Schule In Coburg, Erfurt, Meißen und anderswo
Gestern, gegen neun Uhr in der Realschule II im fränkischen Coburg: Ein 16-jähriger Schüler zieht eine Waffe, zielt auf seine mit dem Rücken zur Tafel stehende Lehrerin und drückt zweimal ab. Er verfehlt sie nur knapp. Seine Mitschüler flüchten, eine herbeigeeilte Schulpsychologin wird von ihm am Oberschenkel getroffen. Dann sei der Schüler zu seinem Rucksack gegangen, hätte ein zweite Waffe hervorgeholt und sich damit erschossen. So berichten es Augenzeugen.
Nur wenig später stellt das Bundeskriminalamt im hessischen Wiesbaden eine Studie über die Aggressivität deutscher Schüler vor. Fünf Prozent, so deren Autor, der Psychologe Friedrich Lösel, würden häufig und regelmäßig aggressiv gegen andere; knapp ein Prozent drohe dabei mit Waffen.
Zur gleichen Zeit wird in Stuttgart ein Projekt angekündigt, dass eine Konsequenz aus dem Massenmord von Erfurt am 26. April 2002 ist: Die Stuttgarter Polizei dreht einen Film, der typische Situationen im Schulalltag zeigen wird, die zu Konflikten führen. Obwohl der Täter von Erfurt 19 Jahre alt war, soll der Film Schülern der 3. und 4. Klasse gezeigt werden. "Wir wollen Kinder möglichst frühzeitig in der Verhinderung von Gewalt trainieren", begründete der Chef der Polizeilichen Kriminalprävention, Reinhold Hepp, die Wahl der Zielgruppe.
Die beschauliche thüringische Landeshauptstadt Erfurt wird seit dem 26. 4. 2002 in einem Atemzug mit Städten wie Dunblane und Littleton genannt. Auch dort hatte man vorher nicht für möglich gehalten, was dann geschah. Ähnlich geht es seit heute morgen den Leuten in Coburg. "Und wir dachten alle, Amerika und Erfurt seien weit weg", wird Norbert Kastner, Oberbürgermeister der fränkischen Stadt Coburg von der Nachrichtenagentur dpa zitiert.
Hinter diesem Satz steckt das Entsetzen, aber auch eine erschütterte Gewissheit, die da lautete: So etwas das in Erfurt, Meißen, Brannenburg oder Freising geschen konnte, kann bei uns nicht passieren.
Schon nach dem 26. April hatten viele Lehrer und Eltern und Schüler gesagt: Irrt euch nicht, Erfurt hätte überall geschehen können.
Dasselbe sollte man auch den Coburgern sagen. Und ihnen vor allem raten, nicht sofort voreilige Schlüsse zu ziehen. Hoffentlich ist man vorsichtiger mit den fixen Erklärungen als damals nach Erfurt.
Die ersten waren jedoch auch heute schon wieder zu lesen und zu hören. Der Täter habe immer schwarze Sachen getragen, hieß es und habe "dem Satanismus nahe gestanden". Da möchte man sofort "Vorsicht!" rufen. Denn nicht jeder Schwarzgewandete ist sofort Satanist und auch nicht jeder, der sich Satanist nennt, wird dadurch zum Mörder.
Und bekanntlich ist auch nicht jede unter Schock geäußerte Beobachtung richtig - selbst, wenn sie mit Inbrunst vorgetragen wird.
Der Fall gebe noch mehr Fragezeichen auf, als die früheren, sagte die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier. Der Schüler sei "ruhig und unauffällig" gewesen. Das wir oft in solchen Fällen gesagt.
Es spricht von Hilflosigkeit angesichts des Geschehens und ist doch zugleich besser als jede Besserwisserei. Solange die vielen Fragezeichen nicht gelöst sind, sollten sie nicht eilig durch Ausrufezeichen ersetzt werden.
Jeder dieser Fälle ist spektakulär und einmalig. Es ist schwierig, den gemeinsamen Nenner zu finden.
Einen jedoch konnte man in der heute vorgestellten BKA-Studie über Aggressivität unter Schülern lesen: Großen Einfluss auf das Entstehen aggressiven Verhaltens, schreibt deren Autor, sei dem emotionalen Klima zuzuschreiben, in der Familie u n d in der Schule.
- Datum 03.07.2003 - 14:00 Uhr
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT.de 03.07.2003
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