Fritz Sörgel kann Tipps geben, wo in Deutschland am meisten gekokst wird. Dazu muss er nicht etwa in Polizeistatistiken blättern, sondern analysiert Geldscheine mithilfe der Massenspektroskopie. So abwegig ist die Idee nicht. Schließlich wird das Pulver mit Vorliebe durch Banknoten in die Nase geschnieft.Sörgel ist Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Vor kurzem machte er Schlagzeilen mit der Meldung, dass 90 Prozent der in Umlauf befindlichen Banknoten Kokain-Spuren enthalten. Nun liefert er dazu noch die Regionaldaten. Am meisten wird in Hannover mit der Droge die Nase gepudert. Am zweithäufigsten koksen die Berliner. Kiel schafft’s auf den dritten Platz. Überraschenderweise entpuppten sich ausgerechnet die Geldscheine aus der Schickeria-Metropole München als nahezu „sauber“. Genauso wenig wird laut Scheinanalyse in Leipzig, Mannheim und Wolfratshausen - Heimat von Edmund Stoiber - gekokst.Das Massenspektrometer kann Bruchteile von Nanogramm nachweisen - ein Nanogramm ist der milliardste Teil eines Gramms. Insgesamt 2000 Banknoten aus verschiedenen Regionen Deutschlands hat Sörgel mit seinem Team untersucht. Und die Auswertung lässt sogar Schlüsse auf Unterschiede nach Stadtteilen zu. In Berlin wurden Banknoten aus drei Bezirken analysiert, nämlich Tiergarten, Lichtenberg und Steglitz. An welchen Scheinen klebte das meiste Kokain? Natürlich an denen aus Tiergarten.Sörgel glaubt, dass die mittlere Kokain-Menge pro Schein den regionalen Kokain-Konsum widerspiegelt. „Die Geldschein-Analyse gestattet es uns wahrscheinlich, Trends im Kokain-Konsum zu erfassen“, sagt er. Anhand seiner Ergebnisse ließe sich also eine - auf objektiven Messungen beruhende - „Drogenkarte“ von Deutschland erstellen, an der sich ablesen lässt, wo viel und wo wenig Kokain konsumiert wird. Bisherige Abschätzungen des Konsumverhaltens basieren im Wesentlichen auf Befragungen und auf der jeweiligen Menge beschlagnahmten Kokains.Britische Kollegen von Sörgel ergründeten vor kurzem ebenfalls, was Geldscheine über Drogenkonsum verraten. Die Forscher James Carter, Richard Sleeman und Joanna Parry verschickten Papierbündel, die in Größe und Stärke gebündelten Banknoten entsprachen, an 60 Banken in England und Wales mit der Aufforderung, diese Bündel maschinell zu zählen und zurückzusenden. Die anschließende Analyse im Massenspektrometer zeigte: Die Bündel waren mit geringen Mengen Kokain (wenige Nanogramm pro Schein) kontaminiert. Als Verschmutzungsquelle kamen nur die Geldzählmaschinen infrage. Offensichtlich hatte sich die Droge in den Maschinen abgelagert - was nicht weiter verwundert, bedenkt man, dass in solchen Maschinen täglich Unmengen (kontaminierter) Banknoten gezählt werden.Die Bündel mit der höchsten Kokain-Belastung kamen aus London - einer Region, in der bekanntlich viel gekokst wird. Bündel aus Liverpool, Birmingham und Manchester waren hingegen fast sauber. Dies entspricht laut den Autoren „dem niedrigen Kokain-Konsum in diesen Regionen“.Wie sich Drogen-Rückstände in Zählmaschinen von Geldschein zu Geldschein weiterverbreiten, untersuchten auch Forscher des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Basel. Die Schweizer ließen erst mit Kokain kontaminierte und hinterher saubere Scheine durch eine Zählmaschine laufen. Anschließend analysierten sie, wie viel Kokain auf die sauberen Scheine übertragen worden war. Die Ergebnisse zeigten, dass die übertragenen Mengen in der Größenordnung weniger Nanogramm pro Schein liegen - was in Einklang mit den Ergebnissen der Briten steht.Sörgel hat allerdings bei seinen Untersuchungen wesentlich höhere Werte festgestellt. An seinen deutschlandweit gesammelten Scheinen kleben durchschnittlich einige Mikrogramm - also hundert- bis tausendmal mehr, als in Zählmaschinen „weitergereicht“ wird. Offensichtlich sind es demnach nicht allein die Zählmaschinen, die für die massenhafte Kontamination von Banknoten sorgen. Die Geldzählung per Hand trägt ebenfalls nur wenig dazu bei, wie Carter und Kollegen zeigten: Die Mengen, die auf manuellem Wege übertragen werden, liegen noch unter denen bei Zählmaschinen. Warum Banknoten im Mittel so hoch belastet sind, wie von Sörgel nachgewiesen, bleibt also vorerst „ein Gegenstand der Spekulation“, wie die Forscher sich ausdrücken. Eine Rolle spielt sicherlich der direkte Kontakt, wenn hoch belastete Scheine im Portemonnaie mit sauberen Kollegen in Berührung kommen.In Zukunft will Sörgel Geldscheine auch auf andere Drogen testen und bereitet entsprechende Methoden vor. Einzelheiten dazu will er aber noch nicht bekannt geben. Prinzipiell lassen sich Geldscheine mit massenspektroskopischen Methoden auf alle möglichen Drogen testen - beispielsweise Heroin, Haschisch, LSD und Ecstasy. Solche Untersuchungen wurden auch schon durchgeführt. Allerdings sind nicht alle Stoffe gleichermaßen geeignet, um an Geldscheinen nachgewiesen zu werden: Heroin wird üblicherweise gespritzt, Ecstasy in Tablettenform eingenommen, Haschisch geraucht. Zu diesen Drogen schweigen die Scheine meist.