Fleischbewusstsein Es geht um die Wurst

Zum »philosophischen Imbiss« lud der Troisdorfer Biometzger Klaus Schlechtriem in seine Fleischerei. Und diskutierte ausgerechnet die heikle Frage: Haben Tiere ein Bewusstsein?

Sohn eines Fleischers zu sein ist nicht immer leicht. Den Eindruck gewinnt man jedenfalls an diesem lauen Sommerabend in der Troisdorfer Traditionsmetzgerei Schlechtriem. Erst neulich wieder, erzählt deren jugendlicher Spross den über dreißig am langen Biertisch versammelten Kunden, habe er vor Vaters Geschäft in der Fußgängerzone einen dieser typischen Sätze belauscht. Sagte ein Passant zum anderen: »Ey, guck mal, die hängen ein Foto von einem süüüüßen Schweinchen in ihr Schaufenster. So was Taktloses. Echt makaber!«

Dabei äßen die beiden Empörten selbst gern Fleisch, meint Schlechtriem junior. Aber wenn es in diesem Land noch ein Tabu gebe, dann die Frage, was das Kotelett oder die Kochwurst vorher mal war. Metzgers Sommergäste lachen halb über-, halb verlegen; noch in Erwartung des eigentlichen Kultur-Ereignisses, das, inspiriert vom Genius Loci, unter anderem diesen Selbstbetrug zum Thema haben soll.

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Der ist umso mehr jenem Schlachter vertraut, der den Schlechtriems ihre Rohware liefert. Aber Egidius Thönes aus Wachtendonk am Niederrhein hatte irgendwann die Nase voll von einem öffentlichen Klima, in dem seine Fleischzerleger ihren eigenen Kindern morgens erzählten, sie gingen jetzt zur Arbeit ins Büro. So wurde er vor rund zehn Jahren einer der ersten Bioschlachter. Er verarbeitete nur noch artgerecht gehaltene Tiere, legte für sie eine Mindest-Lebenszeit und eine Höchst-Transportzeit fest und entwickelte insgesamt einen leidensärmeren, wenn man so sagen darf, humanen Tötungsprozess; nicht zuletzt mit Blick auf die Qualität seines Produkts. Und dann ging er richtig in die Offensive: öffnete seine Schlachtbuchten für Besucher. Ließ von dort live ins Internet senden. Und verkündete coram publico seine Achtung vor Vegetariern, aber Befremden gegenüber fleischeslustigen Verdrängern: »Ich stehe zum Töten.«

Das Aufklärungswerk setzt heute sein Sohn Thomas fort. Genauer, in dessen Auftrag der Essener PR-Mann Elmar Damke; der führt auch beim heutigen Event im Hause Schlechtriem Regie. Dort präsentiert er den Philosophen Hans-Ulrich Baumgarten als Experten für eine Kernfrage des Tabus. Haben Tiere Bewusstsein? lautet der Titel seines Abendvortrags, der auch noch in weiteren Thönesschen Vertragsmetzgereien quer durch Nordrhein-Westfalen in gekachelten Räumen zwischen Hochrippen und Hinterschinken zur Diskussion stehen soll.

Beziehungsweise beim Troisdorfer Pilotversuch wegen des schönen Wetters doch lieber draußen in jenem Hinterhof, in dem frühere Fleischergenerationen Rinder und Schweine vor ihrem letzten Gang zusammentrieben. Der Gastgeber Klaus Schlechtriem in seiner frisch gestärkten blauweißen Joppe kann den neuen Schulterschluss aus Handwerk und Intelligenzija selbst noch nicht fassen: »Ein Philosoph!« Hätte das noch sein seliger Papa gesehen, schmunzelt er mit listigem wie warmherzigem Blick. »Der hätte bestimmt gedacht: Ihr habt se wohl nicht alle.«

Privatdozent Baumgarten indes, der seinen Freiburger Lehrauftrag vorübergehend zugunsten einer Beraterstelle als Moralphilosoph in der Düsseldorfer CDU-Landtagsfraktion ruhen lässt, macht zwischen Hörsaal und Metzgerei keinen Unterschied. Stehend unter einer sattgrünen Kastanie, hebt er sein Manuskript wie ein Bariton die Partitur. Und nimmt im pädagogisch schwingenden Rezitativ seine Zuhörer – keine zähnefletschenden Tierschützer, sondern vorwiegend gediegene Troisdorfer Bürger – auf einen langen Gedankengang mit, dessen Ziel eine Moral für das Handeln gegenüber Tieren sein soll. Station macht Hans-Ulrich Baumgarten bei Descartes und Kant und kommt schließlich bei einer auf Biofleisch maßgeschneidert wirkenden Lehre an, die hier nur in Grundzügen wiedergegeben werden kann:

Demnach handeln Hund, Kuh oder Adler sehr wohl zielgerichtet, sie erleiden Schmerzen oder empfinden Lebensfreude – weswegen der Philosoph ihnen ein Selbstbewusstsein zweifelsfrei zuspricht. Jedoch gebe es keinerlei Anzeichen dafür, dass Tiere auch über ein Ich-Bewusstsein verfügen, das heißt: ihre eigene Existenz »thematisieren«. Oder, so der Zwischenstand eines aufmerksam lauschenden pensionierten Troisdorfer Grundschullehrers: »Tiere haben ein Bewusstsein. Aber sie wissen nichts davon.«

»Mir liegt das Schlachten nicht. Ich sehe mich als Wurstkünstler«

Ohne Selbsterkenntnis aber, fährt Hans-Ulrich Baumgarten fort, entfalte sich kein Wollen, also auch kein Nichtwollen und schon gar kein »Nichtsterbenwollen«, das »moralische Ansprüche an uns stellen« würde – denn das setze ja das Wissen um die eigene Endlichkeit voraus.

So trage der Mensch zwar Verantwortung dafür, dass sie nicht wie bei Massenhaltung und Massentransporten gequält werden. Doch es könnten »keine rationalen Gründe für einen stellvertretenden Anspruch auf ein Nichtsterbenwollen der Tiere und damit für ein moralisches Tötungsverbot nachvollziehbar entwickelt werden«, formuliert der Philosoph. Mit der Konsequenz: »Wenn Tiere Selbsterkenntnis hätten«, sagt Hans-Ulrich Baumgarten, »müsste der Herr Schlechtriem seinen Laden dichtmachen.« Denn dann wären sie Menschen gleich, und Schlachten wäre Mord. So aber darf der Troisdorfer Metzger in der Pause ruhigen Herzens seine deftige Provencalische Bauernpastete servieren.

Nachdenklich ist Klaus Schlechtriem geworden. Kindheitserinnerungen kommen hoch. Die Altvordern, denen er als kleiner Junge beim Schlachten half, hätten über solche Fragen nicht gesprochen, sagt er. Man trieb die Schweine paarweise in die Bucht, »das war halt so«. Andererseits: »Ehe die nächsten zwei kamen, haben sie penibel das Blut weggespritzt.« Dachten sie also doch, dass die Schweine dachten…?

Ihm selbst liege das Schlachten ohnehin nicht, sagt der Biometzger, er liebe »die schöpferische Seite« seines Berufs: »Ich sehe mich als Wurstkünstler.« Immer wieder lasse er sich, »ganz ohne Forschungsabteilung«, etwas Neues einfallen. Gern mediterran inspiriert, aber ein Klassiker ist auch die Troisdorfer Stadtwurst, die mit Knoblauch und Kümmel »zu den Menschen, die hier leben, passen soll«.

Seine Ehefrau Heidi Schlechtriem macht derweil die Honneurs und Werbung für ihren Laden, wo nicht nur Biofleisch, sondern auch Biogewürze und selbst gezogene Kräuter in die Wurst kommen. »Gewiss zahlen die Kunden dafür rund 20 Prozent mehr«, sagt die gesprächige gelernte Krankenschwester. »Aber die Biobranche muss doch eine Chance kriegen. Und das Metzgerhandwerk!« Vor 25 Jahren gab es in Troisdorf noch zwölf Fleischerbetriebe. Überlebt haben zwei, der Rest ist Supermarkt. Wer sich gegen die Starken behaupten will, der muss nicht nur glaubwürdig Qualität bieten, sondern auch auffallen – und sei es mit einem »philosophischen Imbiss«.

In dessen weiterem Verlauf nun ein Gymnasiallehrer auf die Selektion in der Evolutionsgeschichte verweist. »Die Selbsterkenntnis beginnt mit den Bestattungsriten«, sagt er, »beim Übergang vom Primaten zum Menschen« – und stützt insofern Hans-Ulrich Baumgartens Theorie.

Während es draußen Nacht wird, erheben andere Besucher jedoch Einwände. Wenn sich beispielsweise der Elefant zum Sterben zurückziehe, meint eine junge Kundin, dann müsse er doch von seiner Endlichkeit wissen? Antwort des Philosophen: Das Tier fühle sich wohl einfach schlecht. Eine ältere Dame erinnert an Kulturen, in denen man die Beute vor dem Töten um Verzeihung bat: »Die haben denen doch auch ein Ich-Bewusstsein zugesprochen.« Und ihre Nachbarin fragt: »Wenn wir nicht sicher sind, wie weit das tierische Bewusstsein reicht – wie können wir uns dann die Entscheidung über das Töten anmaßen?«

Hans-Ulrich Baumgarten zeigt Verständnis: »Gewiss sind unsere Erkenntnisse Mutmaßungen.« Erfahrungen im Laufe der Menschheitsgeschichte hätten jedoch gezeigt: »Wir haben für ein Ich-Bewusstsein der Tiere keinen Anhaltspunkt.«

»Aber sicher sind wir nicht«, insistiert energisch die Troisdorfer Kundin. Darauf der Philosoph:

»Wo haben wir schon Gewissheit?«

 
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