr. Die Politik fragt stärker nach den Ergebnissen des professoralen Strebens; Universitätsleitungen suchen unter dem Druck knapper Mittel nach Belegen für die wissenschaftliche Güte ihrer Fakultäten. Noch in dieser Legislaturperiode will die Bundesregierung erste Vorarbeiten für ein deutschlandweites Forschungsranking präsentieren (siehe Seite 28). Und vom kommenden Jahr an sollen Professoren stärker nach ihrer Leistung bezahlt werden – auch in der Forschung. „Forschungsevaluation ist zum Zauberwort für die Zukunftsfähigkeit des Wissenschaftssystems geworden“, sagt Christiane Ebel-Gabriel, Generalsekretärin der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen, die seit 1999 die Forschung an allen Hochschulen des Landes einer systematischen Qualitätskontrolle unterzieht.
Drittmittel gehören dabei zu den wichtigsten Kriterien, um die Forschungsaktivität zu messen. Auch zur Qualität erlauben sie – wenn auch sehr globale – Aussagen. Fachaufsätze, die aus Drittmittelprojekten hervorgehen, werden insgesamt häufiger zitiert als andere. In den Ingenieurwissenschaften erwachsen aus ihnen besonders viele Patente. Die Gelder der DFG sind dabei ein besonderes Gütesiegel, da sie nur nach einer strengen Qualitätsprüfung vergeben werden. Groß ist der Wettbewerb unter den Antragstellern: Im Schnitt lehnen die DFG-Gutachter mehr als die Hälfte aller Vorschläge ab.
- Datum 03.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie hochschule
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.07.2003 Nr.28
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