Erziehung

Hausgemachte Ängste

Eine Studie zeigt, was Kinder am meisten fürchten

Bei aller Liebe – vor Ängsten können Eltern ihre Kinder nicht bewahren. Sollten sie auch nicht immer, denn Angst und ihre Bewältigung gehören zur kindlichen Entwicklung dazu. Das setzt allerdings voraus, dass Kinder lernen, damit richtig umzugehen – und dass ihnen die Eltern dabei gute Lehrer sind.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie lässt allerdings daran zweifeln. Sie legt vielmehr nahe, dass die Erwachsenen häufig ihre eigenen Ängste an die Kinder weitergeben. Für die Untersuchung im Auftrag der R+V Versicherung, die alle zwei Jahre jugendliche Ängste ermittelt, wurden insgesamt 900 Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren mit einer Reihe sorgfältig ausgewählter Angstmacher konfrontiert. Dabei landeten die spezifischen Kinderängste eher auf den unteren Rängen: Vor schlechten Zensuren fürchten sich nur 26 Prozent, vor Fahrraddiebstahl 28 Prozent (hauptsächlich Jungen in den alten Bundesländern), und knapp ein Drittel treibt die Angst vor gewalttätigen Eltern um.

Auf Platz eins rangiert dagegen die Angst, „dass jemandem in der Familie etwas ganz, ganz Schlimmes passiert“ (57 Prozent). Dies und die anderen großen Ängste – vor Krieg (48 Prozent), schwerer Krankheit oder Tod (47 Prozent), vor Feuer zu Hause (41 Prozent), Unfall im Straßenverkehr (39 Prozent), Arbeitslosigkeit und Geldnot in der Familie (30 Prozent, deutlich stärker in den neuen Bundesländern) – zeigen, dass sich Kinder im Grunde vor denselben Dingen fürchten wie Erwachsene.

Das hat Kontinuität. Die Nachkriegsgeneration in Deutschland wurde beherrscht von der Furcht vor dem Hunger – und legte damit wohl die Grundlage für eine bis heute zu Übergewicht tendierenden Population. Die Kinder des Kalten Krieges wuchsen in der Angst vor der Atombombe auf. Tschernobyl und andere Katastrophen sorgten für den Umwelt-Angstschub, der seit dem 11. September nun von der wachsenden Terror- und Kriegsfurcht überlagert wird. Ängste – auch das zeigt die Befragung – sind Zeiterscheinungen. Sie kommen auf, nutzen sich ab und schwinden wieder.

Beängstigend ist allerdings der Befund, dass es eine hausgemachte Furcht mittlerweile fast bis an die Spitze der Liste gebracht hat: Die Hälfte aller Kinder fürchtet sich davor, „dass es immer mehr Verbrecher gibt, die Kindern Böses antun“. Statt vor Verkehrsunfällen (was begründet wäre) ängstigen sie sich also vor einer Bedrohung, die, statistisch betrachtet, eine untergeordnete Rolle spielt. So spiegelt sich in der Kinderfurcht nicht nur die einseitige Wahrnehmung der Medien, die jeden Fall von Kinderschändung sensationslüstern ausschlachten, sondern auch die Angst der Eltern, die diese wiederum den Kinder einreden. Demnach müssten nicht die Kinder, sondern zunächst die Erwachsenen lernen, rational mit den eigenen Ängsten umzugehen.

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  • Von Sabine Etzold
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 10.07.2003 Nr.29
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