Deutsche Die blonden Bestien
Vom Schaden und Nutzen des Deutschland-Klischees
Hier spricht das uralte Europa, ungefähr Jahrgang 1914: „Wir kennen sie gut, diese Deutschen…“, sagt Stefano Stefani, Tourismus-Staatssekretär im Berlusconi-Reich, „…diese einförmigen, supernationalistischen Blonden“, diese zehn Millionen touristischen „Streber“, die jedes Jahr „lärmend über unsere Strände herfallen“.
Der Kanzler der blonden Strand-Bestien plant nun, seinen geplanten Italien-Urlaub zu verlegen. Das wäre falsch. Vielmehr gilt es, dem Vorurteil tapfer zu begegnen, schließlich zählte es zur psychologischen Grundlage von Europas Union – den stereotypischen Deutschen zu zähmen, die unheimliche Wirtschaftsmacht „D“ einzubinden in die Gemeinschaft jener Nationen, die uns in der Tat als lärmend, vor allem aber behelmt und bewaffnet kennen gelernt haben. Auch groteske Vorurteile sind ein Grund, die Welt vernünftig zu ordnen – und zwar in der Absicht, ihre volksverhetzende Macht aus der Politik fernzuhalten. Dass sie oft nur einen Millimeter unter dem Furnier von zivilisierenden Vertragswerken der europäischen Völkergemeinschaft weiterwuchern, ob als Polen-Witze oder als erfundene Anekdoten über italienische Wehrhaftigkeit, sollte hierzulande nicht überraschen.
Hitler unter dem Sombrero
Vielleicht haben sich die Deutschen nach jahrelanger Zuwendung zur eigenen Verbrechensgeschichte Illusionen über ihr „Image“ im Ausland gemacht. Mehr noch, vielleicht bleibt das Fortleben des Angst-Bildes „Deutschland“ ewige Voraussetzung eines geeinten Europas. Auf jeden Fall ist jenes Bild trotz aller Bemühungen, mit der eigenen Geschichte reumütig umzugehen, im Ausland quicklebendig. Das hat auch seine Vorteile: Deutsche Austauschschüler, die sich in England dem Nazi-Klischee stellen müssen, erfahren plötzlich, was es bedeutet, eine verachtete Minderheit zu sein.
Die propagandistische Pflege von Feindbildern gehört zu den Instrumenten von Nationalismus und Totalitarismus. Sie dient praktischen politischen Zwecken. Dass Hitler noch lebe, irgendwo in einer Köhlerhütte im Schwarzwald oder unter einem Sombrero in Argentinien, zählte bis in die späten fünfziger Jahre zum Repertoire weltweit zirkulierender zeitgeschichtlicher Mythen. Ihre politische Funktion war klar: Solange Hitler noch existiere, sei den Deutschen nicht zu trauen, als gälte es, den zu Tode zitierten Satz Brechts zu rechtfertigen – „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.
Silvio Berlusconis populistischer Vorschlag im Geiste der Feindbild-Pflege, den deutschen Europa-Abgeordneten Martin Schulz als Aufseher, als „Kapo“, im nächsten italienischen KZ-Film zu besetzen, war in der Tat, wie der Medienpremier sagte, „ironisch“, wenn denn seine Ironie die Kunst bezeichnet, den politischen Gegner allgemeinem Spott auszusetzen – einem Jahrmarkts-Spott, der mit dem Deutschlandklischee von Europas simplen Seelen hantiert. Berlusconi hatte Schulz ja keine reale KZ-Aufsicht angeboten, sondern nur eine Filmrolle. Der römische Ministerpräsident denkt wie einst Ronald Reagan bekanntlich medial, das heißt in Drehbüchern: So hat er sein Vermögen gemacht, und im Augenblick spielt er eine Hauptrolle in dem von ihm selbst inszenierten Radau-Film „Quo vadis, Europa?“.
Der Deutschland-Streifen, der nicht nur in Berlusconis Gemüt, sondern in den Köpfen vieler unserer Nachbarn läuft, ist ein finsterer. Er handelt vom Völkermord an den Juden, vom Grauen, das deutsche Soldaten, das die Gestapo und SS zwischen 1938 und 1945 über Europa gebracht haben. So, wie seit Hunderten von Jahren die Mongolen mit der Schreckens-Assoziation „Dschingis Khan“ leben müssen, so wird die Geschichte des „Dritten Reichs“ noch sehr, sehr lange am Namen „Deutschland“ haften.
In den Vereinigten Staaten gibt es mehr als 300 Holocaust-Lehrstühle, das Holocaust Memorial Museum in Washington zählt zu den populärsten Museen der amerikanischen Hauptstadt. Es ist eine überzeugende Lehrstätte zum Jahrhundert des Totalitarismus. Niemand kann ihm vorwerfen, die Geschichte des Völkermords auf Deutschlands Gegenwart zu projizieren, im Gegenteil. Doch eines kann das Museum wirklich nicht verschweigen: dass der Genozid ein deutsches Verbrechen war. Es ist das Stigma unserer Nation. Jährlich heftet unsere Botschaft in Washington Hunderte von Holocaust-Artikeln der New York Times und anderer Zeitungen ab. In Schweden erhält jedes Schulkind eine ausführliche Holocaust-Broschüre. Nicht der einzelne Deutsche, wohl aber das Deutschlandbild in seiner braunen Variante steht allenthalben abrufbereit zur Verfügung. Unvergessen ist das Wochenend-Seminar Margaret Thatchers, in dem namhafte Historiker die heftige Abneigung der Premierministerin gegen die Wiedervereinigung mit Exkursen über den „deutschen Charakter“ und seine angeblichen Weltherrschaftsträume rechtfertigen sollten.
- Datum 10.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.07.2003 Nr.29
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