Schlaflosen, Frühaufstehern und anderen unorthodoxen Musikfernsehzuschauern kann es dieser Tage passieren, dass sie eine Erscheinung haben. Gerade noch war alles wie immer, einige Killer Barbies teilen sich den Bildschirm mit hyperkinetischen Schwermetallern, da implodiert die Szenerie und gibt den Blick frei auf eine karge Landschaft mit kargen Menschen darin. Straßenszenen aus Kabul wischen vorbei wie in einem hastig gedrehten Amateurvideo, davor ein offenbar weibliches Trio, das mit Mikrofonen und einem Schlagzeug hantiert. Um wen genau es sich handelt, ist nicht zu erkennen: Die drei tragen eine Burka.

Ironie des Medienzeitalters: Das erste Popgesicht Afghanistans hat gleich keins. "My mother wears a burka, my father wears it too, I have to wear a burka, the burka it is blue" – einige wenige Textzeilen, in gebrochenem Englisch zu einem sturen Drumbeat vorgetragen, sind alles, was an Selbstauskunft gegeben wird. Aber nicht nur der Schleier, den afghanische Frauen nach dem Sieg der Taliban tragen mussten, liegt über der Szenerie. In einer Branche, die Journalisten normalerweise mehr Informationen hinterherschmeißt, als einem lieb ist, muss man hier Kommunikationsbarrieren überwinden. Telefonieren ist unmöglich, nur höchste Stellen haben in Kabul Telefon. Unter der EMail-Adresse, über die sich die Burka Band auf Umwegen erreichen lassen soll, meldet sich zunächst niemand.

"Yes, it’s ironic", steht eines Tages in der Mailbox: Das Video sei tatsächlich eine Art Spiel mit dem Verhüllungszwang. "No, never", lautet die Antwort auf die Frage, ob die Burka manchmal im Alltag bereits wie ein Kostüm getragen werde. Und was für Empfindungen löst es aus, eine Pioniertat begangen zu haben – die Gründung der ersten afghanischen Girlgroup? "Actually we did it just for fun and we are not real singers." Ein Chat ist das noch nicht. Die junge Frau aus Kabul, die ihren Namen nicht nennen will, weil sie Repressalien befürchtet – nennen wir sie Faranaz –, berichtet in knappen Worten, dass das Tragen der Burka heute offiziell freigestellt ist, viele jedoch daran festhalten. Dass Frauen, zumal unverhüllte, im Fernsehen nach wie vor undenkbar sind. Dass sie Madonna kennt, aber als Amateursängerin nichts dazu sagen kann. Die längste Antwort, die Faranaz gibt, handelt von der Angst: Es gibt heute wieder Musik in Afghanistan, doch erst vor kurzem hat jemand im Paghman District eine Bombe geworfen und dabei zwei Musiker sowie Gäste einer Party getötet.

Man muss den Umweg über deutsche Entwicklungshelfer nehmen, um mehr über das Casting der Burka Band zu erfahren. Die Idee sei bei einem Ausflug ins Panschir-Tal entstanden, erzählt Frank Fenstermacher von der Band A Certain Frank, der, zusammen mit Kollege Kurt Dahlke und der Schlagzeugerin Saskia von Klitzing, im Oktober letzten Jahres auf Einladung des Goethe-Instituts einen Workshop über "popmusikalisches Instrumentarium und moderne Aufnahmetechniken" in Kabul leitete. Dabei sei man mit einer Übersetzerin ins Gespräch gekommen, die sich als einzige Frau im Workshop sofort ans Schlagzeug gesetzt habe. Allgemeines Staunen, "weltoffene Menschen dort zu treffen, wo man es ja nicht erwartet". Der Text zu Burka Blue entstand spontan, aus einer Laune heraus, die Aufnahmen fanden heimlich in einem von Schutztruppen gesicherten Gebäude statt, "für das Video haben wir zwei Frauen aus der Teeküche gewinnen können, sodass die No Angels von Kabul das Licht der Welt erblickten".

Was in westliche Wohnzimmer herüberstrahlt (und als Vinyl-Single in gut sortierten Plattenläden ausliegt), ist also ein deutsch-afghanisches Joint Venture, ein Ad-hoc-Projekt mit Spaßcharakter – aber zu wessen Nutzen? Darüber haben manche der Musikfernsehzuschauer gegrübelt, die von den minimalistischen Klängen und Bildern auf ihren Sofas erwischt wurden. Das Nichtgesicht Afghanistans inmitten einer Welt, die von Gesichtern lebt, spiegelt Fragen zurück: Ist es gut, die zwangsarchaisierte Welt, in der die meisten Afghanen und besonders Afghaninnen immer noch leben, mit der Popmoderne kurzzuschließen? Lässt sich mit solchen Aktionen an die afghanische Frauenbewegung anknüpfen, die es vor dem Sieg der Taliban durchaus gab? Kommt der Gleichheitsanspruch, der sich im Spiel mit den Zeichen der Unterdrückung andeutet, wirklich von Frauen wie Faranaz, oder ist er von außen herangetragen? Und was passiert, wenn die Helfer mit ihren guten Absichten wieder abgezogen sind?

Wie auch immer man dies für sich beantworten mag – es wird zunächst eine Antwort des Westens für den Westen sein, von begrenztem Nutzen für die Teens und Twens in Afghanistan, deren Alltagsrealität hinter traditionellen und medialen Schleiern verborgen liegt. „I think that was it“, mailt Faranaz: Es seien keine weiteren Projekte vorgesehen. Sie habe ihre Arbeit zu tun und grüße die deutschen Freunde aus der Ferne. Mit einem Poplebenszeichen aus Kabul ist erst wieder für das Jahr 2013 zu rechnen, wenn ein Peace Corps der paneuropäischen Unterhaltungsindustrie unter Vorsitz des bis dahin vollends mumifizierten Dieter Bohlen den afghanischen Superstar sucht.