Ackern im Mittelfeld
Im internationalen Vergleich ist die deutsche Hochschulforschung allenfalls durchschnittlich. Ein Indizienbeweis
Ach akademisches Arkadien. Es liegt in den Parkanlagen der benachbarten kalifornischen Universitäten Berkeley und Stanford, in Boston an der Harvard University oder am von dort per Fußmarsch zu erreichenden Massachusetts Institute of Technology. Die Eliteeinrichtungen üben auf die Besten ihres Faches eine nahezu magische Anziehung aus. In Europa füllt das wohlklingende britische Oxbridge – Oxford und Cambridge – diese Rolle aus, neben London und Paris die Kaderschmiede der Alten Welt.
Und Humboldts Erben im eigenen Land? Machen wir es kurz: Die Ausbildung an deutschen Universitäten bringt zwar Absolventen hervor, deren Können international geschätzt wird, doch die Forschung erreicht im Durchschnitt gerade einmal europäisches Mittelmaß, weltweit hat sie den Anschluss an die Spitze längst verloren.
In der Forschung haben die USA das Währungsmonopol
Was viele ahnen, ohne es offen auszusprechen, lässt sich jedoch nur mühsam beweisen. Wie will man Qualität messen, wenn sich Ausstattung und Verfassung deutscher und amerikanischer Hochschulen zum Teil drastisch unterscheiden – Stiftungsmillionen und Wirtschaftsautonomie dort, Bund-Länder-Finanzierung und verordneter Sparzwang hier? Kann man tatsächlich private amerikanische Elitehochschulen mit einer deutschen Universität – sagen wir: in Bochum oder Bielefeld – vergleichen, die Technologieschmieden an Amerikas Ost- und Westküste mit den technischen Universitäten in Aachen oder München?
Den einen, global gültigen Maßstab für Forschungsqualität gibt es nicht. Gleichwohl heißt das nicht, dass Vergleiche unmöglich wären. Man muss dazu nur eine Vielzahl von Indizien bemühen.
Das wichtigste Vergleichskriterium sind die Ergebnisse der Forschung. Diese werden meist in Journalen veröffentlicht, die von Fachleuten, den so genannten Peers, auf jede Schwachstelle abgeklopft werden. Diese Publikationen gelten als einzige globale Währung im Wissenschaftsbetrieb. Und das unangefochtene Währungsmonopol auf dem Wissenschaftsmarkt hält ein amerikanisches Privatunternehmen, das 1958 von Eugene Garfield in Philadelphia gegründete Institute of Scientific Information (ISI). Für das weltgrößte Archiv weltweiter Forscherleistung, seit 1992 im Besitz der Firma Thomson Business Information, werten 800 Angestellte mehr als 8000 internationale Zeitschriften aus, die in 35 Sprachen erscheinen. Darunter sind 4100 natur-, 2800 sozial- und 1400 geisteswissenschaftliche Journale.
Mithilfe von ISI-Daten hat das Center for Science and Technology Studies (Cest) in Bern vor zwei Jahren begonnen, eine Champions League der Forschungsinstitutionen zusammenzustellen (siehe große Tabelle rechts). Basis der schweizerischen Erhebung sind sieben Millionen Aufsätze aus den Jahren 1994 bis 1999. Neben privaten und staatlichen Labors schafften es insgesamt 575 Hochschulen in die Spitzenklasse der Forschung. Führend ist die University of London vor der Universität Tokyo und Harvard. Von den deutschen Hochschulen gelang nur einem knappen Drittel überhaupt der Sprung in die Liga. Als publikationsstärkste schaffte es die Ludwig-Maximilians-Universität auf Platz 51 der Cest-Rangliste, auf Platz 73 steht die Universität Heidelberg, auf Platz 84 die Freie Universität Berlin, auf 117 die Universität Tübingen.
Doch solch globale Daten sind mit Vorsicht zu genießen. Hier werden Hochschulen unterschiedlichster Ausrichtung mit nur einem Maß gemessen: dem Publikationseifer ihrer Professoren, gemessen mit ISI-Daten. Und diese Währung hat offensichtliche Schwächen. Denn es sind vor allem Forscher aus den USA (und Großbritannien), die in englischsprachigen Zeitschriften veröffentlichen. Die wiederum bevorzugen Arbeiten, die aus den USA und Großbritannien eingereicht werden. Forschungsergebnisse aus Entwicklungs- oder Schwellenländern werden von großen Journalen nachweislich weniger berücksichtigt.
- Datum 10.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.07.2003 Nr.29
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