Sohn eines Fleischers zu sein ist nicht immer leicht. Den Eindruck gewinnt man jedenfalls an diesem lauen Sommerabend in der Troisdorfer Traditionsmetzgerei Schlechtriem. Erst neulich wieder, erzählt deren jugendlicher Spross den über dreißig am langen Biertisch versammelten Kunden, habe er vor Vaters Geschäft in der Fußgängerzone einen dieser typischen Sätze belauscht. Sagte ein Passant zum anderen: "Ey, guck mal, die hängen ein Foto von einem süüüüßen Schweinchen in ihr Schaufenster. So was Taktloses. Echt makaber!"

Dabei äßen die beiden Empörten selbst gern Fleisch, meint Schlechtriem junior. Aber wenn es in diesem Land noch ein Tabu gebe, dann die Frage, was das Kotelett oder die Kochwurst vorher mal war. Metzgers Sommergäste lachen halb über-, halb verlegen; noch in Erwartung des eigentlichen Kultur-Ereignisses, das, inspiriert vom Genius Loci, unter anderem diesen Selbstbetrug zum Thema haben soll.

Der ist umso mehr jenem Schlachter vertraut, der den Schlechtriems ihre Rohware liefert. Aber Egidius Thönes aus Wachtendonk am Niederrhein hatte irgendwann die Nase voll von einem öffentlichen Klima, in dem seine Fleischzerleger ihren eigenen Kindern morgens erzählten, sie gingen jetzt zur Arbeit ins Büro. So wurde er vor rund zehn Jahren einer der ersten Bioschlachter. Er verarbeitete nur noch artgerecht gehaltene Tiere, legte für sie eine Mindest-Lebenszeit und eine Höchst-Transportzeit fest und entwickelte insgesamt einen leidensärmeren, wenn man so sagen darf, humanen Tötungsprozess; nicht zuletzt mit Blick auf die Qualität seines Produkts. Und dann ging er richtig in die Offensive: öffnete seine Schlachtbuchten für Besucher. Ließ von dort live ins Internet senden. Und verkündete coram publico seine Achtung vor Vegetariern, aber Befremden gegenüber fleischeslustigen Verdrängern: "Ich stehe zum Töten."

Das Aufklärungswerk setzt heute sein Sohn Thomas fort. Genauer, in dessen Auftrag der Essener PR-Mann Elmar Damke; der führt auch beim heutigen Event im Hause Schlechtriem Regie. Dort präsentiert er den Philosophen Hans-Ulrich Baumgarten als Experten für eine Kernfrage des Tabus. Haben Tiere Bewusstsein? lautet der Titel seines Abendvortrags, der auch noch in weiteren Thönesschen Vertragsmetzgereien quer durch Nordrhein-Westfalen in gekachelten Räumen zwischen Hochrippen und Hinterschinken zur Diskussion stehen soll.

Beziehungsweise beim Troisdorfer Pilotversuch wegen des schönen Wetters doch lieber draußen in jenem Hinterhof, in dem frühere Fleischergenerationen Rinder und Schweine vor ihrem letzten Gang zusammentrieben. Der Gastgeber Klaus Schlechtriem in seiner frisch gestärkten blauweißen Joppe kann den neuen Schulterschluss aus Handwerk und Intelligenzija selbst noch nicht fassen: "Ein Philosoph!" Hätte das noch sein seliger Papa gesehen, schmunzelt er mit listigem wie warmherzigem Blick. "Der hätte bestimmt gedacht: Ihr habt se wohl nicht alle."

Privatdozent Baumgarten indes, der seinen Freiburger Lehrauftrag vorübergehend zugunsten einer Beraterstelle als Moralphilosoph in der Düsseldorfer CDU-Landtagsfraktion ruhen lässt, macht zwischen Hörsaal und Metzgerei keinen Unterschied. Stehend unter einer sattgrünen Kastanie, hebt er sein Manuskript wie ein Bariton die Partitur. Und nimmt im pädagogisch schwingenden Rezitativ seine Zuhörer – keine zähnefletschenden Tierschützer, sondern vorwiegend gediegene Troisdorfer Bürger – auf einen langen Gedankengang mit, dessen Ziel eine Moral für das Handeln gegenüber Tieren sein soll. Station macht Hans-Ulrich Baumgarten bei Descartes und Kant und kommt schließlich bei einer auf Biofleisch maßgeschneidert wirkenden Lehre an, die hier nur in Grundzügen wiedergegeben werden kann:

Demnach handeln Hund, Kuh oder Adler sehr wohl zielgerichtet, sie erleiden Schmerzen oder empfinden Lebensfreude – weswegen der Philosoph ihnen ein Selbstbewusstsein zweifelsfrei zuspricht. Jedoch gebe es keinerlei Anzeichen dafür, dass Tiere auch über ein Ich-Bewusstsein verfügen, das heißt: ihre eigene Existenz "thematisieren". Oder, so der Zwischenstand eines aufmerksam lauschenden pensionierten Troisdorfer Grundschullehrers: "Tiere haben ein Bewusstsein. Aber sie wissen nichts davon."

"Mir liegt das Schlachten nicht. Ich sehe mich als Wurstkünstler"