Essay Das alte Lied der neuen Hoffnung
Der israelisch-palästinensische Konflikt wird morgen nicht vorbei sein. Aber er ließe sich sofort entschärfen
Josef Schwejk, der brave Soldat von Jaroslav Ha∆ek, pflegte zu seinen Kameraden im Ersten Weltkrieg zu sagen, sie würden sich „um sechs Uhr nach dem Krieg“ treffen. Die „Roadmap“, die Präsident Bush zur Beendigung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern skizzierte, legt den Frieden für 2005 fest. Ob aus Naivität oder Zynismus – Bushs Plan gleicht eher einer diplomatischen Fiktion: für alle bequem, aber nicht viel realistischer als die Verabredung des braven Schwejk.
Kürzlich haben die palästinensischen Terrororganisationen eine dreimonatige Waffenruhe verkündet; im israelischen Fernsehen sprach man sogar vom Ende der Intifada. Israel gibt den Palästinensern die militärische Kontrolle in Gaza und Bethlehem zurück – was allenfalls der erste Schritt auf der „Roadmap“ sein könnte, die George Bush skizziert hat. Die Israelis aber nannten es sogleich einen historischen Schritt und zogen sich, wie schon so oft in ihrer Geschichte, auf die Erinnerung an die Anfänge des Zionismus zurück. Alle erzählen wieder und wieder, wie die Juden ihre Unabhängigkeit im Land Israel verloren hatten und sie wiederfanden, sogar nach vielen Jahren der Verfolgung zu allen Zeiten und durch fast alle Länder, und ja, auch die Schoah gehört dazu. Und man erzählt sich, wie die Juden in ihrer Heimat eine feindliche arabische Bevölkerung angetroffen hatten, die ihnen das natürliche Recht, ein Volk unter Völkern zu sein, verwehren wollte und plante, sie ins Meer zu jagen.
Die Israelis beschwören immer dann die Vergangenheit, wenn sie glauben, der Konflikt mit den Arabern sei in eine Sackgasse geraten, oder wenn jemand ihnen einen Plan vorlegt, der sie verpflichten soll, einen Teil der 1967 eroberten Gebiete zurückzugeben. Die historischen Ereignisse vermischen sich mit den neuesten Berichterstattungen, als seien sie erst gestern passiert. So war es auch kürzlich bei einer Rede der Sprecherin der linksgerichteten Opposition, Dalia Itzik, in der Knesset über die „Roadmap“. Itzik rollte die Geschichte von ihrem Anfang an auf, als sei sie noch nie erzählt worden. Dann zitierte sie Lieder aus dem Krieg von 1948, der Israel die Unabhängigkeit und den Palästinensern ihre nationale Katastrophe beschert hatte. Unter den Soldaten, die sie gesungen haben, dürfte auch Ministerpräsident Scharon gewesen sein.
Itzik zitierte ein Lied, das eine Mutter, die ihr Kind im Krieg verloren hatte, geschrieben haben soll: „Sie werden uns nicht besiegen. Sie werden uns nicht besiegen, trotz allem.“ Die historische Folgerung der Oppositionssprecherin lautete: „Sie werden uns nicht besiegen, aber auch wir werden sie, die Palästinenser, nicht besiegen. Denn auch sie haben die gleiche Liebe zu ihrer Heimat und die gleiche Sehnsucht nach einem eigenen Staat. Mütter auf beiden Seiten werden weiterhin trauern und weinen, bis beide Völker verstehen, dass man die Sehnsucht eines Volkes nach Heimat, nach einem Staat, nicht besiegen kann.“ Laut Itzik hatte der Zionismus das verstanden und sich mit einem Teil des biblischen Landes zufrieden gegeben, statt das ganze Land zu besiedeln, und auch jetzt müsse man einer Teilung des Landes zustimmen. Ariel Scharon saß vor ihr im Saal, mit nachdenklichem Gesichtsausdruck.
Der Lebensweg des 75-jährigen Scharon führte von Krieg zu Krieg. Er ist alt genug, um sich noch an die Tage des zionistischen Kampfes gegen die britische Mandatsregierung in Palästina erinnern zu können. Die damaligen Ereignisse haben mit den heutigen Versuchen, den Terror zu stoppen, viel zu tun. Die Briten waren seit 1917 im Land, und bis zum Zweiten Weltkrieg erließen sie harte Beschränkungen für die Einwanderung von Juden nach Palästina. Nach dem Krieg begannen zwei jüdische militärische Untergrundorganisationen gegen sie zu arbeiten, die Hagana und der Palmach. Diese Organisationen waren mit der Jewish Agency verbunden, die das Judentum im damaligen Palästina offiziell vertrat.
Neben diesen Organisationen waren noch zwei weitere, extremere, aktiv, die Irgun und die Stern-Gruppe. (Die Leiter dieser Organisationen, Menachem Begin und Jitzhak Schamir, amtierten später als israelische Ministerpräsidenten). Sie forderten die freie Einwanderung von Juden und die nationale Unabhängigkeit, sie liquidierten britische Soldaten und Regierungsangestellte, doch ihre Sprengstoffladungen, die sie mitten unter der städtischen Bevölkerung platzierten, führten auch zum Tod vieler Zivilisten, arabischer und jüdischer.
Die Irgun und die Stern-Gruppe brachten die Jewish Agency und ihren Vorsitzenden, David Ben Gurion, in eine schwierige Situation. Er arbeitete mit der britischen Verwaltung zusammen, und deshalb konnte Ben Gurion keine Terroranschläge unterstützen. Doch um seinen Einfluss als Repräsentant der Nation zu bewahren, konnte er sich auch nicht erlauben, weniger patriotisch zu erscheinen als die Extremisten. Fast sechzig Jahre später stehen die palästinensischen Führer Jassir Arafat und der Regierungspräsident Mahmud Abbas vor einem ähnlichen Problem, nur dass sie statt Irgun und Stern die Hamas und den islamischen Dschihad stoppen müssen und dass sie nicht den Briten gegenüberstehen, sondern Israel.
Die zionistische Bewegung erfreute sich nämlich grundsätzlich der britischen Unterstützung, während Israel die Palästinenser immer unterdrückt hat. Israelis und Palästinenser folgen verschiedenen Traditionen und hängen verschiedenen Werten an. Ben Gurion hat fast dreißig Jahre gebraucht, um nationale Institutionen zu gründen und um eine Infrastruktur zu schaffen. Erst dann verkündete er die Unabhängigkeit. Arafat hat die Unabhängigkeit verkündet, bevor er eine Infrastruktur aufbaute. Doch trotz dieser und anderer Unterschiede gibt es eine ganz erstaunliche Ähnlichkeit zwischen damals und heute.
- Datum 10.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.07.2003 Nr.29
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