Von wegen Wonnemonat: Noch nie seit Menschengedenken, verkündeten die Vereinten Nationen am Mittwoch vergangener Woche, war ein Mai so heiß wie dieser. Noch nie in einem Mai verwüsteten so viele Tornados Amerika, und wohl noch nie quälte Hitze von fast 50 Grad die Menschen in Indien; mindestens 1400 Inder fielen ihr zum Opfer. Der Klimawandel, so die Botschaft der UN, beschere der Erde immer extremeres Wetter: Hitze, Stürme, Überschwemmungen.

Der Klimawandel war am Mittwoch vergangener Woche auch Thema im wohltemperierten Europäischen Parlament. Auf der Tagesordnung stand ein Regelwerk über den Handel mit "Treibhausgasemissionsberechtigungen". Fast wäre die Abstimmung darüber den von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi verursachten Tumulten zum Opfer gefallen. Am Ende einigten sich die Parlamentarier doch, fast unbemerkt zwar, aber mit weitreichenden Konsequenzen: Fortan nämlich, eine kleine Revolution, müssen Europas größte Umweltsünder bei ihren täglichen Geschäftsentscheidungen Rücksicht aufs Klima nehmen.

Tatsächlich ist nun amtlich, dass rund 10000 europäische Fabriken, darunter 4000 deutsche, demnächst nicht nur – wie bisher – ihre Beschäftigten entlohnen, für geliehenes Geld Zinsen zahlen und für eingekaufte Rohstoffe die Rechnungen begleichen müssen. Erstmals in der Geschichte des Kapitalismus zwingt ein neues Regelwerk namens Emissionshandel Manager und Unternehmer dazu, sich ernsthaft auch um den Produktionsfaktor Natur zu kümmern – ein "Paradigmenwechsel", meint die Grünen-Europaabgeordnete Hiltrud Breyer.

Es geht um rund fünf Milliarden Euro. So viel, schätzen Experten, sind die Zertifikate wert, die den Eigentümern von Kraftwerken, Raffinerien, Stahlschmelzen, Kalkbrennereien und Zementöfen demnächst das Recht zu einem exakt definierten Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) verbriefen. Wer sein Limit überschreitet, muss zusätzliche Erlaubnisscheine von jenen Betrieben erwerben, die ihr Kontingent nicht ausnutzen; wer unerlaubt CO2 in die Atmosphäre pustet, dem drohen saftige Geldstrafen. Folge dieses cap and trade , des Zusammenspiels von Deckelung der Emissionen und Zertifikatehandel: Der Markt, unbestechlich wie kein anderes Instrument, drückt die volkswirtschaftlichen Kosten für den Klimaschutz auf ein Minimum. Verglichen mit anderen Instrumenten macht der Emissionshandel laut Expertenschätzung hierzulande den Schutz der Erdatmosphäre um jährlich bis zu 500 Millionen Euro billiger.

RWE und Co. sind regelrecht elektrisiert

Die neue Ära beginnt zwar erst im Januar 2005, hat aber die deutsche Wirtschaft bereits im Kern gespalten. Zwar wird sie vermutlich insgesamt auch europaweit zu den Profiteuren des neuen Regimes gehören; weil aber nicht jede Branche und jedes Unternehmen darauf setzen kann, ist nun ein heilloser Verteilungskampf entbrannt. Der Grund: Das aus den ökonomischen Lehrbüchern abgekupferte Konzept des Emissionshandels trifft die Unternehmen unterschiedlich – je nachdem, wie die Vorgaben aus Brüssel in nationales Recht umgesetzt werden. "Bis um den Faktor 5" könne das Volumen von Zusatzkosten und -erträgen schwanken, heißt es in einem noch unveröffentlichten, von Umweltminister Jürgen Trittin bezahlten Gutachten über die Auswirkungen des neuen Ökoregimes auf die hiesige Industrie.

Analysten der Unternehmensberatung Dresdner Kleinwort Wasserstein wollen es bereits noch genauer wissen: Um mehr als 40 Prozent, glauben sie, könne beispielsweise der Kurs der RWE-Aktie dank Emissionshandel und höherer Strompreise steigen; läuft es für den Essener Stromriesen allerdings schlecht, könnte sein Marktwert auch um elf Prozent sinken. RWE und Co. sind deshalb regelrecht elektrisiert und kämpfen jetzt um die Poleposition beim Start in das neue Zeitalter der Umweltpolitik – ohne Rücksicht auf die viel beschworene Branchensolidarität. Der Zwist hat sogar einst mächtige Lobbyvereine wie den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) oder den kaum weniger potenten Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) lahm gelegt. Von "munteren Konflikten" ist die Rede, von "richtigem Streit" berichten die Eingeweihten aus den Vorstandsetagen.

Tatsächlich setzt die schöne neue Welt des marktwirtschaftlichen Umweltschutzes eine heikle Operation voraus: Die Klimasünder müssen ihre Verschmutzungsrechte erst zugewiesen bekommen. Weil sich Europa vor dieser Zuteilung – neudeutsch: Allokation – gedrückt hat und weil die geldwerten Rechte nicht, wie einst die UMTS-Lizenzen, versteigert werden sollen, schlägt in den europäischen Hauptstädten jetzt die Stunde der Lobbyisten. "Wir spielen auf der ganzen Klaviatur", brüstet sich einer von ihnen.