DIE ZEIT-Schülerbibliothek Die gewaltlose Revolution

Aber natürlich kenne ich die „guten“ Gründe, aus denen man alte Texte lesen (oder gelesen haben) sollte, die einen persönlich eigentlich nichts angehen. Und deshalb kann man auch jedem Schüler, der etwas auf sich halten will, vorhalten, weshalb er das Matthäus-Evangelium lesen sollte. Das übrigens in der Übersetzung Martin Luthers, denn Luther hat nicht nur das Alte und Neue Testament ins Deutsche übertragen – das haben auch andere nach dem Mittelalter versucht –, er hat vielmehr die dazu nötige Sprache (und damit unsere Nationalsprache, das Hochdeutsche) gewissermaßen erst geschaffen, sozusagen aus einer Mischung aus dem Meißener Kanzleideutsch und einem „Dem-Volk-aufs-Maul-Schauen“. Aber Vorsicht: Diese letztere Redewendung findet man nicht im Matthäus-Evangelium, sondern in Luthers Sendbrief vom Dolmetschen. (Auch den sollte man übrigens genau lesen.)

Wer also das Matthäus-Evangelium nach Luther nicht kennt, hat den Sprachgründungsakt des Deutschen nicht mit- und nacherlebt. (Wer das Evangelium aber heute liest, erlebt nicht wirklich Luther, sondern den mehrmals revidierten Text – philologisch und praktisch zwar brauchbarer, poetisch und sprachgeschichtlich freilich blasser.) Von der Sprache zum Inhalt: Wer das Matthäus-Evangelium nicht kennt, der weiß auch nicht, was eine Bergpredigt ist oder ein Vaterunser (das findet er zur Not auch bei Lukas; doch wer war das?). Er kennt weder Pontius noch Pilatus – oder war das doch nur ein und dieselbe Person? Und Passion – was ist das, außer einer Spielleidenschaft? Wer also dieses Matthäus-Evangelium nicht kennt, braucht sein Licht gar nicht erst unter den Scheffel zu stellen (Matth. 5, 15) – es leuchtet ohnehin nicht stark und lehrt ihn auch nicht die Spuren der christlichen Urtexte und -geschichten in der Literatur und Kunst erkennen.

So viel zu den guten Gründen! Ich halte sie nicht gerade für schlechte, jedoch für schwache Gründe und suche stattdessen nach besseren Anregungen, die mehr bieten als dieses bloße Kulturwissen und zugleich weniger fordern als die gläubige Annahme eines religiösen Textes. (Abgesehen davon: Was wäre das für ein Bildungsbegriff, der nur das formale Notiznehmen verlangt, nicht aber die persönliche Auseinandersetzung?) Wer das Matthäus-Evangelium näher kennt, verliert zumindest ein Vorurteil gegenüber Religion und Kirche, nämlich das Doppelvorurteil, dass die (christliche) Religion es entweder mit Macht über Menschen oder mit weltflüchtiger Innerlichkeit der Unterworfenen zu tun hat. Wer aber die Bergpredigt liest, wird mit einem Text konfrontiert, der sämtliche „Werte“ und „Gegenwerte“ unserer Welt nicht nur umwertet (so Nietzsche), sondern regelrecht befreiend und bestürzend abwertet.

Wer die matthäische Vision vom Weltgericht vor Augen hat („Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern…“ – oder : „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen…“), der wird sich dem Kult der eigen-süchtigen Selbstverwirklichung (jener wahren, freilich gottlosen Religion unserer Zeit) nicht so umstandslos anschließen. Eine Utopie ohne die üblichen gewaltsamen Machtansprüche der Utopisten, eine gewaltlose Revolution ohne die Verblendung der Revolutionäre, ein wirklicher menschenfreundlicher Umsturz, das zum Beispiel wäre das Matthäus-Evangelium.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 10.07.2003 Nr.29
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