Bildung Worauf warten wir noch?
Der Pisa-Schock liegt anderthalb Jahre zurück, doch die Reformen kommen nur langsam in Gang. Eine Rundreise durch die deutsche Bildungslandschaft
Denkt man an die deutsche Schule, dann könnte einem der Stoßseufzer kommen, „McKinsey, bitte übernehmen sie!“ Bieten die Organisationstherapeuten der Wirtschaft tatsächlich Auswege aus der deutschen Krähwinkelei? Wir wollen es im Stuttgarter Literaturhaus herausfinden. Es ist die erste Station einer Rundreise durch die Bildungslandschaft vor den großen Ferien.
Trotz 34 Grad und drückender Schwüle im Stuttgarter Kessel ist der Saal gut gefüllt. Jürgen Kluge, der Chef von McKinsey, einer der begehrtesten Unternehmensberater im Land, stellt sein Buch über die Bildungsmisere vor. Eene meene muh und raus bist du! steht auf dem Cover. Der Abzählvers beschreibt den Geist in vielen Klassenzimmern. Kluge wird ganz ernst. „Wenn wir so weitermachen, werden wir ausgezählt.“ Auf die Wissensgesellschaft seien wir, die Weltmeister des Industriezeitalters, schlecht vorbereitet. „Lernen ist doch in aller Regel ein Glücksgefühl“, schwärmt er. Das Humankapital dürfe man nicht mit angedrohtem Versagen einschüchtern und nicht mit angedrohtem Ausschluss vergiften.
Eine Schule, die nicht demütigt, wird Schüler entlassen, die später etwas wagen. Der deutsche McKinsey-Chef argumentiert natürlich mit den Interessen der Wirtschaft. Dort allerdings hat sich in den letzten Jahrzehnten etwas Grundlegendes verändert. Wertschöpfung ist mehr und mehr auf Wertschätzung angewiesen, denn Selbstbewusstsein ist eine Produktivkraft. Die Wissensökonomie folgt anderen Gesetzen als die der industriellen Eisenzeit. „Wir sind international nur noch in der Automobilindustrie Spitze“, mahnt Kluge. „Höchstens zehn Jahre bleiben uns noch, das Ruder rumzureißen.“
Und was soll man tun? Erstens: Auf den Anfang kommt es an. Vier Milliarden in die Vorschule. Dort verzinsen sich Investitionen am höchsten. Zweitens: Selbstständigkeit für alle Schulen. Sie steigere Intelligenz und Handlungsfähigkeit einer jeden Organisation und stecke auch die Schüler damit an. Drittens, als Gegenpol zur Selbstständigkeit: Standards und Rechenschaftspflicht. Diese Kombination biete auch Auswege aus dem vormodernen gegliederten Schulsystem. Außerdem „die Studiengebühren im Kindergarten“ streichen, sie aber für Studenten einführen und schließlich: all die guten Vorschläge, die seit Pisa gemacht worden sind, auch realisieren. Man müsse doch nicht lange um Standards streiten. „Warum nimmt man nicht die von Pisa entwickelten Kompetenzen?“, fragt Jürgen Kluge. Die seien außerdem international. Worauf warten wir eigentlich noch?
Jedenfalls nicht unbedingt auf den erlösenden Anruf aus der Kultusministerkonferenz (KMK). Aber das Hessische Kultusministerium ist auf dem Anrufbeantworter. Es ist Freitagabend, und auf dem Band heißt es: „Dienstag, 15 Uhr, will Frau Wolff, die Präsidentin der KMK, in Berlin erste Entwürfe für Bildungsstandards erläutern.“ Plötzlich so eilig? Just am Dienstagnachmittag sind wir in Berlin ein paar Straßen weiter schon im Bundesbildungsministerium verabredet und fragen dort, was wird die KMK denn verkünden? „Wie, was, die KMK?“, stutzen die Gesprächspartner. Es wird nervös herumtelefoniert, aber niemand weiß etwas von einer Pressekonferenz, auf der die Standards vorgestellt werden. Ob denn einfach jemand hingehen soll? Aber ganz ohne Einladung traut man sich doch nicht. So also fühlt sich deutsche Bildungspolitik von innen an.
Der letzte Religionskrieg
Ein paar Stunden später, inzwischen in Hildesheim. Ins vornehme Tagungshotel Méridien hat die Bertelsmann Stiftung gerufen. Sie bringt jährlich hochrangige Vertreter aus den Kultusministerien zusammen. Gespräche ohne Protokoll und Presseerklärung. Auf der zweiten Ebene funktioniert die Verständigung einigermaßen. Diese Gesprächsnetze will die Stiftung stärken. Dazu eingeladen sind diesmal Rita Süssmuth, die vor ihrer politischen Karriere Professorin für Erziehungswissenschaft war, und Andreas Schleicher, der allgegenwärtige internationale Pisa-Koordinator. Der hat 370 Seiten noch unveröffentlichte neue Pisa-Auswertungen in der von allen beäugten Aktentasche. Außerdem sind Bildungsexperten aus Kanada, Finnland und Neuseeland angereist.
Abends um sieben, bei der Besichtigung des Doms, klingeln Handys. Frau Wolff habe jetzt die Entwürfe für Bildungsstandards an die Presse gegeben. „Aber die sollen doch erst in zwei Tagen vom Schulausschuss der Kultusministerkonferenz als Entwürfe beraten und zur Diskussion gestellt werden“, sagt ein Referent aus einem CDU geführten Ministerium. „Was soll der Coup?“ Kopfschütteln. Keiner der ausländischen Gäste versteht die sich beim Wein anschließenden deutschen Debatten. Überall ist Bildung ein Gemeinschaftsfeld der Politik. In Deutschland ist es der letzte Religionskrieg, der uns geblieben ist und den Bundesländern eine Art Hackbrett für die Profilierung der Parteien.
Am nächsten Morgen nimmt Rita Süssmuth kein Blatt vor den Mund: In Deutschland werde Pisa benutzt, um Recht zu haben und alles beim Alten zu lassen. Basta! Sie klingt wütend und doch nicht ganz pessimistisch. Ihre Hoffnung sind die Schulen selbst. Ihr Appell: „Strukturen von innen aufbrechen!“ Am selben Tag verabschiedet das Parlament in Hannover ein neues Schulgesetz. Es wird danach keine neuen Gesamtschulen mehr geben. Auch keine kooperativen Haupt- und Realschulen. Es soll so werden wie in Bayern, sagt Kultusminister Bernd Busemann (CDU). So wie in Bayern? In Bayern ist fast alles anders, vor allem anders, als man denkt.
Zum Beispiel bekommen jetzt an der Volksschule in Lochhan Hauptschüler und Gymnasiasten einen Teil des Deutschunterrichts gemeinsam, und die Lehrerin Barbara Bittner sagt, sie könne gar nicht erkennen, wer aus der Hauptschule und wer aus dem Gymnasium komme. Im Max-Born-Gymnasium in Germering unterrichten Elftklässler in Französisch ihre Mitschüler aus der Klasse acht. Die Schülerin Carina Finger aus der Realschule in Neusüß sagt über den auch dort veränderten Unterricht: „Man findet es selber raus, und dabei hat man’s schon gelernt.“ Das alles hört und sieht man in München beim Internationalen Bayerischen Schulkongress. Das große Thema heißt Innovation. Die Bildungsexpertin Riitta Piri aus Helsinki erklärt, dass Vertrauen der Motor der finnischen Schulreform sei. Berichte aus der Schweiz und den Niederlanden, zeigen, dass die Schulwelt überall in Bewegung geraten ist. Immer in die gleiche Richtung: den Schulen Selbstständigkeit geben und sie zur Verantwortung ziehen, aber den bösen, misstrauischen Blick nicht mit ins 21. Jahrhundert nehmen. Der Hirnforscher Manfred Spitzer erklärt, warum Lernen in schlechter Atmosphäre nicht gelingt. „Wie viel Selbstverwaltung braucht die Schule?“, fragt Kultusministerin Monika Hohlmeier, und natürlich ist die Frage rhetorisch. Sie weiß, dass Selbstverwaltung wirksamer ist, aber kann sie das auch schon in der CSU durchsetzen? Die „Marketingfachfrau“ (FAZ) beherrscht den Spagat. So genannten Modus-21-Schulen wird großer Spielraum eingeräumt. Der Kongress infiziert die bayerische Provinz mit der ansteckenden Gesundheit aus den erfolgreichen Ländern. Aber alles erst mal homöopathisch. Hohlmeiers eigene Kinder gehen ja auch zur Waldorfschule. Und am selben Tag, an dem der Kongress internationalen Wind nach Bayern bringt, verabschiedet das Kultusministerium den Erlass, dass fortan in der zweiten Klasse in Bayern wieder Noten gegeben werden. Einen weiteren Tag später, vielleicht erklärt das ja was, stellt sich Monika Hohlmeier in der Münchner CSU als Vorsitzende zur Wahl.
Teamwork und Selbstständigkeit
Vier Tage nach dem Kongress eilt Monika Hohlmeier nach Coburg. Ein Schüler hat auf eine Lehrerin und dann auf sich selbst geschossen. Man sollte sich nicht verleiten lassen, ebenfalls zu schießen – als argumentatives Schnellfeuergewehr. Aber die Kugeln erinnern an einen Satz des Reformpädagogen Hartmut von Hentig. „Letztlich reduziert sich doch alle Pädagogik auf das Generationenverhältnis.“
Das beweist auch die empirische Forschung, allen voran Pisa. Am Tag vor den Coburger Schüssen stellte Andreas Schleicher in London die Ergebnisse von elf Entwicklungsländern vor, die nachgetestet wurden. Asien setzt sich mit China und Hongkong an die Spitze. Lateinamerika verelendet. Man denkt an Jürgen Kluge: „Die Bildungszahlen von heute sind die Wirtschaftszahlen von morgen.“
Zwei Tage später präsentiert Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn einen weiteren internationalen Vergleich. Alle Studien haben den gleichen Refrain: Schulerfolg steigt mit der „Partizipation der Schüler am Schulleben“. Und: „Teamwork im Lehrerkollegium, die gute Zusammenarbeit von Schülern und Lehrern sowie die Eigenständigkeit der Schulen“ verbessern die Leistungen. Immer härter wird der Befund, dass Länder, die ihre Schüler früh trennen, damit soziale Gegensätze verstärken. Mit Pisa hat die Globalisierung die Bildung erreicht. Wer aus seinen Schulen Treibhäuser der Zukunft macht, wird gewinnen.
- Datum 10.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.07.2003 Nr.29
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