Der Konflikt zwischen der Regierung Blair und der BBC ist mit dem Bericht des außenpolitischen Ausschusses des Unterhauses nicht beigelegt. Auch wenn die Parlamentarier die Regierung von jenen Vorwürfen freisprachen, die in einem Beitrag der BBC erhoben worden waren. Das Dossier über die Massenvernichtungswaffen des irakischen Diktators ist nicht aufgedonnert worden, sexed up , heißt es in dem Report des parlamentarischen Ausschusses. Auch steht fest, dass Alistair Campbell, Blairs Kommunikationsdirektor und enger Vertrauter, eben nicht, wie der anonyme Kronzeuge des BBC Reporters Andrew Gilligan unterstellte, die dramatische Warnung über Saddam Husseins militärische Fähigkeit gegen den Widerstand des Secret Service in das Dossier hineingeboxt hatte. Das Joint Intelligence Committee, also die Geheimdienste selbst waren es, die in das Dossier die Feststellung hineingeschrieben hatten, der Irak sei binnen 45 Minuten in der Lage, chemische und biologische Waffen einzusetzen; dafür gab es nur eine, allerdings als zuverlässig bekannte Quelle innerhalb des Irak. Der Freispruch von der Anklage willentlicher Täuschung und absichtsvoller Aufbauschung geheimdienstlichen Materials entlastet die Regierung. Nach Wochen heftiger Angriffe von Seiten der Medien und den von der BBC stets aufs neue erhobenen schweren Vorwürfen fühlt sich die Regierung im Aufwind. Außenminister Jack Straw forderte denn auch von der Corporation flugs eine Entschuldigung; schließlich habe sich die Regierung für das zweite Dossier, als „dodgy Dossier“ in die britische Folklore eingegangen, entschuldigt; in dieses Dossier waren neben nachrichtendienstlichen Erkenntnissen über die Verschleierungsmanöver des irakischen Regimes auch einige Seiten einer Doktorarbeit aufgenommen worden, ohne den Autor zu benennen. Doch die BBC denkt überhaupt nicht daran, zu Kreuze zu kriechen. Von Richard Sambrooks, Direktor News, bis hin zu Generaldirektor Greg Dyke hat sich eine Phalanx formiert, fest entschlossen, alle Angriffe abzuwehren, nichts an eigenen Fehlern einzuräumen und stets bereit, zur Attacke überzugehen. Selbst das „Board of Governors“, das am Sonntag zu einer Sondersitzung zusammentrat, um die BBC Hierarchen zu befragen, reihte sich in die Verteidigungslinie ein. Die 12 Damen und Herren, die über die Tugend der Corporation zu wachen haben, versicherten zwar in einer Stellungnahme, die BBC habe niemals unterstellen wollen, Blair habe Parlament und Öffentlichkeit getäuscht oder auch nur aufgebauschte Rhetorik einsetzen lassen, um die Öffentlichkeit für den Krieg zu gewinnen. Aber sie verteidigten das Recht der BBC, die Aussagen eines anonymen Geheimdienstlers an die Öffentlichkeit zu bringen. Auch nahmen sie die BBC gegen den Vorwurf der Unausgewogenheit in Schutz; stattdessen lobten sie ausdrücklich die „vorbildliche und faire“ Berichterstattung über den Krieg. Letzteres wurde selbst innerhalb der BBC da und dort mit einem ironischen Lächeln quittiert. Es gibt eine Reihe von Redakteuren, die unglücklich sind über den völlig unübersehbaren „bias“ ihres Senders gegen den Krieg. Selbst liberale Kolumnisten und BBC Mitarbeiter wie Stephen Richards oder David Aaranovitch, der für den linksliberalen Guardian und den Observer schreibt, stellten, völlig zu Recht übrigens, betroffen fest, wie deutlich der gesamte Ausstoß der BBC Rundfunk und Fernsehprogramme von einer tiefen Abneigung gegen den Krieg geprägt war.Darüber hatte sich die Regierung Blair seit Monaten schon bitter beklagt. Doch nun scheint weder Regierung noch Public Broadcaster daran gelegen, den Konflikt weiter eskalieren zu lassen. Besonders bedeutsam das Signal der Medienministerin. Tessa Jowell betont öffentlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit, bei allem Ärger über die Irakberichterstattung der BBC denke niemand daran, diesen Fall mit der Erneuerung der Charta der Corparation zu verknüpfen. Das heißt, dass die Bestandsgarantie der Regierung für die BBC steht, einschließlich der Gebührenfinanzierung.Auch Tony Blair, der noch vor einigen Tagen die Berichterstattung der BBC als „Angriff auf meine Integrität“ gedeutet hatte, schlägt mildere Töne an; er verlangt in dem Interview mit der Zeit nur noch die Korrektur eines „eindeutig inakkuraten Berichtes“. Blair will keinen Dauerkrieg mit einer Institution, die auf der Insel immer noch weithin als nationale Institution respektiert wird und auch im Zeitalter des Multikanal TV großen Einfluss auf die politische Meinungsbildung besitzt.Vor allem im Ausland genießt die BBC einen Ruf hoher Seriosität und Unparteilichkeit. Ein Grund mehr für die Corporation, auf keinen Fall bei der Berichterstattung über die Dossiers öffentlich Fehler einräumen. Ihr internationales Ansehen könnte Schaden leiden; das wäre nicht leicht zu reparieren, sagt Andrew Marr, politischer Chefredakteur der BBC. Auch wollen Generaldirektor Greg Dyke und die Führungsriege der Corpoation keinen Präzedenzfall schaffen, der womöglich künftige Regierungen auf den Geschmack bringen könnte, ähnliches zu verlangen. Für Greg Dyke bot der Konflikt mit der Regierung Blair zugleich die Chance, jene Kritiker Lügen zu strafen, die ihn wegen einer Geldspende für die Labourparty in den 90ern gerne als „Tony‘s Crony“, als Lakaien des Premiers abstempeln.Gleichwohl ist der BBC zu Recht nicht ganz wohl in ihrer Haut. Selbst intern wird die Frage gestellt, ob die BBC nicht immer öfter vom Pfad strikter Objektivität abweiche, auch um der Jagd auf Coups und Enthüllungen willen. Eigens zu dem Zweck nämlich war der Reporter Andrew Gilligan vom wichtigsten, meinungsbildenden Informationsprogramm der BBC, dem allmorgendlichen „Today“ auf Radio 4, angeheuert worden. Deshalb reichte für seinen Bericht die Aussage eines anonymen Geheimdienstlers, obgleich die internen Richtlinien eigentlich eine Bestätigung durch 2 weitere Quellen verlangt hätten. Der Reporter Andrew Gilligan legte darüber hinaus in diversen Printmedien nach und verschärfte darin den Vorwurf der Täuschung und Irreführung von Öffentlichkeit und Parlament. Diese Anschuldigungen aber lassen sich nicht länger halten. Auch die BBC verteidigt nicht länger die Substanz ihres „Dossier – Berichtes“, sondern betont nur ihr Recht, die Öffentlichkeit darüber zu informieren.Der Schaden, den die in der Substanz falschen Meldungen angerichtet haben, ist schwer, wahrscheinlich gar nicht mehr zu beheben. Die Aussage des BBC Reportes eilte um die Welt, nicht zuletzt deshalb, weil die BBC nachwievor als absolut zuverlässige Quelle gilt. Die Falschinformation, begierig vor allem von den Kriegsgegnern aufgegriffen, gleicht einem Virus, der dem Labor entwich. Zurückzuholen ist er nicht mehr. Er hat sich längst in den Köpfen der Menschen eingebettet.Gerade wegen ihres hohen Anspruches und ihres öfffentlich-rechtlichen Auftrages gelten für die BBC andere Gesetze als für Printmedien. Zeitungen sind als Tendenzbetreibe ausgewiesen und betreiben oftmals einen klar erkennbaren Kampagnenjournalismus. Die BBC, finanziert durch eine Art öffentlicher Steuer, darf kein Tendenzbetrieb sein. Ihr Statut verpflichtet sie zur Objektivität. Wenn sie berichtet, geschieht das mit der Autorität einer unparteiischen Organisation. Hätte eine britische Zeitung die Vorwürfe eines, wie sich nun herausgestellt hat, schlecht informierten, womöglich rachsüchtigen Geheimdienstlers herausposaunt, wäre dem von vorneherein mit mehr der Skepsis begegnet worden. Wenn die BBC eine Story auf einer Quelle basiert, signalisiert sie, dass es sich um einen so wichtigen, zuverlässigen Zeugen handelt, dass seine Behauptungen die Publizität verdient. Das war offenkundig nicht der Fall.Wie konnte es zu dieser „sexed up“ Story kommen? Bei der BBC hat in den vergangenen Jahren die Neigung um sich gegriffen, es den Zeitungsjournalisten gleichzutun. Weil man sich nicht, wie die Kollegen der Printmedien, links oder rechts positionieren kann, haben sich die BBC Reporter und Redakteure mit Verve auf den Prozess der Politik selbst gestürzt, auf die Präsentation gestürzt und natürlich das Thema „Spindoktoren“, das man unablässig variiert. Der Vorwurf, Campbell habe das Dossier manipuliert, bot die unwiderstehliche Chance, Schlagzeilen zu produzieren, ohne sich politisch auf eine Seite zu schlagen. Zugleich verzichtete man darauf, die geheimdienstlichen Quelle, auf die man sich stützte, selbst zu hinterfragen und etwaige Motive des Dissidenten aus dem Secret Service in Rechnung zu stellen. Immerhin könnte es sein, dass hier ein Versuch vorlag, durch einen präemptiven Schlag gegen die Präsentation nachrichtendienstlicher Erkenntnisse durch eine ungeliebte Regierung von der Frage abzulenken, wie solide die Erkenntnisse der Geheimdienste selbst seien, auf die Politiker sich stützen müssen.Dass sie BBC von Anfang an einen „Bias“ gegen den Krieg an den Tag legte, mag dazu beigetragen haben, der Story solche Prominenz einzuräumen. Simon Jenkins, ehemals Chefredakteur der Times, nennt den Tenor der BBC Kriegsberichterstattung „agressiv kritisch“; er sei der gleichen Auffassung gewesen, doch das spiele keine Rolle. Niemand könne auch nur den leisesten Zweifel gehegt haben, wo die Mehrheit der BBC Kommentatoren und Redakteur gestanden hätten: “Sie waren dagegen“. David Aaranovich stellt im linksliberalen Observer fest, die BBC pflege vor allem eines, „das dominierende und modische antipolitische Vorurteil“, wonach alle Politiker potentiell als Scharlantane und Lügner zu betrachten seien.Die BBC, daran besteht kein Zweifel, ist eine Organisation, die nach wie vor großartiges zu leisten vermag. So richtig es ist, politischem Druck aus Prinzip zu widerstehen und eine Entschuldigung zu verweigern – eine selbstkritische Bestandsaufnahme ist überfällig. Sonst läuft die Corporation Gefahr, den Kredit zu verspielen, den sie sich über Jahrzehnte erworben hat. Das wäre ein Verlust nicht nur für Großbritannien.